Programm
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- Volume
- 1909
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 39 (sequence 38)
- Language
- German
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- 39 — die höchsten Vernunftwahrheiten, ihre Lehren stehen auf der Wissenshöhe auch der fortgeschrittensten Geister der Gegenwart. Wir leugnen nicht — und die hervorragendsten Forscher ihrer geschichtlichen Entwicklung heben es immer und immer ausdrücklich hervor (vgl. Kirschstein, 14. Bericht über die Religionsschule der jüdischen Gemeinde zu Berlin 1869, S. 20 ff.) — „daß unsere Eeligion in ihrem Gang durch die Jahrhunderte und Generationen ihr helles Licht sich manchmalhat trüben und verdunkeln lassen; sie ist ja nach den Worten der Bibel nicht im Himmel und nicht jenseits des Meeres, sondern in dem Menschenherzen und im Menschenmunde, und das Menschenherz, dem sie das Edelste bringen will, verkehrt, wie es ist, hat gar oft seine Verkehrtheit in ihren Schoß niedergelegt, der Menschenmund, den sie mit ihrer Weisheit schmücken will, hat ihr oft mit der eignen Torheit gelohnt", ihre eifrigsten Anhänger haben sie ferner gar häufig, um sie vor jeder Verletzung zu bewahren und möglichst zu beschirmen, mit Büschen und Hecken umgeben, die sie bisweilen so dicht umrankten, daß sie selbst nicht erblickt werden konnte und die Umzäunungen ihren Bekennern, namentlich seit der Zertreuung Israels, als die Lehre selbst erschienen. Aber die Sonne der Aufklärung erhob sich am geistigen Horizont der Menschheit; sie leuchtete auch in das g^eistig^e Ghetto,, das sich die Bekenner des Judentums errichtet und verscheuchte die Trübungen, zerriß die Nebel — und in ewig jungem, frischem, blühendem Glänze zeigten sich die vieltausendjährigen religiösen und sittlichen Wahrheiten, so wie sie einst von unseren erhabenen Propheten verkündet worden waren. Gegenüber der gar oft gepflegten Äußerlichkeit des religiösen Lebens wiesen jene Männer der Aufklärungszeit auf die Sittlichkeit des Wollens und Handelns als das Grundgebot unserer Lehre hin; aus den mannigfachen Schalen, die in den Jahrhunderten sich um den Kern gelegt hatten, hoben sie den eigentlichen Inhalt unserer Lehre wieder allen sichtbar heraus, und es zeigte sich, daß dieser Inhalt, die Einig-Einzigkeit Gottes und die Gottebenbildlichkeit des Menschen, sich mit den Geistesmächten und wissenschaftlichen Überzeugungen aller Zeiten wohl vereinbaren läßt, daß die Ethik des Judentums, die sich auf der Grundlage des Monotheismus aufbaut und in dem Rufe an die Menschenseelen „Heiliget Euch!", ihren Höhepunkt hat, das klarste und reinste Sittengesetz darstellt: Ihm hat der Prophet Micha den vollendetsten Ausdruck verliehen, und wir haben sein Wort: „Es ist dir gesagt, o Mensch, was gut ist, und was der Ewige von dir fordert: Nichts Anderes als das Rechte tun, Liebe üben und in Demut wandeln vor deinem Gotte", neben jener Devise der Schule als unentwegte Richtschnur für unser und der kommenden Geschlechter Handeln an einer allen sichtbaren Stelle dieses Hauses angebracht. In dieser Auffassung unseres Glaubens fühlen wir uns innig verbunden mit dem geistigen Bewußtsein aller Gebildeten der Gegenwart, insbesondere mit den Forschern und Denkern, die das edelste Reis am Baum unseres Vaterlandes bilden. Unseres deutschen Vaterlandes! Seitdem vor fast zwei Jahrtausenden die jüdische Nation mit der Zerstörung des zweiten Tempels zugrunde ging, verbindet