Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1886
- Issue
- Heft 2 (15.1.1886)
- Date
- 1886-01-15
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3092672-3092783-3092785--0313-3093255- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Riga 1× ep/1000826
OCR text
Nr. 2 Selbst-E ui a n c i p a t i o ii! Seite 7 neulich bereits Erwähnung gethan, alle Juden, die sich dort nach 1830 niedergelassen haben, die harte Orvre erhalten, binnen eines Jahres und sechs Wochen alle ihre Geschäfte zu liqnidiren und die Stadt zu verlasse». Aber ivohlgemerkt, diese Unglücklichen dürfen keineswegs ihre Grundstücke anderen Juden, die dort zu wohnen das Recht haben, verkaufen, sondern ausschließlich Christen. Man kann sich leicht den Triumph der Letzteren vorstellen. Auch aus Riga wurden unlängst durch Polizeiverordnung eirca 200 Juden ausgewiesen, und derartige Verordnungen sind noch in vielen anderen Städten an der Tagesordnung. Zu welchen Maßregeln es in Folge harter Handhabung der „Regeln über das Ansiedlungsterrain" kommen kann, sollen folgende zwei Beispiele beweisen. Aus Samara wurde der Goldschmied G u s i k o f f, der dort 18 Jahre lang sein Handwerk ehrlich betrieben hatte, ansgewiesen, weil er außer den Artikeln, die von ihm selbst producirt wurden, auch noch andere derartige Maaren, die er sich durch in- und ausländische Commissionäre verschaffte, in seinem Geschäfte gehalten hätte. Seine Waare wurde confiscirt und er selbst natürlich seinem Geschick überlassen. Desgleich u wurde unbarmherzig aus Moskau der Bäcker und Conditor Chassanoff ausgewiesen. Letzterer, der sich eines ausgezeichneten Renommees unter der dortigen christlichen Bevölkerung erfreute, verkaufte nämlich außer dem Packwerk noch Kaffee, was er natürlich nicht selbst producirte. — Und so werden tausende jüdische Existenzen vernichtet! Lsn Alexander. Belgrad. Nachdem ohnehin in Folge der letzten politischen Ereignisse die allgemeine Aufmerksamkeit auf Serbien und Bulgarien gerichtet ist, glaube ich, daß es Ihre Leser interessiren wird, einiges über die Lage und Stellung der Juden in Serbien zu erfahren: Das Gros der serbischen Inden hat einen gesunden nationalen jüdischen Sinn, doch gibt es ziemlich viele „serbische" Assimilanten. Diese halten sich jedoch meist nur in den Städten anf, wo sie sogar wichtige politische Stellungen einnrhinen. Merkwürdig ist die Thatsache, daß uuf dem flachen Lande sowohl als auch in den Städten die nationalen Juden weit mehr geachtet sind als die affimilirten. Die Mehrzahl der Belgrader, sowie überhaupt der. serbischen Juden, auch in den Städten: Alexinatz, Risch, Csecsak, Kragujewatz sind von nationaler Gesinnung, sehr urbeitsam lind tüchtig und werden selbst von der christlichen Bevölkerung allgemein geachtet. Am Platze wäre es, die instinctiv national gesinnten Juden zu belehren, ihnen Schriften in diesem Sinne anzuempfehlen, um hiedurch den Umtrieben der assimilatorischen Agitatoren entgegenzuarbeiten. Hiebei kommt noch der Umstand in Betracht, daß die hiesigen Juden sehr empfänglich sind für jeden Rath und durch geeignete Schriften viele von den Assimilirten zu den Nationalen übergehen würden. Namentlich ist der Character der Belgrader und überhaupt der serbischen Juden am auffallendsten» wenn man sie mit den in der ungarischen, Belgrad gegenüberliegenden, Grenzstadt Semlin, Wohnenden Juden vergleicht, die alle Afsimilatoren sind, sich magyarisirt oder kroatifirt haben, und die Juden in den Grenzstädten, Pancsova u. s. w. zu ähnlichem Vorgehen verleiten. Lobend muß ich der serbischen Regierung erwähnen, die den Juden nirgends ein Hinderniß in den Weg legt sie im Gegentheil unterstützt ohne Rücksicht darauf, ob sie ssich assimiliren wollen oder nationale Juden sind. Auch die Bevölkerung, der Stadt sowohl als des Landes, — kennt den Antisemitismus ganz und gar nicht. Wohl versuchen es manche hie und da herüber kommende Antisemiten, die antisemitische Seuche iherüberzuschleppen, aber jeder diesbezügliche Versuch scheitert. Mit Bezug auf die in der letzten Nummer der „Selbst- Emancipation" gebrachten Notiz, daß sich die Juden aus Bulgarien so tapfer geschlagen haben, muß ich erwähnen, daß auch sämmtliche in der serbischen Armee eingereihten Juden, nach dem Ausspruche der Officiere u. Comandanten sich wacker gehalten haben, und mehrere Unterofficiere dekorirt wurden. . Dies möge vorläufig zur Characterisirung der serbischen Juden genüge», nächstens weitere Notizen über die Juden in Serbien als auch in Bulgarien. F. <§rez Israel. Colone Siclix-on Jacob, 8. Teweth 5646*). Nach beit bedeutenden Regen in den letzte» Tagen des Monates Kislsv ist eine Veränderung des Wetters eingetreten; des Morgens wehen kalte Ost- und Westwinde, am Tage ist es sehr Heist. Man kann das Wetter überhaupt ein Maiwetter nennen, wozu man schon durch den Umstand berechtigt Ist. daß sich Berge und Thäler immer mehr mit allen Arten von Blumen bedecken. Die Colonisten arbeiten fleißig auf den Feldern und in den Gärte,:, züchten das Vieh, entsteinigen die Felder und säen bereits Gerste. Die Gärten haben die Colonisten in diesem Jahre bekomme» und zwar ziehen sich dieselben hinter den Hänsern in der Breite von 20 Mir. und in der Länge von 100—150 Mir. hin; sie liegen zwischen den zwei Bergabhängen, auf denen die Colonie erbant ist. Bis jetzt waren diese Gemüsegärten mit einer Masse großer Steine bedeckt, welche stellenweise eine dicke Schichte ausmachten. Jetzt aber ist die ganze Oertlichkeit nicht mehr zu erkennen, nur die um die Gärten neu anfgeführten Steinwände erinnern an die frühere Wildniß. An vielen Puiieten sehen die Beete wie schmale Durchgänge zwischen de» großen Steivwälle» aus. — In der vorigen Woche wurde die Abgrenzung und Zntheilnng des neu angekauften Grundes und Bodens beendet. Dieser, der einen Flächenraum von 150 Hektaren besitzt, ist beinahe ein Kilometer von der Colonie entfernt. — I r diesem Herbste wurde unter den Colonisten mehr als 20 Piar Ochse» arabischer Zucht und 32 Kühe vertheilt. — Das Schulgebäude ist bereits vollendet und besteht ans vier großen lichten Sälen, die von einander durch Corridore getrennt sind. Eine jede jüdische Schule könnte dieses Gebäude um seine schöne Ausführung beneide». Wir hoffen, daß die innere Ausstattung die äußere noch übertreffen werde. Hier ist bereits ein Lehrer aus Saffcd angekommen, ein gewesener Colonist von Roäoh Pinah, der sich mit Liebe seinem Berufe hingeben une. der bestrebt sein will, die Schule in rationeller Weise zu leiten. Did Schule zählt bereits über 40 Knaben und über 30 Mädchen (Icon zieh»!) Dieser Lehrer versieht auch in den Colonie» die Functionen eines Rabbiners und Predigers. — Aus die Initiative des Verwalters der Colonie, Herrn Wormser, wurde bei uns eine Chewrah Kadi sch ah gegründet und ei» Platz süc einen Gottesacker bestimmt. Jizchak beu Nachura Epstein. Jerusalem **), am 7. vhauakah-Tage 5846. Geehrter Herr Redacteur! Die Endesgefertigten beehren sich hiemit, sich an Sie zu w.nbeu, im Namen unseres in Zion gegründeten Vereines, der den Ackerbau und die Colonisation des Landes unser Nation zum Zwecke hat. Jegliches unserer Mitglieder ist voll glühender Liebe für dieses hoh- Ziel und für den Gedanke» der Coldnisatio» Palästinas sind wir bereit, den letzien Rest unserer Kräfte zn opfern, damit wir aufleben durch unserer Hände Müh und Arbeit. Die vergangenen Tage, in welchen Jerusalem anf seine im Exile lebende» Helfer rechne» konnte, sind vorüber und heute sehen wir, daß unsere Brüder nicht im Stande sind, uns zu helfen, denn die Lage des ganzen Volkes wird immer trüber nnd zu unserem H-rzleid wird Israel hin- und hergezerrt und verfolgt. Das alles begreift die Gemeinde von Jerusalem nnd darum haben wir uns emporgerafft, den Weg zn suchen, aus welchem wir dazu gelangen können, von unserer Hände Früchten uns zu nähren — durch die Feldarbeit im heiligen Lande. Aber unsere Kräfte sind zu schwach, weil wir zu wenig Mittel besitzen. Mit dem letzten Kcästeauswand haben wir nur so viel in Händen, um Grund und Boden zu kaufen, aber für die anderen erforderlichen Dinge erübrigt nns nichts. Deswegen wenden wir uns bittend an unsere wohlhabenden Brüder im Exile: Versucht doch. Wohlhabende unseres Volkes, nur einmal und helft mit Eurem Vermögen den Söhnen Zions, ob wir nicht gerüstet ziehen werden auf das Feld der Arbeit und ob wir nicht mit Gottes mächtiger Hilfe zum Muster werden unseren Brüder», welche die Aufrichtung Zions wünschen Warum wollt Ihr, Brüder, den Kindern Zions zurufe» : „Ihr seid träge!" nnd warum habt Ihr seit dem Tage, da der Gedanke der Colonisation Palästinas dem Geiste Israels dorzu« schweben anfing, die Söhne Zions von Euch fernegehalten und uns nicht einmal einer Probe werth gehalten? Nicht ist eS heute an der *) AuS dem Russischen übersetzt. **j Ans dem Hebräischen übersetzt.