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Selbst-Emancipation · 1885-09-02 · Heft 15 (2.9.1885) · p. Seite 16

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 15 (2.9.1885)
Date
1885-09-02
Page
Seite 16 (sequence 16)
Language
German
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Seite 16 Selbst-E mancipatio«! Nr. 15. d r r A j f i m i l a n t e n hat ja das jüdische Volk aus der Welt geschafft; tausende Männer der Feder und des. Wortes haben ja hinausgerufen in alle Lande: I s r a e l's B o l k s t h u m hat o u s g e h ö r t z u s e i n, d i e a l t e n H e b r ä e r si n d ii i ch t m e h r (Bewegung), mosaische Deutsche, Slaven, Engländer u. s. w. sind an seine Stelle getreten. (Rufe: Leider!) Ja, Tausende haben es behauptet, aber Einer, der sie olle übcrragle, hat durch sein Handeln und Sprechen seine gegenthei. lige Ueberzeugung bekundet: Er, der Baronet des mächtige» Brittenreiches, in der' Millionen-Themsestadt ' erzogen und groß ge - worden, hat n i ch t L o n d o n, sondern Jerusalem auf sein Wappeu geschrieben, hat nicht die Kreidefelsen Albions und seine brandenden Küstengewäffer darauf gezeichnet, sondern die C e d e r des Libanon und die P a l m e Zions. Seine Lieblingssprache war n i ch t die englische, sondern die hebräische. Er ist siebenmal gepilgert — nicht nach dem freudenreich e n Paris, nicht nach dem b l ü h e n d e u I t a l i c n, sondern nach dem v e r ö d e t e n K a u a a n, der Stätte einstiger jüdischer Herrlichkeit. Er hat als bnudertjähriger Greis, als ihn eine Depuiation des großen „Montefiore-Berbandes für Colonisirung Palästinas" beglückwünschte, mehrere Male „Theures Zion!" ausgerufen und den Gratulanten mit Thränen in den Augen die Hilfe des Allmächtigen und die Erreichung ihrer Ziele in Aussicht gestellt. Wenn Jemand aus solchen Worten und solchen Thaten etwas Anderes herauslesen wollte, als die innerste Ueberzeugung von dem Fortbestände Israels als Station, von der moralischen und historischen Berechtigung dieser Weitcrexistenz, eiwas Anderes herausfühle» wollte, als die glühendste nationale Begeisterung, als den lauterste» Patriotismus für den jüdischen Boden des heiligen Landes, als die sehnsüchtigste Erwartung einer nationalen Erlösung — wer den großen Tobten anders auffaffen wollte, als in dieser Weise, fürwahr, er könnte kaum ernst genommen werden. (Richtig!) Ja, Moses Montefiore, der von einer ganzen Welt Bewunderte und Verehrte, der Alle Ueberragende, h a t ii i ch t so gedacht, wie die Assimilanren denken, hat nicht so gefühlt, wie diese fühlen. (Stürmischer Beifall.) Sollen nun diese seine Gedanken haltlos und verirrt, diese seine Gefühle nutzlos und verschleudert gewesen sein, soll er ein Jahrhundert nahezu einem Phantome geopfert habe»? Soll sie wahr sein, die Schreckensmähre, die zu nnsereu Ohren dringt, daß das claffifche Volk der Milde, des Erbarmens und der Sitte gestorben und verdorben ist, — ist sie vielleicht deshalb wahr, weil sie von eigenen Söhnen dieses Volkes erzählt wird? Ist dem wirklich so, daß die Geschichte mit eiserner, grausamer Strenge uns zuruft: „H i n w e g, hinweg v o n m e i n e r B ü h n e I" —? (Tiefe Bewegung im Auditorium.) Nein und »ein und in alle E w i g k e i t n e i n! Es kann, es kann nicht so sich verhalten; denn ein Stamm, in deffen Mitte eine I d ealg est a l t, wie Moses Montefiore erstehen kann, hat die nöthige sittliche Kraft, um selbstständig fortzuleben, har das Recht zu hoffen und hat die Aussicht, das Erhoffte zu erlangen. (Skürmiicher Beifall.) Und würde uns auch jeder andere Beweis dafür Mangel», der allein müßte genügen. Doch wir sind nicht blos darauf angewiesen: für uns spricht die Geschichte, für uns spricht die Moral. Wir leben ja nicht im ersten Exile, sondern hatten bereits zwei mitzumachen, die wir jedeSmal überwanden. Unsere Affimilanten von heute find auch keine Bahnbrecher auf diesem Gebiete und so, wie ihre Vorgänger in den letzten zwei Jahrtausenden stets Bankerott machten, so müssen auch sic im Kampfe gegen die Gesetze der Naiur unterliegen, so muß auch ihre Empörung gegen das Sittengesetz, das den Selbstmord verdammt, ohne Erfolg bleiben. (Sehr richtig!) So oft die Affimilation, diese Verführerin des jüdischen Bolkes, ihre unheilvolle Thötigkeit beginnt, hat sie eine scheinheil ige Maske vor, damit das Volk die darunter steckende sittliche Verwesung und V e r k ü m in e r u n g nicht merke uud sich dann Nlchr etwa mit Entsetzen davon abwende. Die. beiden schönsten Momente des gesellschaftlichen Lebens, die den Menschen zum Menschen machen, V a t e > l a n d und Glaube müffen herhalten, müffen Helsen, de» Triuiiiphwageii der Assimilation zu schleppen. Aber stets jolgt dieser Eiilweihung die verdiente Strafe, denn unter her unmäßig drückenden Last von Lug und Trug bricht die Axe und krachend stürzt der papierschwache Triumptwagcn der Assimilation zusammen. Wo gibt es, frage» wir Nalionaljuden, eineuAffimilauten, der sein Geburtsland/ — wiewohl er es stets im Munde führt und dessentwegen sein Ahnenland vergesse» zu haben sich rühmt, — so lrebte, als Moses Montefiore, der z i o n S b e g e i st e r t e Montefiore, jeiu_ England geliebt hat, und wo findet sich ein Affimilant, der trotz seines Pochens auf das mosaische Bekenntniß die Lehre MosiS so innig erfassen würde, als Moses Montefiore, der Nation'alju de? Daher, wenn sich uns die assimilatorische Versuchung nah» und ibr giftgeschwollener, heuchlerischer Mund die so herrlichen, auf diesen Lippen aber widerlichen Worte ^Vaterland" und „Religion^ uns entgegenzischelt, dann laßt uns dieses eckle Gespenst mit dem weihevollen Nämeu deS Verklärten, »» i t d em Wo rte „Mon t efior e" zur Hölle schicken, d e r eS e n l st a m m t. (Beifall.) Haben wir aber einmal diesen Name» ausgesprochen, dann werden wir uüS ganz unserer Aufgabe erinnern, dann werden wir' den Geist der Montcfiorc'sÄen Liebe in uns einziehen fühlen. Der Klang des Wortes „Montefiore" weckt in uns die Ahnung einer endlichen wahren Erlösung, der wir entgegengehen, einer Erlösung,' die so ganz anders ist, als die assimilatorische, welche iw Selbsttödtung besteht. (Richtig!) Doch möge dieser Name nicht blos ein Zauberwort sein, gut genug, um für einen Moment Gespenster zu vertreiben, er möge vielmehr uiit seiner Bedeutung uns ganz durchdringen, er möge der Denk- und Fühlweise Montefiore's nnS nähern, er möge unsere schwache», in der Vereinigung erstarkenden Kräfte zur Anstrebung der Moiitefiore'schen Zielanspornen. (Bravo!) Und wenn wir heute in Wahrheit das Gedächtniß deS edlen, in seiner Sittenreinheit den jüdischen Stamm repräsentirenden Montefiore ehren wollen, so sollen es nicht blos kahle Worte sein, durch die wir das versuchen; wir müssen vielmehr bei der in Himmelssphären weilende» Seele des großen Verstorbenen geloben, seine» uns gegebenen Beispielen zu folgen: Ebenso wie er in seinem ganzen Lebe» die Sprache der Ahnen bevorzugte, so müssen auch wir die herrlichen, kraftstrotzendei: Laute, in denen das Weltbach der Bibel geschrieben ist, unserem Munde wieder geläufig machen. (Beifall.) Aber vor Allem müffen wir für das erhabene Ziel arbeiten,, das ihm stets vor Ange» stand und das er Einer gegen Alle zu erreichen versuchte. ' Wenn unser großer Nationaldichter Jehudah Halevy, gebrochenen Herzens Zion als seine Geliebte besingt, die >ür ihn unerreichbar ist, so war es bei Montefiore anders. Auch von ihm kann man das Halevy'sche Gleichniß theilweise anweuden: aucher licbte Jerusalem-mit jener'ungeheuren Gewalt, mit welcher der Jüngling das Weib seiner Wahl liebt, auch ihm ward keine Erhöru»g zu Theil, aber die Rieseuthatkcaft und der ewig jugendliche Much, über die er verfügte, ließen ihn stets hoffen, ließen ihn den Kampf soctsetze» um die spröde Geliebte, um die holde Zionstochter. (Stürmischer Beifall und Häiideklaischeu.) So müffen denn auch wir,, wie er, unser leiichtendes Muster, unerschütterlich n n d nimmer schwankend, von der gewaltigen Triebkraft leidenschastlicherSehn sucht aufrecht gehalten, unbekümmert um d i e S ch m ä- Hungen albern erod er böswilliger Verleit md e r, u u s e r e V o l k s h e i m a t im Auge behalten,- dasLand. in d e m w i r d a s geworden, was wir noch sind: Eine für die Vervollkommnung d e r M e u s ch h e i t kämpfende Nation! (Rauschender Beifall.) Und Handel» wir so, dann wirken wir in Montefiore's Geiste, dann wirken wir für die Erreichung des Zieles, das auch Montefiore anstrebte, ohne es leider erreichen zu können; dann wird eS kommen, daß ein späteres Jahrzehnt oder I a h r h u n d e rt, ein- Zion-umarmendes, echt hebräisches Israel seheir wird. (Minutenlanger Applaus und Händeklatschen. Redner mird von allen Seiten beglückwünscht.) Nach der Schlußrede eiecutirte noch Herr Obercantor I Bauer samint Chorquartett den Trauerchor „SchrwritH“ in gesanglich vollkommener Weise und mit einem Orgelpostludium des Herrn Chordirigenten I. Löwit, der auch die Gesangsnummern begleitet hatte, schloß die schöne lind erhabene Trauerfeier um den großen Montefiore. —- Unter den zahlreich eingelaufenen Telegrammen und Zuschriften sind hervorzuheben: Hamburg. Seine herzliche Theilnahme an der Feier bezeugt Verein „Ahavass Zijon“, Hamburg. Bottuschan. Mit tiefem Schmerze drückt seine Condolenz aus Verein „Arial". L e m b e r g. Wackere Genossen! Unermeßlich und unersetzlich' ist der Verlust, den die gesammte jüdische Nation durch das Ableben, des wackeren Philantrophe» Sir Moses Montefiore erlitten. Wen»' wir Ihne», Ihr Vorboten der jüdischen Zukunst, hiemit unsere aufrichtige und warme Theilnahme anläßlich der von Euch veranstalteten Trauerfeier kundgeben, glaube» wir einem Gefühle Ausdruck zu oerleihen,, welches alle jüdischen Herze» jetzt schmerzlich durchzieht. Halter fest, edle Freunde, in Leid und Freud' und seid brüderlich gegrüßt vom Verein „MIlra Kodesch“ stud. zur. Feld Rabb. Dr. K o b a ck d. z. Schriftführer. d. z. Präses. Von Herrn Ingenieur Georg Schloß, der dein- Trauerfeier-Comitä präfidirt hatte, in letzter Minute aber durch plötzliche Abberufung in seine Heimat an der Leitung, des Trauerabends verhindert wurde, langte folgendes Telegramm ein: S t a n i s l a u. Stammesgenoffen! Möge Euch Montefiore's nationales Wirken, eine Lenchte sei»' aus Eurem Wege geu Zionl- So ruft Euch ein Verächter der assimilatorischen Schamlosigkeit, einunverfälschter Nationaljude zu.

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