Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 22 (17.12.1885)
- Date
- 1885-12-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 22 Selbst-E mancipatio»! Zonen gleich mütterlich liebkose und ein gleiches Klima, eine gleiche Boden beschaffenheit die Menschen ähnlicher werden lassen; die Kosmopoliten mögen es doch versuchen, die Gesetze des Lebens auf der Erde zu ändern, damit nicht durch Vererbung Stämme entstehen, deren Denken, Fühlen und Wollen so verschieden sind, als ihre Körperbeschaffenheit. Erst dann, wenn die nach nmwandelbaren Regeln geleitete Natur dem Comandorufc der „Weltbürger" gehorchen wird, wie einst Sonne und Mond dem Befehle Josua's, erst dann wird derAugenblick gekommen sein, wo wir an eine Möglichkeit der Umgestaltung der Menschenverhältnisse im weltbürgerlichen Sinne werden glauben können. Bis dahin hat's aber gute Weile und es bleibt uns daher nur die peinliche Frage noch zu beantworten übrig, ob es so gut ist auf dieser Welt, ob unser Planet nicht schöner wäre, wenn es keine N tionen auf ihm geben würde, sondern bloS der Menschheit gehörige Menschen? Wer der ganzen Menschheit angehören will, ist entweder ein Egoist, der unter dieser Phrase seine Selbstsucht verstecken und dadurch den Grad seines Mitgefühls mit Mitmenschen der Controle entziehen will, oder ein sich überschätzender Schwärmer. Wer zu viel will, erreicht nichts. Wer der ganzen Menschheit helfen will, hilft keinem Glieds derselben. Wenn die Nation schon etwas Unnöthiges ist, umwievielmehr die noch begrenzterr, beschränktere Kö-perschaft.die Familie? „Weg mit der Familie!" Das ist die logische Folge der Wcltbürgerthums, Wozu ist sie denn auch nothwendig? Wozu die Nation? Damit jeder, seine Familie, alle Familien ihre Nation, alle Nationen die Menschheit glücklich machen, veredeln, verbessern? JEBte langweilig! Es geht ja viel rascher, wenn jedes Individuum unmittelbar die ganze Welt in Seligkeit versetzen würde. ES läßt sich nicht leugne», das geht ungemein schnell; freilich würde dieser Weg dazu führen, daß ver- Von Hamburg nach London. Auf der hohen See, 5. Teweth. 5646. Ich habe, dem Entschluffe gemäß, den ich Ihnen schon mitgetheilt, Freitag Vormittags Hamburg verlassen und der langweiligen Landreise über Holland die Reise zur See vorgezogen, die noch langweiliger ist. Ich wurde dazu einfach von der Lust zur Abwechslung geleitet, und eben dadurch laffe ich jetzt alle anderen Reifezerstreuungeil und greife vor Verzweiflung zur Feder. Wie sollte man auch nicht die Geduld verlieren, wenn man den dritteil Tag schon auf den Wellen herumtreibt, das Ziel noch fern ist und das Schiff, gleichgültig, als wenn es dazu verurtheilt wäre, ewig von Welle zu Welle geworfen zu werden, mit fürchterlicher Langsamkeit Schritt für Schritt vorwärts wack-lt. ES ist allerdings ein gräßliches Wetter. Die ganze Nacht heult ein widerwältiger, schauriger Wind, dicke Regentropfen fallen auf die öden, unwüthliche» Meereswässer und dichter, finsterer Nebel' lastet, wie am Vorabend der Schöpfung, über dem ächzende,» Schiffe. Einsam und trostlos ist es in der Cajüte und wüst und schauervoll auf dem Verdeck, kein Stern am Himmel zu sehen, und kein Laut zu vernehmen, außer dem Toben des Windes und dein Rauschen der hochspritzenden Waffermaffen. Der Capitän beschloß, die Fahrt auf kurze Zeit eiuzustellen. Mannigfache Gedanken stellen sich ein, wenn man ein Fahrzeug auf diese Weise mit der rücksichtslose», unerbittlichen Natur kämpfen sieht. So ringt sich ein Mensch durch das Leben und ein Volk du» ch die Weltgeschichte. Nichts kommt mir in diesem ^Augenblicke lächerlicher und bedauerlicher vor, als wenn ein Schiff — und bitter müßte ich lachen, wenn es das u n srige wäre — in dem Zustande, in welchem wir unS befinden, fein Ziel vergessen und plötzlich sich einbilden würde, eS habe die Aufgabe, sich ewig unftät herumzutreiben und »landschaftliches Gefühl; Liebe, eheliche Zärtlichkeit, Hingebung für. sittliche Ideen, frische Thatkraft, Muth und Ehrgefühl von der Erde verschwinden würden! Doch was schadet das? Die nationenlose», familienlosen Menschen Helsen der Gesammtheit, indem sie sich selbst — sie bilden ja zusammen die Gesammtheit — ihre Genüsse verschaffen und dafür sind ihnen alle die närrischen Eigenschaften, die wir oben aufgezählt habe», entbehrlich. Wenn schon alle Unterschiede fallen, wozu noch de» zwischen Mensch und Thier aufrecht halten? Der Thierheit, nicht der Menschheit, gehörige Menschen — das ist das Ende der weltbürgerlichcn Umwälzung der irdischen Verhältnisse! Also danken wir Gott, daß wir dieser Revolution noch ein wenig ferne sind. Die Bürger einer Weltbürgerwelt würden sicher nicht lange der Dampfes und des elektrischen Funkens sich bedienen, deren treibende Kraft die in Nationen gegliederte Menschheit gefunden hat. Der Irrwahn der Kosmopolitismus entspringt einem mißverstandenen Humanitätsgefühl. Edle und reine, von allen weltbürgerlichen Utopien weitentfernte, Menschlichkeit ist es auch, die Jesajas in seinen herrlichen Weissagungen lobpries. Er spricht von N a t i ouen, die die Schwerter mit den Pflügen vertauschen werden, aber nicht vom Aufhörcn der Nationen. Nur nationales Gezänke und kleinliche Streitsucht der Völker »varen es, die dem großen Propheten, der gerade ein heißes Nationalgefühl für sein unglückliches Volk bekundet, daL Verlangen nach dem endlichen Völkerfrieden (nicht Menschheitsfriede»») erregen. Also fort mit dem Kosmopolitismus! Er erstickt die Keime wahren Fortschrittes, wahrer Sitte und wahren Glückes. Gerade unser Volk ist es aber leider, das diese farbenschillernde Viper am zärtlichsten am Busen hegt und pflegt. Und fragen »vir unS nach dem Grund dieser Erscheinung, so brauchen wir um die Antwort nicht verlegen zu sein. Ec ist unser W a n d e r,e l e n d. Tausende, etwa das große, weite Meer zu beherrschen. Erbärmlicher Wahnsinn! Wenn unserem Capitän jetzt die fixe Idee in den Kopf käme, nicht nach London zu fahren, sondern eine Reise um die Welt zu machen; wir hätten uns daher unserem Schicksal zu überlassen und aufs Gerathewol geradezu zu steuern, es wäre uns ja an keinem Ziel gelegen und die Welt würde doch schon irgendwo ihr Ende haben .... wir hätten vorläufig alle Hoffnung aufzrlgeben, einen Hafen zu erlangen, sonder» ganz ruhig und wohlgemuth auf den Wellen unsere Heimat zu gründen, dafür seien wir ja die berühmte weltumsegelnde Expedition!.... Mich schaudert, wenn ich de»»ke, ein solcher. Wahnsinn könnte jemals die Mannschaft erfassen. Und doch ist es Thatfache; es wird unserem Volke.fortwährend von der Kanzel geprediget, und die eitle, unsinnige und urtheilsunfähige Masse hört mit Selbstgefälligkeit sichvon ihrer fabelhaften Weltmission Wunderdinge erzählen und sagt, es muß doch wohl wahr sein! Jndrssen, die Strafe bleibt nicht lange aus. Dort steht in der Ecke ein elendes Subject, einer der „Weltumsegler", ohne Hoffnung und ohne Trost, an seinem Leben verzweifelnd und möchte arn liebsten über Bord springen, in den Abgrund sinken,, im Elemente aufgehen, nur um feinen Leiden ein Ende zu machen.... Ist nicht die Assimilationssucht eine solche Seekrankheit? Ist nicht der Antisemitismus, die Verzweiflung und Selbstverachtung die wohlverdiente Strafe? Springet in die Tiefe, »nuthlose Schwächlinge, eitle, gedankenlose Nachäffer in selbstvergessener Zerstörungsraserei! Stürzet in den Wasserschwall, geht selbstmörderisch zu Grunde — nichts ist an eurer» Dasein gelegen, wenn ihr den Mnth nicht habt, es zu vertheidigen und überflüssig ist' eure Existenz, wenn ihr die Ehre nicht kennt, euch äls Menschen zu fühlen! ' , a.