Mannheim
Compact Memory

Selbst-Emancipation · 1886-02-02 · Heft 3 (2.2.1886) · p. Seite 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1886
Issue
Heft 3 (2.2.1886)
Date
1886-02-02
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3092672-3092783-3092786--0330-3093273
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 3 S e l b st - E m a n c i n n » > » » .' Vit' 11 Novelle von HleHerrria Wernev. - (Fortsetzung.) „Welchen Vornamen führte eigentlich mein Urgroß- Later?" fragte Josef Salzer. „Du weißt es ja ganz gut: Raphael", antwortete der Gefragte barsch. „Blos Raphael, und nicht auch — Rupertus?“ Der alte Mann sprang erregt von seinem Sitze auf und rief: „Woher hast Du das? Wer verrieth Dir das?" „Das später; jetzt aber, Onkel, ich bitte Dich, befriedige meine Begierde, mehr über meinen Ahn zu wissen. -Sage mir, heiratete er jene Antonie Montnoir, von der ich ebenfalls gehört habe?" „Ja. Josef!" „Und Dein Vater, mein Großvater, war er ein .Kind aus dieser Ehe?" „Ja, mein Kind!" „Gott, ach Gott; so war meine Ahnin keine Jüdin! Und doch danke ich Dir, Allmächtiger, daß ich wenigstens der Nachkomme jüdischer Väter bin, also doch ein Sohn d.s jüdischen Volkes, welches ich liebe mit allen Fasern :>nciner Seele!" — „Ja, das bist Du, Josef, ein echter Jude, wie alle Deine Väter, die alle auch ihr Volk liebten, bis auf den -Einen — und dieser Eine kehrte später ebenfalls reuig zurück zu seinem Stamm und seinem Glauben." „Erzähle, erzähle mir, lieber Onkel, wie das zuging; vielleicht bringst Du etwas vor, was im Stande ist, mich zmit Deinenr Großvater zu versöhnen." „Du sollst Alles wissen; auch ich befand mich einst in ähnlicher Lage, wie Du jetzt. — Ein Kamerad hatte mir die Taufe meines Großvaters vorgeworfen; ich lief -erregt zu meinem Vater und er erzählte mir ans meine stürmischen Bitten, was ich Dir jetzt mittheilen will. Dein Urgroßvater, Raphael Sellier, ein Pariser Jude aus altehrwürdiger Familie, verliebte sich in eine schöne Pariserin, mit Namen Antonie Montnoir. Um sie heimführen zu können, schwor er sein Judenthum ab und nahm das 'Christenthum an. Rupertus Sellier mußte sich aber bald von seinem jungen Weibe und dem Knäblein, das sie ihm bereits geschenkt hatte, trennen, da ihn der große Corse -auf seinem moskowitischen Feldzuge brauchte. Antoniens Bild umgaukelte ihn mitten im Schlachtengetümmel. Der -Krieg war zu Ende; Sellier einer der Wenigen, die nach Frankreich zurückkchrten. Wiewohl gedrückt durch die Demüthigung, welche die vaterländische Ehre erlitten hatte, jauchzte sein Herz dennoch auf, wenn er des schönen Weibes gedachte, das gewiß in Sehnsucht nach dem geliebten Gatten verging. Er wußte nicht, nulch' schmerzliche Ueberraschung seiner harrte. Antome hatte ihm während seiner Abwesenheit die Treue gebrochen; sie war, in der Erwartung, er werde aus dem Russenreich, das zum Grabe der französischen Soldaten geworden, nimmer zurückkehren, mit einem andern Manne in ein Verhältnis getreten. Dein Urgroßvater raste, als ihm diese niederschmetternde Kunde zu Theil wurde. Den Buhlen seiner Frau tödtete er im Duelle, sie selbst klagte er des Ehebruchs an und ließ sich von ihr scheiden. Bald darauf starb sie, indem sie dem Kinde ihres Liebhabers, einem Mädchen, das Leben gab. Sellier wandelte, wüst im Kopfe und todt im Herzen, nach Deutsch- .land aus. Als aber endlich die Apathie, die ihn beherrschte, .zu weichen begann und wieder Verstand und Gefühl in ihn« zu leben anfiengen, da war es ihm, als ob eine -.schwere Schuld ihn drücke, eine Schuld, die die Ursache seines Unglücks gewesen sei. Sein Leid rief das vergessene Judenthum in seiner Brust wieder wach, er bedauerte tief und innig seinen Uebergang zum Christenthume. Hatte er ja in den Reihen der Nichkjuden die Liebe gesucht, dieser Liebe zu Liebe sein viertausendjähriges Volk schmählich verlassen — und statt Liebe ward ihm Verrath zu Theil geworden. Jetzt hieß es: wieder gut machen, was er gesündigt. Er verstand es, in Deutschland seine Taufe zu verheimlichen und so war es ihm -fortan gegönnt, alä Jude leben zu können; als Inden, erzog er auch seinen Sohn, den er mit sich aus Frankreich genommen hatte, und Juden sind wir alle, die wir von ihm abstammen." „Viele Berührungspunkte mit den Geschicken Josef Kerners und seines Sohnes Adolf", murmelte der junge Mann. „Es ist die alte Geschichte", fügte er laut hinzu, „wir wollen uns unserer Eigenthümlichkeit feige entäußern, aber es will uns nicht gelingen. Die Völker stoßen uns immer wieder in unser Judenthum, in unser gelästertes und geschmähtes Wandervolk zurück." „Du hast Recht, Josef; doch es wird besser werden; Israel wird zu neuer Blüthe erstehen und der feige Vrrrath wird in seiner Mitte aufhören!" „Auch ich hoffe es, Onkel, daß Zion seine Söhne wieder sehen wird. — Doch, um auf unsere vorliegende Geschichte zurückzukommen, weißt Du nicht, was aus jenem Kinde der Sünde, aus jenem Mädchen, wurde?" „Zufällig weiß ich es. Mein Vater erzählte mir, daß er auf einer Geschäftsreise in Frankfurt am Main eine Dame fand, die ebenfalls Antonie Montnoir hieß, und daß er nach Einholung genauer Erkundigungen erfuyr, daß sie ein in Paris geborenes, uneheliches Kind einer gleichnamigen Mutter sei. Das war ihm genug; er wußte, daß er die Tochter seiner Mutter, seine Halbschwester, vor sich hatte. — Doch was ist Dir? Du bist ja znm Entsetzen blaß geworden!" „Antonie hieß sie? Und in Frankfurt wohnte sie?" fragte Josef Salzer bebend. „Erfuhr er noch mehr von ihr?" „Daß sie ein leichtsinniges, herzloses Geschöpf sei, ganz wie ihre, seine Mutter. Unter Anderem hatte sie auch den Untergang eines edlen jüdischen, jungen Mannes he>- beigeführt." Der junge Mann wankte und schloß für eine., Moment die Augen, als sei er müde, diese Welt zu sehe». „Bist Du unwohl? Wie sichst Du aus, Josef?!" „Es ist nichts, Onkel; es sind nur heftige Kopfschmerzen, die mich quälen. Ich werde »ach Hause gehen und mich auSschlafen. — Lebe wohl. Onkel!" „Aoieu, Kind!" Josef Salzer kam nach Hause. Er warf sich auf einen Stuhl, stützte den Kopf auf beide Hände und sann: Er war der Verwandte jener Elenden, die den Vater Samuel Kerners in den Tod getrieben hatte. Wenn das seine Braut wüßte! — Und da fiel ihm unmer wieder ein Gespräch ein, das er mit Nösele am Tage nach der Verlobung geführt hatte: „Die frivole Grausamkeit und die unmenschliche Rohheit jenes Weibes, das meinen armen Großvater zu Grunde richtete, erfüllen mich mit Eckel und Abscheu", hatte sie sich geäußert. „Wenn Du sie jetzt vor Dir hättest, jene höhnende Hyäne, würdest Du sie hassen?" hatte ec sie darauf gefragt. „Hassen?" mar ihre Antwort gewesen, indem ihre schwarzen Augen auffnukelten, „eine solche hassen? Bor wem man Abscheu hat, den haßt man nicht, den verachtet man! — Ich würde dieser Megäre um keinen Preis der Welt nahekommen wollen, und wenn es irgendwo auf dem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.