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Selbst-Emancipation · 1885-08-03 · Heft 13 (3.8.1885) · p. Seite 9

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 13 (3.8.1885)
Date
1885-08-03
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr 13. Selbst-Emancipation! Seite 9 Lebenslauf des Sir Moses Montefiore. Sir Moses Montefiore gehörte einer der ältesten jüdischen Familien Englands an, die stch um Kunst und Wissenschast stets besondere Verdienste erwarb, deren Name aber ewig fortleben wird hauptsächlich durch die hervorragende Persönlichkeit des Mannes, um den jetzt ganz Israel trauert, der sich im Herzen seiner Stammesgenvssen ein Denkmal gesetzt — dauerhafter als Erz und Marmor. Seine große Bedeutung für die jüdische Nation feiern wir in kurzen Zügen ein Bild seines vielbewegten, thatenreichen Lebens gebend: Am 8. Cheschwan (24. Oktober) 1784 als Sohn eines Kaufmannes zu Livorno geboren, wurde Moses für den Kaufmannsstand erzogen und gründete 1824 die Versicherungs-Alliance, deren erster Präsident er ward und bis an sein Lebensende blieb. Schon früher hatte ec sich mit Judith, der Tochter des L. B. Coben Esqu. vermählt, einer Frau von außerordentlichen Geistesgaben und einem liebenswürdigen für alles Gute und Schöne empfänglichen Charakter, die ihn fast auf allen seinen zur Linderung des Elends und Verbesserung der Lage der Juden unternommenen Reisen begleitete. Im Jahre 1837 begaben sich beide nach Palästina, um den Einwohnern der durch Erdbeben zerstörten und von der Pest heimgesuchten Städte Tiberias und Saffed Hilfe und Trost zn bringen. Nach seiner Rückkehr wurde Montefiore zum Sheriff von London erwählt und von der Königin in den Adelsstand erhoben. Kurze Zeit darauf wurde der Dienst Montefiore's für die Stammesbrüder in Orient schon wieder nöthig. ■ In. Damaskus war 1840 der Mönch Thomas mit seinem Diener verschwunden. Die Judenfeinde machten sich den Fall zn Nutze. Sie bezeugten, daß die Juden den Mönch sammt seinem Diener ermordet hätten, um deren Blur zu den ungesäuerten Broden zu brauchen. Die Juden wurden vom Pöbel überjallen und viele der Tortur unterworfen. Falsche, erpreßte Geständnisse führten zu weiteren Verhaftungen und schlimmeren Toituren, selbst Kinder wurden in Gegenwart der Eltern gemartert, um Geständnisse zu erzwingen. Die Häuser des Judenvieitels wurden medergerissen und geplündert angeblich, um die Leichname der Verschwundeneil zu entdecken, die wahrscheinlich von Räubern entführt worden waren. Die Nachricht der Versolgung erweckte für die unglücklichen Jlldcn das Mitleid Europas. Im Mansion Hause zn London wurde eine Versammlung abgehalten und Sir Moses erbot sich nach Damaskus zu gehen, um die Ordnung herzustellen. Eine Suvscription wurde eröffnet und die Summe von 7000 Pfd. St. war schnell gezeichner. Freilich hatte Sir Moses selbst 2400 Pfd. beigetragen. Auch auf dieser Reise begleitete ihn die edle Judith; auch nahm der damals schon berühmte Advocat Crömieux an derselben Theil. Crämieux war Delegat der Juden Frankreichs. Bei der Audienz bei Mehemet Ali» dem Pascha von Egypten, macht Montefiore auf den Herrscher ein solchen günstigen Eindruck, daß derselbe sofort die Freilassung der Gefangenen anordnete und allen Flüchtlingen gestattete, in ihre Hcimath zurückzukehrerr. Der Pascha fühlt sich zu Montefiore hingezogen und schloß Freundschaft mit ihm und diese Freundschaft übertrug sich auch auf die spätern Herrscher Egyptens. Als Seid Pascha später seinen Sohn nach London zur Ausbildung sandte, stellt er ihn unter die Fürsorge Montefiore's. Die Königin von England verlieh ihm in Anerkennung seines Wirkens das Recht, Wappenhalter im Schilde zu führen, was sonst nur Peers und Ordensrittern gewährt war. Als im Jahre 1842 in Jerusalem Krankheiten ausbrachen, schickte Montefiore einen Arzt und eine Apotheke dahin und verpflichtete sich für 6 Jahre die Kosten zu tragen, bis ein Hospital eingerichtet sei» würde. Im Winter 1846 reiste er mit seiner Gemalin nach Petersburg, um den Zaren zn einer milderen Behandlung der Inden zu bewegen, welche damals zu Tausenden in die Steppen des inneren Rußland verbannt worden waren. Seine Mission wurde vom schönsten Erfolge gekrönt und seine Reise durch Rußland und Polen glich einem Triumphzuge; auf dieser Reise hat Montefiore das Nationalbewußtsein der russischen Juden gekräftigt, damals ist der erste Keim der jetzt so starken Colonisaüonsbewcgung in Rußland gelegt worden. Bei dieser Gelegenheit machte er auch seinen Einfluß dahin geltend, die dortigen Juden zum Ackerbau anzuhalten, wodurch mehrere tausend jüdische Familien sich nützlicher Arbeit widmeten und redlichen Erwerb fanden. Abermals brach im heil. Lande im Jahre 1854 die Hungersnoth aus; Montefiore brachte durch Sanimlungen 20.000 Pfd. St. auf und begab sich selbst dorthin, um die Vertheilung zu leiten. Nachdem er in Constantinopel einen Ferman erwirkt, der ihn zum Ankauf von Ländereien in Palästina ermächtigte, erwarb er bei Jerusalem ein Areale, wo er Windmühlen und Armenhäuser erbauen ließ. Im Jahre 1858 ereignete sich der berühmte Mortarafall, der der Welt einen Begriff gab von dem Werthe der weltlichen Macht des Papstes. In der Familie des Juden Mortara zu Bologna war ein römisch-katholisches, vierzehnjähriges Mädchen als Kindswärterin. Der einjährige Edgar Mortara wurde schwer krank und da das Mädchen das Kind liebte, wollte sie, daß ihr Liebling einst in den Himmel komme, wenn er stürbe, was nach ihrer Ansicht nur durch die Taufe möglich war. Mit einen Händler, den ste schnell ins Vertrauen zog, taufte sie heimlich den Knaben. Das Kind wurde nachher gesund und erst sechs Jahre später beginnt die eigentliche Tragödie. Das Mädchen vertrante nämlich einer Kameradin ihr Geheimniß von der Taufe des kleinen Edgar an, diese berichtete es einem Priester und so wurde, nachdem das Jnquisitionsgericht die Sache untersucht hatte, der kleine Edgar eines Tages von einem Sbirren gestohlen und in einem Kloster verborgen. Dieser verrätherische Act wie auch der Protest der Eltern lenkte nach und nach die Aufmerksamkeit ganz Europas auf die Sache. Einundzwanzig Sardinische Gemeinden wandten sich nach London um Hilfe für die betrübte Familie. Sir Moses, damals im fünf und siebzigsten Lebensjahre stehend, eilte als Gesandter nach Rom, um deni Papste ein ernstliches, entschiedenes Memorandum zu überreichen. Das erste Hinderuiß, das ihm in den Weg gelegt wurde, war dies, daß man die Mortara-Angelegenheit als ein abgeschlossenes Faktum bezeichnet. Eine Audienz beim Papste konnte er nicht erlange», doch konnte er die Denkschrift dem Cardinal Antonelli überreichen, nachdem er in langer Conferrenz die Sache besprochen hatte. Das Memorandum enthielt folgende Worte: „Eure Heiligkeit wollen unserer Bitte Gehör schcicken und dadurch die Heiligkeit der Elternrechte und die Forderung der Gerechtigkeit anerkennend einer betrübten Familie den Frieden wiedergeben und dafür die Anerkennung der Guten und Weisen jeden Glaubens erlangen." Cardinal Antonelli versprach zwar das Memorandum dem Papste zu unterbreiten, theilte aber im Voraus mit, das es beschloffnn sei, Edgar Mortara solle im katholischen Glauben bis zu seinem 16. oder 17. Jahre erzogen werden und dann erst ihm die Wahl srei gestellt werden. Wenn, auch diese Miffion trotz seiner Beredsamkeit und Würde und trotz der Unterstützung der Cabinette von London und Paris, erfolglos war, so war doch die öffent-

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