Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 20 (17.11.1885)
- Date
- 1885-11-17
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 S el b st - E manc ip a t i o n! Seite 11 sage Dir: So mancher hätte diese S«le vermuthet; so | mancher, — SternbergL Stimme nahm einen erregten Klang j an — der seine Sinne mehr zu meistern vermag als Du; > so mancher, dem die Schönheit einer Mädchens nicht den Blick verschleiert für ihre übrigen Eigenarten." „'Du beleidigst mich fast, Eduard. Erst als ich mich überzeugt glaubte, daß Rosa ebenso sittlich und geistig als körperlich vollkommen fei, gewann ich sie wahrhaft lieb." „Daß Du aber diese Ueberzeugung so schnell gewannst, oder vielmehr, daß Du Deine berechtigten anfänglichen Zweifel so rasch unterdrücktest, das ist ja der Beweis dafür, wie sehr Du ein Sclave ihrer Schönheit geworden warst." „Mein Gott! — Die Anmuth ist etwas, was daS Menschenherz voreingenommen macht. Du kennst ja den dieser Voreingenommenheit entspringenden Grundsatz der Griechen, daß in einem schönen Körper eine schöne Seele wohnen müsse." „Kommst Du mir mit den Griechen, Simon, — Du, der Du für unser Volk und seine Ideen so begeistert bist? Diesem so oft durch Thatsachen widerlegten Satze deS oberflächlichen HellenenvolkeS stelle ich die herrlichen Worte des jüdischen Dichters entgegen, die da lauten: „Trügerisch ist die-Anmutb, vergänglich die Schönheit, ein gottesfürchtigeS Weib ist rühmenswertb." Diese Worte, sie heißen nicht den Liebreiz verachten, sie. sind kein Zeugniß einer mönchischen Gesinnung, sie verlangen nur, daß man die inneren Vorzüge höher schätze als die äußeren. JÖiefe Worte warnen nur davor, der Körperschönheit }ii Liebe daS Mängeln der Seelenschönheit, welche die wahrhaft dauernde und beglückende ist, zu übersehen. Und denke nicht, daß, weil diese Rosa nun in der ganzen Häßlichkeit ihrer Seele vor Dir steht, keine edlen Mädchen mehr zu finden seien; suche und Du wirst gewiß ein solches treffen, wo innere mit äußeren Vorzügen verbunden sind. Die Schönheit ist etwas Erhabenes, aber Serlengröße und Herzensgüte find noch viel erhabener und daher inuß der Mensch auf der Suche nach dem Einen auch die Zweiten zu finden wissen." Sternbcrg hotte . mit Eifer gesprochen. Simon war sichtbar erschüttert. Die Worte des Freundes hatten auf ihn gewirkt. „Ich will er versuchen, den Glauben an die Menschen wiederzugewinnen," sagte Simon. „Ich bin wenigstens bereits zur Einsicht gekommen, daß nicht alle sind, wie Rosenthal, denn in Dir habe ich einen treuen. theilnahmSvollen Freund; ich danke Dir." Berger drückte Sternberg die Hand. Dieser war mit dem Erfolge zufrieden und -fühlte, daß er genug gesprochen habe; das W itere konnte er bereits ruhig'dem gesunde» Sinne Bergers überlassen.- Monate waren vergangen. AUmälig war die heitere Ruhe in Simon Berger wieder eingekrhrt. Er hatte sich zwar anfangs mit demjenigen Trotze, der gewissen Temperamenten eigen ist, gegen die Ueberzeugung zu sträuben versucht, als wäre er bereits wieder fähig, glücklich unter den Glücklichen zu sein, aber es gelang ihm endlich dennoch, diesen Trotz zu besiegen: Er lernte gute und böse Menschen kennen und erkannte, daß man, um zufrieden zu sein, nichts anderes thun müsse, als jenen Achtung, diesen Verachtung entgegenzubringen. Volle, uneingeschränkte Verachtung war es auch, die er dem Brautpaare Rosenthal und Rosa gegenüber empfand und volle, uneingeschränkte Zufriedenheit. darüber, daß er in keiner Beziehung mehr zu diesen Leuten stand. Er dünkte sich wie neugeboren. — Roch ein Jahr verstrich. Eines Tage» überraschte die beiden Freunde eine Einladung zur Trauung Albert Rosrnthals mit Rosa Katz. „Laß' Deinen Puls fühlen" sagte Sternberg zu Berger und ergriff dessen Hand. Berger reichte sie lächelnd dem Freunde hin. „Du bist vollständig genesrn. — Ganz normal." § n b e, Irr Grrlum. (Erzählt von 3. Feld.) Ich bin aus Rußland gebürtig — erzählte ein Jüngling — und habe das Schicksal der ausgetriebenen Juden getheilt. In Galizien angelangt, trennte ich mich von meinen Leidensgefährten mit dem festen Vorsatze, entweder das Glück aufzusuchen, oder diesem elenden Leben ein gewaltsames Ende zu machen. — Die Nacht überraschte mich auf dem einsamen Pfade, den ich mechanisch eingeschlagen, und da in der Nähe kein Obdach sichtbar war, beschloß ich, unter freiem Himmel zu übernachten. Die Mühsale der Wanderung hatten meine Kräfte derart erschöpft, daß ich bald, trotz des primitiven Lagers, daS aus thaufeuchtem Rasen bestand, stark einschlief. Meine rege Phantasie ruhte nicht lange und beschäftigte sich mit lieblich n Bildern und Erinnerungen auS vergangenrn Zeiten. Die Bilder waren anfangs verschwommen und undeutlich; doch endlich ordneten sie sich und. ich stand in dem erhabenen Gottes Hause Salomon's. Das Wochenfest wurde eben gefeiert. ES strömte» von allen Seiten die Israeliten herbei, mir fröhlichen Mienen und köstlichen Gewändern. Die Tempelräume füllten sich, die Altäre dampften, die Posaunen erschollen und in den Gesang der Leviten stimmte das Volk mit jener herzergreifenden, orientalischen Melodie ein. 'Da trat von ungefähr ei» Fremdling herein und betete, zum Allmächtigen mit Inbrunst. Das Volk ringsherum störte ihn nicht; der Hohepriester aber faltete die Hände gegen den Himmel und ries: „Gütiger Vater der Menschen! Erhöre dar Flehen dieses Fremdlings; denn Du hast Dich ja unser auch erbarmt, als wir Fremdlinge waren im Lande der Egypter!" Das Traumgebilde ward immer mehr verworren. Ich sah Blut und Feuer und Feuer und Blut. Ein giftiger Lufthauch würgte Tausende Menschen hin. Jetzt wurde das Schauspiel deutlicher. Ich sah ein Tribunal. Ein siecher, jüdischer Greis wurde vorgeführt und gefragt, warum er die Brunnen vergiftet habe. Vergebens betheuerte er seine Unschuld; der glühende Stahl wurde ihm in die Augen gebohrt. — Die Schergen fletschten die mörderischen Zähne und schleppten das zweite. Opfer herbei. „Wozu brauchst Du Christenblut?" donnert ihn eine schwarze Maske an. „Mein Genüssen ist rein!" entgegnete der Jude. „Reißt ihm die lügnerische Zunge auS dem Rachen!" donnert eS wieder und im Nu ward der Befehl vollzogen; Ich wandte mich mit Entsetze» weg. Neue Bilder stiegen auf. Ruinen ragten im blassen Mondesstrahle auS dem verödeten Boden empor. Hie und da jchimnierte der Halbmond einer Moschee. Derwische kauerten in den Straßenecken und Alle« schien in einen düsteren Schlaf versunken. Nur von einer Seite her ließ sich ein Geräusch vernehmen. Ich blickte hin und sah eine verfallene Mauer des jüdischen Tempels. Um dieselbe waren Juden aus allen Weltgegenden eifrig beschäftigt und boten den Anblick der Thurmbanes von Babel; denn auch hier herrschte eine große Sprachenverwirrung, so daß Keiner den Anderen verstand. Ihre Thätigkeit bestand aber darin, daß sie mit einer wahren Berserkerwüth die einzelnen Steine der letzten Tempelruine loSlösten und zerstreuten. Oben auf dem 1