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Selbst-Emancipation · 1885-02-16 · Heft 2 (16.2.1885) · p. Seite 7

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 2 (16.2.1885)
Date
1885-02-16
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 2. Selbst.Emancipation! Odessa, ein öffentliches Schreibe» gerichtet, worin ec in der herzlichste» Weise seinen Dank für die ihm übersandte Adresse, sowie dafür ansspricht, daß sein hundertster Geburtstag durch eine seinen Namen tragende Stiftung gefeiert wurde. Er gibt auch seiner vollen Aiierkennnng über die edlen Bestrebungen der „Zionsfreunde" Ausdruck und wünscht des Himmels Segen ihrem Wirken. Zugleich schließt er eine Spende von 50 Pfd. Sterling für die Zwecke der Stiftung bei. (Tcm-elraub.) Als am 27. Jänner morgens gegen 7 Uhr der Diener des Teplitzer israelitischen Tempel das Gotteshaus betrat, um die nöthigen Vorbereitmmgen für den Frühgottesdienft zu treffen, gewahrte er, daß die in der Vorhalle zur Ausnahme von verschiedenen Spenden angebrachten eisernen Büchsen erbrochen und ihres Inhaltes beraubt waren. Die Diebe entnahmen aus einer im ersten Stocke befindlichen Kammer eine der zum Tranhimmel gehörigen eisernen Stangen und benützten diese als Brechstange zur gewaltsamen Oeffnuug der erwähnten Sammelbüchse. Die in der Kammer aufgestellten Kästchen, welche Silberräthe enthielten, sowie zahlreiche in derselben aufdewahrte Materialien blieben von den Thätern unberührt. (Auszeichnungen.) Dr. H a r k a v p, Bibliothekar an der kais. russ. Bibliothek in St. Petersburg, ein Manu, der, wie bekannt, mit Liebe au seinem Stamme hangt, erhielt zur Belohnung seiner Verdienste auf dem Gebiete der Geschichtsforschung den Titel Staatsrath und zugleich den Stanislaw-Orden. — Der bekannte S. P o l i a k o w wirrde kais. ruffischer Geheimrath. (Die Moutefiore-Bilder.) Die „Zionsfreunde" in Warschau erstatten Bericht über den Verkauf von Montefiore-Bildern, deren Erlös bekanntermaßen als Fonds des Colonisations-Verbandes der Montefiore-Stiftuug verwendet wird. Die Einkünfte belaufen sich auf 14.099, die Ausgaben auf 2978 Rubel. Verkauft wurden 13.150 Bilder, an und für stch eine ansehnliche Zahl, aber sehr gering im Verhältuiffe zu der Masse unserer Stammesgenofien. Gingeseridet. Von einem galizisch-jüdischeu Studenten ander Wiener Universität erhalten wir eine Zuschrift, die wir, weil sie die Geringschätzung des jüdischen Unterrichtes in Galizien trefflich illnstrirt, veröffentlichen: Es wird jedem in die Schulverhältniffe Galiziens mehr Eingeweihten wohl bekannt sein, wie an den öffentlichen Schule» der Unterricht der jüdischen Religion und Geschichte äußerst spärlich ertheilt wird. Von dem jüdischen Mittelschüler wird — ganz mit Recht — die genaue Keuntniß der polnischen Geschichte und Literatur verlangt; ob er jedoch dabei die bis nun noch unübertroffenen geistigen Stiftungen seiner Ahnen, die Freuden- und Leidensgeschichte seiner Nation, den Edelsinn der Vertheidiger und Märtyrer seines Volkes kennen lernt, darum kümmert sich Niemand. Ob die Schule, die ja am Judenthum kein Interesse hegt, ja leider ihm oft in der Mehrzahl ihrer Vertretung feindlich gesinnt ist, oder die jüdische Cultusgemeiude, der der Unterrichts gegen stand überlassen ist, durch Gleichgiltigkeit einerseits und Nachlässigkeit. andererseits au diesem Uebelstande die Schuld trägt, darüber mich in eine Erörterung einzulassen, ist jetzt meine Absicht nicht. Es sei mir nur gestattet, — und ich erachte es auch für meine erste Pflicht, nachdem ich die Schulbank verlaßen habe — die Lage der Dinge meinen Erfahrungen gemäß zu schildern, indem ich mich der frohen Hoffnung hiugebe, einerseits die competeuteu jüdischen Männer zur schleunigen Abhilfe dieses Gebrechens anzusporncn, andererseits meine jüngeren Collegen vor der Verkennung dieses Uebels zu warnen. In den ersten Jahren meines Gymnasialstudiums wurde au der Schule gar kein Religionsunterricht ertheilt. Am Schluß eines jeden Semesters war jeder von uns geuöthigt, sich irgend einen Cheder-Nebbe ausfindig zu machen, der ihm ein Religions-Zeugniß mit einer der Belohnung entsprechenden Censurnote ausstellte. Doch bald sollten sich die Zustände beffern. Herr V. nahm wieder nach einer zweijährigen, wegen Honorarstreitigkeiten mit der Cultusgemeinde cingetretenen Unterbrechung den Religionsunterricht auf. Der rechtschaffene Mann, ein bekannter Jugendsreuud und warmer Jude, entschloß sich, als er die Gemeinde in ihrer Uubeugsamkcit betreffs der — nach ihrer Meinung — unnützen großen Ausgaben für den Religionsunterricht verharren sah, denselben gegen mäßiges Honorar zu ertheilen. Doch alle Bestrebungen dieses Mannes, in der jüdischen Jugend ein.Interesse für die Geschichte und Literatur der jüdischen Nation zu erwecken, scheiterten au den assimilatorischen Neigungen, die von außeuher in der Schuljugend geweckt werden. Die jüdischen Jünger kamen Allem, was nur ein jüdisches Gepräge an sich trägt, mit vvrurtheilsvoller Verachtung entgegen. Diese Verachtung geht so weit, daß der jüdische Studireiide seiner herrlichen Volksgeschichte, seiner Volksliteratur, ja seines eigenen S t a m m e s sich schämt, seine Abkunft gerne verhüllt, seiner ganzen Volksindividualttät sich eutäußerr, um sich nur seinen christlichen Collegen anpaffeu zu können. Doch wie täuschten wir uns gewaltig. Wir selbst drückten dadurch eine schneidige Waffe in die Hände unserer Collegen, die uns eben dieser Seibstpuhöhnniig wegen zur Zielscheibe eines um so empfindlicheren Spottes machten. Herrn V.'s ermahnende Worte fanden keinen Widerhall in den nur für alles Fremde eingenommenen Herzen der jüdische» Studenten. Doch die Schnld liegt, wie bereits a »gedeutet, nicht in der Jugend selbst. Aenßere Einflüsse sind es, die hier ihre schädliche Wirkung ansüben. Sache der jüdischen Gemeinden wäre es, die größte Energie zu entfalten, um jene unserer Nation verderblichen Einflüffe zu paralysiren. Schon in der Mittelschule sollte der jüdischen Jugend Achtung für die jüdische Geschichte und Literatur, Liebe zu ihrem Volksstamme eingeslößt werden. Der jüdische Student, dem diese Vorschule mangelt, er wird seinem Bolksstamme entfremdet, ohne einem anderen näher gebracht zu werden. Nur ein glücklicher Zufall kann ihn wieder mit seinem Stamme vereinigen. Wie dankbar bin ich daher dem wahrhaft glücklichen Zufälle, der mich jenem Zustande der Verblendung und Selbstverleugnung elltriß und mich jur Erkemitniß der Wahrheit fübrre. Das Häuflein der kühnen Anhänger des nationalen Jndeuthnms, die Schaar der wahren Kadimahner war es, die mir den Schleier von den Augen riß, die den tief und verborgen in meiner Seele glimmenden Funken der Liebe zu meinem unvergänglichen Volke, zu der ruhmvollen Geschichte meiner Ahnen, zu einer Hellen und erwärinendenFlamme anfachte. Bei aller meiner Achtung für die polnische Geschichte, bei aller meiner Begeisterung für die polnischen Dichter, an deren Werken ich mein Gefühl ergötzte und meinen Geschmack läuterte, hatte ich mich doch nnheimisch gefühlt, ich hatte etwas vermißt wie ein Kind, das in der Fremde bei den zärtlichsten Liebkosungen und Wohlthaten, sich doch nach den geliebten Eltern sehnt und dieses heimische Geiühl fand ich bei meiner Rückkehr zil meinem Stamme. Allen meiner jüngeren stammesgenössischeii Collegen will ich diese Worte zugernfen haben, damit auch sie dieses heimische Geiühl finden können, damit sic bei aller Zugänglichkeit für die Geschichte und Literatur der Nation, in deren Mitte sie weilen, ihre eigene Individualität bewahren, an den glanzvollen Bildern der Vergangenheit und an den Lauten der hebräischen Sprache sich ergötzen. Denn nur dann, wenn wir unser eigenes na-

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