Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 4 (16.3.1885)
- Date
- 1885-03-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 4. Selbst-Emanzipation! der Assimilation sehe» würde, einen Man» gehörig zu würdigen und zu schätzen wissen, welcher für das Judenthum in Wort und Schrift muthig eingetreten ist. Aber nicht nur über den Floridsdorfer Rabbiner ergießt das zweizüngige Blatt die Schale seines Zornes, auch unsere Zeitschrift kommt dabei nicht gut weg und wird mit mancherlei Titulaturen bedacht. Jedoch, wir verargen dies der Redaction der „Ojczyzna“ gar nicht; es mag ja Niemanden, der maskirt bleiben will, angenehm sein, wenn man ihm die Larve vom Gesichte reißt und »och obendrein dem getäuschten Volke die Binde von den Augen nimmt, damit es doch einmal diejenigen in wahrer Gestalt sehe, von denen es so lange irregesührt worden ist. Armes Volk! Schöne Versprechungen haben die Herren Assimilatoren Dir gemacht, Deinen Rücken haben sie als Leiter benützt, um auf der eitlen Bahn der Ehrenstellen emporzusteigen; hatten sie dann ihr Ziel erreicht, so gaben sie vor. Dich gar nicht zu kennen, gar nicht zu Dir zu gehören. Ihr schmähliches und zugleich lächerliches Betragen entfremdete Dir die übrigen Völker nur nach mehr und Du mußtest für die Fehler Deiner Verführer verbluten. Doch auch den „^.Knäa8-^c1um"-Helden — leider sind fi', wenn auch unter anderen Namen, überall wo nur Juden wohnen, zu finden — ist ihr Lohn geworden; mögen sie sich dagegeiistemmen, wie sie auch wollen, die Thatsache können sie nun einmal nicht hinweglengnen, daß der Pole dem natürlichen Juden im Kiftane mehr Achtung entgegenbringt, als dem zudringlichen „in A s s i m i l a t io n" machenden jüdischen Konfederatkaträger. Warum, Ihr Prediger der Affimilationslehre vermengt und amalgamirt Ihr Euch nicht allein mit den Völkern, damit ja Niemand mehr die Spur von Eurer Abstammung und Religion erkenne, sondern verleitet die Menge dazu. Eurem üblen, bösen Beispiele Folge zu leisten? Ist cs Euch denn um Gesellschaft zu thun, oder besitzet Ihr noch ein Fünkchen Schamgefühl, das Euch davon abräth, Leute zurückzulassen, welche Eure unschöne Handlungsweise späterhin kcitisircn und Euch Vorwürfe machen könnten? Die „Ojczyzna“ gefällt sich auch darin, uns vorzuwerfen, daß die fanatischen Chassidim unerwartet in uns ihre Gönner gefunden hätten. Das Unrecht ist ja nicht so schwer: die Chassidim sühten ja national wie wir und wir sind, wiewohl wir auf religiösem Gebiete zu den Aufgeklärten zählen, des Bandes eingedenk, welches uns mit ihnen, den treuen Söhncn unseres Volkes, verflicht und verweb,. Am Ende ist übrigens diese „Ojczyzna" ja noch nationaler als wir, wird sie ja durch eine hebräische Beilage geziert! — Ja, wenn diese nur nicht wie die hebräischen Evangelien bei den anglikanischen Seelenbekehrern als Köder dienen würde, um Andersgläubige anzulocken. Schließlich würden wir den guten Leutchen des zweisprachigen Blattes den wohlgemeinten Rath geben, sich nicht gar so sehr zu bemühen, durch ein elegant sein wollendes Hineinzerren deutscher Worte, wie z. B. „von draußen" in ihre Artikel als U r polen zu erscheinen: es steht dies namentlich sehr schlecht an, wenn diese Artikel nur eine polnische Uebersetzung deutscher Phrasen sind. Wir müsien es zugestehen, daß der Weg, welchen die „Ojczyzna" und ihr gleichgesinnte Blätter ihren Lesern zeigen, ein ebenerer, glätterer ist, aber sein Endziel ist der Tod Aller, das Absterben eines historischen Volkes. Auf dem Wege dagegen, den wir eingeschlagen haben, kann sich der Wanderer nur mühselig durch vielfach anfgethnrinte Hindernisse durcharbeiten, jedoch winkt ihm zuletzt der reichste Lohn, der immergrüne Lorheerkranz in der Gestalt der Erhaltung der eigenen Nation. Khronik. (Spende.) Se. Majestät der Kaiser spei.dete der israelitischen Cnltusgemeinde der Stadt B r o d Y (Galizien) zweihundert Gnlden zum Bair eines Schulgebäudes. (Im Befinden Sir Moses Moiltefiore's) ist wieder eine Befferung eingetreten. (Tie Assimilanteu in Rumänien) werden bald au? Null reducirt fein. Wie der „Hajoetz-* ans Bukarest belichtet, hat sich der dortigen jndiichen Jugend ein Widerwille gegen die früher so verhätschelte „Nomauisi ung" bemächtigt. Man geht in den jüdisch-jugendlichen Kreisen dieser Stadt daran, wöchentliche Veisaiiiinliingeii, vei bniive» mit Vorträgen aus der jüdischen Geschichte, zu vera» stallen, um dadurch das Natioualgefühl der Juden zu wecke». (Julius Berhovay,) der berüchtigte aatiseinitische Abgeordnete Ungarns, und dessen Bruder Ludwig Berhovay, wurde» am 1. März in Budapest des Verbrechens der Veruntreuung schuldig erkannt und ersterer zu achrzehnmonatlichein Kerker, fünfjährigem Amtsverlust und Verlust der bürgerlichdn Rechte, letzterer zu zehmnonatlicheni Kerker und dreijährigem Aiutsverlnst verurtheilt. Jillius Berhovay schrie den Richtern zu: „Gott möge Ihnen ein so gerechter Richter sein, wie Sie es mir waren." Dann stieß er noch eine Beleidigung gegen den Minister-Präsidenten Tisza hervor. — Die Antisemiten schrieen: „Eljen Berhovay!" Es herrschte große Anfregung. (Die freie Schweiz.) In Buchtenheim (Schweiz) hatten sich nach und nach mehrere israelitische Faiiiilien niedergelaffen. Um ihren Gottesdienst pstegen zu kömien. mietheten sie in einem Hause, dessen Eigeirthniner ei» Christ war, den Dachranm. Daran nahmen die übrigen Bewohner des Hauses Anstoß, aber der Hausherr sagte: „Die Jnvea sind friedfertige Leute, sie thnn euch nichts zu Leide; >ve»n sie in der Dachkammer beten, singen, predigen, so hört ihr nicht einmal etwas davon. Ich bin Herr in meinem Haute; gefällt's Euch nicht, daß Juden darin verkehre», so zieh: einfach aus." — Nun führten die Mirther Beschwerde bi der Regierung. Unsere Glaubens- und Gewissensfreiheit erklärten sie, wird durch den israelitischen Gottesdienst beeinträchtigt; die Jilden glauben nicht, was wir glauben und ivollen doch in einem Christeilhanse ihre Synagoge haben. Auch stören sie den Frieden unter den Consejsionen, denn so oft wir einem Juden ans der Treppe begegnen, juckt es uns, ihn die Treppe hiniliilerzuwerfeii, weil vor 1800 Jahren seine Voreltern in Jerusalem den Heiland gekreuziget haben. — Seid Ihr verrückt? sagte die Negierung und legte, um in Zukunft vor solch' albernen Eingaben unbehelligt zu bleiben, den Verfaffern derselben eine Buße auf. Diese meinten, iloch bei den Bundesbehörden ihr Glück versuchen zu wollen. Der Bnndrsratb arbeitete auch einen sehr gründlichen und sorgfältig motivirten Beschluß aus, der mit vielem Aufwand von Jurisprudenz aucd wiederum nur zn einem abweisenden Bescheide kam. Die Abgewiesenen reciirritteix noch an eie Bundesverjaminlung; da wurde drei Tage hindurch gerednerl, daß die Wände erdröhnte», demungcachtet behanple'e der gesunde Mciischenverstand den Sieg. Die Inden dursten die Dachkammer auch fernerhin als Synagoge benützen. (Behördliche Matzregel gegen jüdische Hausierer.) Aus Frankfurt a./M. wird lins geschrieben. daß da selbst die sämmtlichen ausländische» (aus Oesterreich-Ungarn, Rußland re.) jüduche» Hansirer von der Polizei ansgefordert wurden, unter Androhung der Answe>sniig inn rhalb einer bestimmten Zeit den Betrieb eines Gewerbes nachzuweifen, oder eine Garantie von je 5o0 Mark zu bieten, damit sie im Falle ihrer Ei kcankiiiig der öffentlichen , Armenpflege nicht zur Last fallen.