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Selbst-Emancipation · 1885-08-18 · Heft 14 (18.8.1885) · p. Seite 11

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 14 (18.8.1885)
Date
1885-08-18
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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9tr. 14 S e l b st - E m a n c i p a t i o n! Seite 11 Äugen den Lemech Kalkgruber gesehen und ihn spöttisch den „ewigen Bräutigam" genannt — und jetzt hat ihm Salomo Weinberger, ein angesehener Mann, seine berühmt schöne und geistreiche Tochter sammt 40.000 Gulden Mitgift gegeben. Wählte er etwa Ihren B. oder andere dieser Art? Nein, den Lemech Kalkgruber wählte er, daS aber ist mein Werk." „Das ist erlogen!" rief ich, „auch wenn Himmel und Erde es bezeugen sollten, ich würde es nimmer glauben." „Dem Himmel und der Erde mögen Sie nicht glauben, Sie sind ja ungläubig, wie ich schon sagte — aber wenn ich es Ihnen schwarz auf weiß zeige, so werden Sie doch nicht länger zweifeln wollen", erwiderte der Schadchen, indem er aus seiner Brrlsttasche einen Brief hervorzog, der von Salomo Weinberger geschrieben war und in dem ihm dieser anzeigte, er werde ihm fünfzehnhundert Gulden Vermittlungsgebühr schicken. Einige Minuten war ich starr vor Staunen, unfähig, ein Wort zu sprechen. Der Schadchen rüttelte mich aus meiner Verwirrung auf, spottete über meinen Unglauben und sagte dann: „Jetzt will ich Ihnen die Geschichte dieses Schiduchs von Anfang bis Ende erzählen und dann werden Sie zur Einsicht kommen: Als die erste Frau des Lemech starb — —" „Wie? Was? Eine Frau hatte er auch schon?" rief ich entsetzt. „Unterbrechen Sie mich nicht und hören Sie lieber zu. Als seine erste Frau, die ihin sein Vater auS Rumänien genommen hatte, starb und ihm zwei Söhne hinterließ.. „Söhne hat er ebenfalls?" rief ich, außer Stande mich zurückzuhalten; der Erzähler aber schien diesen Ausruf zu überhören und fuhr fort: „-da sagte sein Schwiegervater, daß die Mitgift Erbgut der Kinder sei, und weil das Geld in seiner Hand sich befand, war eS ihm ein Leichtes, ..seinen Willen durch;» setzen, das Geld für die Waisen zu behalten und Lemech selbst aus dem Hause fortzuschicken. Da nun erst recht Niemand in Rumänien sich fand, der dem Witwer seine Tochter hätte geben wollen, beschloß er an seinem Schwiegervater Rache zu nehmen. Er ward wie dieser ein Mäkler zwischen den geldsuchende» Cavalieren und den Wucherern, die er sämnitlich persönlich aus der Zeit her kannte, in der er im Hause seines Schwiegervaters bei Kuchen und Wein gewohnt hatte. Bei diesem Geschäfte erwarb er sich Geld, aber auch sein Schwiegervater ruhte nicht und versetzte ihm empfindliche Streiche, einmal und noch einmal und voraussichtlich noch ein drittes Mal. Da sah Lemrch ein, daß ihn hier mit Gottes Willen nimmer die Hand, sondern die Füße allein retten könnten und er kehrte in seine Vaterstadt, nach Lemberg, zurück. Auf dem Wege dahinklernte ich ihn kennen, beruhigte ihu und versprach ihm Trost für seine Trauer zu finden. Ich dachte wirklich daran, dies zu thun, denn er hatte mir ausnehmend durch das gefallen, was er über sich selbst sagte; er besitze viel Vermögen und viel Erfahrung, sei in allen Wissenschaften und Sprachen bewandert und anderes dergleichen. Der Mann ist — sagte ich mir -- gläubig, er wird sich von meinem Rathe leiten lassen. Er gab nun das ganze Geld, das er sich in seiner Vaterstadt, wo er seine frühere Beschäftigung ungestört fortsetzen konnte, erarbeitete, mir und zwei, drei Heiratsvermittlern, die mit mir accompagnirt waren; wir machten mit seinem Gelbe unsere Wege, bezahlten Quartier und Lebensbedarf und suchten ihm eine gute Partie. Er aber war mit allen Anträgen unzufrieden und verlangte stets höher hinauf; es gab beinahe in ganz Rußland und Polen kein Mädchen mehr, vas man ihm nicht angetragen hätte; auch war es uns schon passirt, daß wir fertig waren, die Verlobung bereits stallgefnnden hatte und doch nachträglich aus der Sache nichts geworden war. So bekam er den Beinamen „der ewige Bräutigam". Nichrsdestoweniger hat er, wie Sie sehen, trotz alledem Glück gehabt und, was wir nicht erwartet hatten, trat ein : Salomo gab ihm seine Tochter und in fünfzehn Tagen wird die Hochzeit sei». So habt Ihr den» alle geirrt, die ihr sagtet, daß er dumm und tölpelhaft sei, denn er besitzt in der Tha Kenntnifie, Geld und Adel, was der Umstand beweist, daß ihm Salomo Weinberger seine Tochter gab. — Nehmen Sie sich meine Worte zu Herzen und werden Sie klug!" Ich fand keine Worte, um ihm zu antworten und schwieg. Ein Mann aber, der am zweiten Tische neben uns saß, und, als ob er unser Gespräch nicht hörte, sein Glas anstierte, wandte sich plötzlich zu uns und sagte: „Er hat weder Geld noch Kenntnisse, noch gab ihm Salomo Weinderger seine Tochter, denn die Partie ist bereits wieder zurückgegangen, nachdem Weinberger erfahren hat, daß ihn Heiratsvermittler umgarnt hätten." Nachdem ich mich von der Ueberraschung über das eben Gehörte erholt hatte, sagte ich zum Schadchen: „Ihr müsset fallen! Run sehet, daß Eure Werke schwach sind und Euere Theorien haltlos. Alle Eure Mühe war vergebens, denn Eure trügerische Tünche ist wieder weggewischt. —" „O, Ihr Kurzsichtigen", erwiderte der Schadchen kopfschüttelnd, „noch sind Eure Augen verklebt und Ihr seht nicht, daß ich mit allen meinen Behauptungen Recht hatte. Habe ich denn nicht an mich zuerst gedacht: Ich habe dar Ver« mittlungshonorar schon längst in der Tasche, der Bräutigam wird wieder unsere Hilfe erkaufe» und die Braut — auch die ist uns noch nicht losgeworden." „Aber was nützt eS dem Bräutigam", rief ich spöttisch, „wenn Ihr Euer Geld einheimiet? Ec hat ja nur Schande davon, oder glaubt Ihr, daß auch er zu der zweiten Kategorie gehöre, welche zu sammeln versteht, nicht aber festzuhalten." „Keineswegs", erwiderte er mir zuversichtlich, „seine Mühe wird reichlich belohnt werden, denn jetzt werden wir für ihu leicht eine sehr gute Partie finden, da viele sehnsüchtig auf ihn warten, nachdem er Salomo Weinberger'S Schwiegersohn hätte werden sollen. „Wenn Weinberger sich in ihm geirrt hat, so könne» auch wir in ihm uns irren", werden viele sagen, die Geld, Ansehen und schöne» kluge Töchter besitzen; und wenn auch die neue Partie um einen Grad geringer sein wird, als die des Weinberger, hat er dann nicht auch Großes erreicht. Jetzt bedenken Sie noch, daß Lemech ebensowenig wie wir, sagen wird, Salomo Weinberger habe ihn ausgeschlagen, sonder» er habe an jenem keinen Gefallen gefunden, und daß die Feinde und Neider Weinberger'S dazu Amen rufen werden. Dadurch wird also der Rang Lemechs noch größer werden. — Jetzt aber widersprechen Sie nicht länger und danken Sie mir, daß ich Ihnen die richtige Lehre gegeben. Auch sind Sie verpflichtet, mir Lehrgeld zu zahlen." „Wollt Ihr Wein, so trinkt!" sagte ich. „Das nicht; etwas anderes wünsche ich." „Und das wäre?" „Rathen Sie Ihrem Freunde B., dem künftigen Universitätsprofesior und der Leuchte seines Volkes, daß ec die Wege des Lemech Kalkgruber wandle, oder daß er, wenn er weiter bescheiden sein will, sich eine Schneiderstochter ohne Geld nehme und mit ihr in Freuden bei einem trockenen Stück Brodes lebe." „Haltet Euer Lästermaul, Schadchen, Genosse des Satans", rief ich ihm nach, er aber wandte sich nochmals um. lächelte in seiner gewohnten Weise und sagte: „Möge Ihnen das Geheimniß des Siwug, das ich Ihnen eröffnete, nicht unwichtig scheinen. Man überzeugt sich nicht früper von der Richtigkeit der Thora, als bis mau an ihrer Nichtbeachtung strauchelt. Gerade so hier. Merken Sie sich ) Nach diesen Worten ging er hinaus, ohne Zweifel,

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