Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 13 (3.8.1885)
- Date
- 1885-08-03
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 S el b st - E m a n c i p a ti o n! Seite 11 diesem Schadchen, „Ihr wisset es ja gerade so gut wie ich, daß dieser A. nicht „lernen" kann, ungebildet ist, nicht aus gutem Hause stammt, kein Vermögen und keine Stellung besitzt und doch habt Ihr ihm ein schönes und geistreiches Mädchen mit Vermögen und Herzensvorziigen zu verschaffen gewußt. Dagegen findet Ihr für B., den künftigen Universitäts-Professor, der alle Gaben besitzt und der bald der Stolz ganz Israels sein wird, keine passende Lebensgefährtin und dabei rühmt Ihr Euch noch, ein Schadchen zu sein, der Alles im Stande ist." „Ja, so ist es," antwortete er ruhig, aber A. ist ein praktischer Mann, der schon Vieles leistete, während B. bisher kein Glück hatte." „Daß Euer Lügenmund verstumme, Schadchen!" rief ich in meinem Zorne. „Regen Sie sich nicht auf, mein Herr," erwiderte er mir, „hören Sie mich geduldig an und ich will Ihnen auseinandersetzen, wie es in der Welt zugeht und dann werden Sie das Geheimnis des „Siwug" verstehen. Wissen Sie venu nicht, daß jeder Mensch seines Glückes Schmied ist und, wie es einen Sieg durch Körperkräfte gibt, so auch einen Sieg durch die Waffen der Zunge? Oder glauben Sie wirklich, daß mau in der That nur Geld gibt den Neichen und Ehre Dem, dem sie gebührt, daß mau nur von Demjenigen sage, er sei von gutem Hause, dessen Familie makellos ist, und umgekehrt nur Den als von schlechtem Hause stammend bezeichne, in dessen Verwandtschaft sich lauter Auswürfe befinden? Wenn Sie dieser Meinung sind, dann bedauere ich -Sie und Ihren Leserkreis und es ist ein Glück für Sie und für die Juden, daß Sie nur ein Schriftsteller für Israel geworden sind, sonst würden alle jungen Schriftsteller der Völker Sie auslache» und Ihnen znrufen: Sie sind noch nicht aus Ihren beschränkten Talmudvorstellungen heraus und haben nur schwankende Begriffe von der Welt. Aber die Welt geht ihren natürlichen Lauf nicht so, wie Sie und Ihresgleichen cs wünschen würden. Sahen Sie nicht selbst vor einiger Zeit, wie man den C. von Amerika zuiückbrachte, wohin er mit dem vielen Gelbe geflohen war, das er zu sich genommen hatte? Und woher hatte er das viele Geld? Ohne Kreuzer war er aus seiner Heimat gekommen, aber das hinderte ihn nicht, in einem der fashionablesten Hotels abzusteigen und sehr ausgesucht zu tafeln. So wurde er bei den Finanzgrößeu bekannt und nicht lange dauerte es. daß ihm die Kaufleute Waare, soviel er wollte, auf Credit gaben. Binnen sechs Monaten war er ein reicher Mann geworden." . „Aber bedenket doch den Ausgang — wie ein Missethäter wurde er jetzt zurückgebracht und büßt sein Verbrechen im Kerker." „Das ist nur seine Schul)," erwiderte mir der Schadchen, „denn hätte er sein Vermögen nicht wie sinnlos verschwendet und sich nicht so sehr beeilt, zu entfliehen, dann wäre er.als reicher Mann, ruhig an seinem Orte geblieben. Man kann nämlich im Allgemeinen die Menschen in drei Categorien eintheilen: Solche die nicht zu eiwecben wissen, als^da sind die hebräischen Schriftsteller und die Sittenrichter und alle Jene, die eine ganz neue Welt schaffen wollen;.— solche, die erwerben können, aber das Geld nicht zu vcrwerthe» und festzuhalteiovissen, und das sind die Freunde eines flotten Lebens— solche endlich, die erwerben und bewahren für ihre ' Kinder, und aus diesen recruticen sich die Geldgrößen und Erdengötter. C. gehört zur zweiten Gattung, aber er kann Ihnen ein Beweis dafür sein;'daß alle Menschen gläubige Seelen besitzen; wenn Einer^zü^Jederniann sagt, er sei reich, dann gibt inan ihm Geld, rühmt sich Jemand seiner Weisheit, dann überhäuft man ihn mit Ehre, gibt er sich für adelig aus, dann macht man tiefe Bücklinge vor ihm. Anfangs hört man zwar nicht auf seine Worte, mit der Zeit gewöhnt man sich aber, ihnen Glauben zu schenken, denn man hat inzwischen vergessen, ob man sie aus seinem Munde, oder von Anderen vernommen hat. Und noch Eins, woran alle Ehre der Menschen sich knüpft: Wenn ein Mann wie C. zu mir kommt und mir von seinem großen Vermögen erzählt, so werde ich ihm wahrlich nicht glauben; sobald mich dann aber Jemand fragt: „Wer ist der Mann, mit dem Du eben gingst?", werde ich antworten: „Das ist ein geachteter und reicher Mann", denn seine Ehre fällt ja auf mich zurück, nachdem ich mit ihm verkehrt habe. Sehen Sie nun ein, daß das Geheimnis des „Siwug" das Geheimnis der Welt ist? Der Mensch, der Geld nöthig hat, muß sich mit seinem Neichthnm brüsten und von den Geldleihern kein Geld nehmen wollen, — dann werden sie ihn umringen und ihm welches aufdrängen; der Man», der eine gute Partie machen will, soll jede znrückweisen, die ihm angetragen wird. Anfangs werden die Heiratsvermittler zornig sein, dann aber denken: „Wer weiß, ob er nicht Recht hat, solche Ansprüche zu machen? Sie werden ihm größere Prvjecte vorlegen und, schlägt er auch diese ab, dann werden sie noch höher suchen, denn es wird sie verdrießen, so viel Mühe rein verloren zu haben; sie werden sein Loblied in allen Tonarten singen, bis sie das Gesuchte für ihn finden. Er wird ein geeigneter Schwiegersohn sein, nachdem ihn X, der Vater einer schönen Tochter, auserkor und er nicht wollte und I., ein reicher Mann von guter Familie, ihn zu haben wünschte und e r sich sträubte, so daß er also nur für Z., der sie beide überlrifft, sich entschließen kann. Sv muß man Vorgehen, um zum Ziel zu gelangen und jetzt haben «sie wohl schon die Lösn >g des Räthsels, warum A. Glück und B. Pech hat!" (Schlug, folgi.) Miscellen. (Die Chuetas) sind wohl einer der schlagendsten Beweise für die Ui.veitilgbarkeit der jüdischen Stammes» eigenthümlichkeit. Wer sind denn Chuetas? Chuetas (zu deutsch: Speckfresser) sind die Nachkommen dec un Jahre 1435 auf deu Balearen gewaltsam zum Christenthum bekehrten Inden. Sie blieben weiterhin von ihren Zwangstäufern gemieden, mußten allein in der Kirche knien und wurden besonders auf dem Friedhofe begraben. Obwohl katholischer Religion, behielten sie ihr jüdisches Stammes» bewußtsein bis zum heutigen Tage. In der Zeitschrift „Ausland" vom Jahre 1873 wird über diese traurige Gattung christlicher Inden folgendes berichtet: „Auch die Juden haben in Palma ihre düstere Kirche. Obwohl seit Jahrhunderten kein Jude m-hr in Spanien geduldet, so halten sich ihre christlichen Nachkommen hier immer noch streng gesondert von der übrigen Bevölkerung. Das Volk nennt sie noch immer Chuetas, sie bewohnen ihren eigenen Stadttheil, hier aber -nur untereinander und haben, wie gesagt, ihr eigenes Goltkshaus." (Inden in Salonichi.) Nach dem „Phan der Bosphar“ zählt die türkische Seeband-lsstadt salonichi 129.400 Einwohner, worunter 80.000 Inden. (Moses Mendelssohn), der berühmte, jüdische Philosoph, der vielleicht mehr gegen seinen Willen der Vater der Affimilationsbewegnng geworden ist, als mit seinem Willen, war durch seine schlagenden, witzigen Antworten bekannt. Ein Beispiel davon: Einst ging er in Berlin vor der königlichen Hauptwache vorüber. Ein Officier rief ihn, der ausgesprochen jüdischen Typus hatte, an und frug ihn, ob er nichts zu „handeln" habe. „Das, womit ich handle, kaufen Sie nicht," erwiderte Mendelssohn, „denn ich handle mit Vernunft."