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Selbst-Emancipation · 1885-04-03 · Heft 5 (3.4.1885) · p. Seite 9

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 5 (3.4.1885)
Date
1885-04-03
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 5. Selbst-Emancipatiou! Seite 9 imloil H,Älsrkllmrisrh, Roman von NehemiaBeraer. (Fortsetzung.) „Nein, nur das nicht, ich kann es nicht thun," rief Benjamin plötzlich und sprang auf. „Nur nicht so hitzig," sagte Sobler ironisch, „wenn Du Dich zu diesem Schritte nicht entschließen willst, so ist Dein Vater in wenigen Tagen reich gewesen und was der geschäftliche Sturz für Deinen Vater bedeutet, das weißt Du ja. Ueberlege Dir also die Sache!" Benjamin sank wieder auf den Sessel zurück und bedeckte mit beiden Händen das Gesicht, so daß man nicht sehen konnte, wie es von den Qualen des heftigsten SeelenkampfeS entstellt wurde. „Und hast Du kein anderes Mittel?" 'stieß er endlich hervor. „Keines!" erwiderte der Gefragte mit teuflischer Gelassenheit. „So sei es denn, leite die'Sache ein!" „Du nimmst also doch Vernunft an. Ich erwarte natürlich, daß Du Marrlyk nichts davon erzählen wirst." „Warum denn das?" sagte Benjamin gereizt. „Ihm kann es ja ziemlich glcichgilug sein, ob ich dieses Mädchen heirate." „Meinst Du? Ob nicht Marrlyk lieber seine Schwester Betth als Deine Gattin'sehen würde?" Eine Röthe der Entrüstung überzog Benjamin's Wangen; es schien ihm eine Entweihung des Heiligsten, de» Namen des von ihm so mnig geliebten Mädchens in dem Mulide dieses Unholds zu hören. Doch er bezwang sich und sagte nur: „Du irrst, eine Verbindung mit Marrlhk's Schwester ist unter allen Umständen eine unmögliche Sache!" „Meinst Du das im Ernste?" „Im vollen Ernste." Sodlcr's kleine Stirne schrumpfte noch mehr zusammen; er hatte geglaubt, der Familie Marrlyk durch eine plötzliche Enttäuschung eine große Kränkung bereiten zu können; jetzt mußte er aus dieses Vergnügen verzichten und sich blos mit der Schadenfreude über Benjamin's Seelenp'ein, sowie mit dem zu gewärtigenden materiellen Gewinne bei dieser Sache begnügen. „So kannst Du es Marrlyk freilich erzählen." Dabei hoffte Sobler auf irgend eine andere Gelegenheit, um den Marrlyks einen Streich versetzen zu können, denn er haßte diese Familie, ohne einen bestimmten Anlaß dazu zu haben — aus jenem dunklen Drange blos, der überhaupt Bösewichie zu Feinden guter und edler Menschen macht. Benjamin erhob sich, nahm von Sobler mit einem leichten Gruße Abschied und verließ mit Louis das Locale. „Darf ich vielleicht jetzt wissen, was für Mittel Dir der Mensch angegeben hat," fragte Marrlyk seinen Freund, als sie auf die Straße getreten waren. „Eine reiche Heirat," antwortete Rafaelowitsch. „Eine reiche Heirat?" sagte Louis gedehnt, „und wer ist sie, die Du heiraten sollst?" „Ein abschreckend häßliches, altes Mädchen." . „Hub Du willst das thun?" „Es kostete mich dieser Entschluß einen schweren Kamps, doch ich habe ihn zuletzt gefaßt?' „Mir will es scheinen, Beni, als wenn das Opfer, das Du bringen willst, doch zu groß wäre. Ich kann mir Dich, den idealistisch angelegten, für Schönheit schwärmenden Menschen, nicht , gut an der Seite eines Mißgestalten, verwelkten Wesens denken." „Ja, mein ganzes Fühlen empört sich auch dagegen und doch süge ich mich leichter in dieses Schicksal, als ich mich vielleicht noch heute bei Tage in dasselbe gefügt hätte. Wer weiß, ob da die Liebe zu meinem Vater stark genug gewesen wäre, um mich zu einem solch' verzweifelten Schritte zu veranlassen." „Und was hat Dich so plötzlich empfänglicher für Sobler's Vorschlag gemacht?" „Als Du heute nach Hause kamst, trafst Du mich daselbst. Nun war Deinem Eintritte eine bewegte Unterredung vorausgegangen. Ich hatte Betty erklärt, daß ich sie innig liebe unv gebeten, die Meine zu werden. Betty gab mir eine gefühlvolle, doch jede Hoffnung vernichtende Antwort. Ich hatte nicht viel gehofft und doch war es ein fürchterlicher, betäubender Schlag für mich, als ich so klar und endgiltig mein Urtheil sprechen hörte. Das Leben ist mir werthlos geworden; ich komme mir vor wie ein Schiff, dem die Ruder fehlen, wie ein Vogel, dem die Fittige gelähmt sind — und so bleibt sich's mir schließlich gleich, was mit mir weiterhin geschieht. „Jetzt begreife ich Dich, Beni," sagte Louis und drückte dem Freunde theilnehmend die Hand, „doch w i r wollen Freunde bleiben, nicht wahr?" „Ja, Louis." Die Freunde gingen noch einige Zeit schweigend nebeneinander her, dann schieden sie. V. Simso» Rafaelowitsch hatte sich in Jerusalem den Ruf eines tüchtigen Arztes verschafft und sich eine bedeutende Praxis erworben. Nicht nur, daß er die elenden Behausungen der Armen aufsnchte, um hier die Kranken unentgeltlich' zu behandeln, auch in die Häuser der reichen Einwohner wurde er oft gerufen. Die türkischen Beamten, die christlichen und mohammedanischen Geistlichen, die ganze europäische Colonie, die reichen Juden, sie Alle consultirten gerne den jungen jüdischen Arzt, der durch die Entschiedenheit seiner Behandlung und durch die besonnene Ruhe seines Auftretens imponirte. So blieb Simson nur wenig freie Zeit und diese widmete er ganz seinem Volke. Seitdem er von R* 2* zurückgekehrt war — es waren dies bei drei Wochen — hatten ihn freilich auch hie und da andere Gedanken beschäftigt: Er dachte zuweilen an Jsmene, an das Räthsel des Testamentes, an die Sterbescene in der Colonie und immer wieder kam ihm der seltsame Gedanke, daß die Lösung aller dieser Räthsel eine vollständige Veränderung in seinem Verhältnisse zu dem Christenmädchen Hervorrufen Dieser Gedanke wurde wieder einmal so recht lebhaft in ihm, als er eines Tages von seinen Visiten nach Hause kommend, seinen Vater bei der Lectüre eines Briefes fand, der von Harry Hartly aus Jaffa eingelangt war. „Die Geschwister schiffen sich bereits in drei Tagen nach Europa ein", wandte sich Rüben Rafaelowitsch an seinen Sohn. „Sie haben in Jaffa nichts erlebt, was Ihnen irgend eine Aufklärung über den merkwürdigen testamentarischen Wunsch ihres Vaters gegeben hät'.e. Da sie auf ihrer Reise Wien berühren, verlangen sie ein Empfehlungsschreiben von mir an meinen Bruder Jacques." „Das kannst Du ruhig thun. Onkel Jacques ist gegen Alles, was christlich ist, die Freundlichkeit und Zuvorkommenheit selbst." „Auch ist vom Onkel Jacques selbst ein Brief gekommen." „So? Was enthält der?" „Nichts als einige Sarkasmen über meine Hieher« fahrt.. Du kennst ja übrigens seine trockene, gefühllose Art." „War er immer so?" frug Simson. „Oh nein, er war einst so gesühl- und schwungvoll Sein Edelmuth war es, der ihm den weiteren Aufenthalt

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