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Programm · 1896-01-01 · 1896 · p. Seite 23

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Journal
Programm
Volume
1896
Date
1896-01-01
Page
Seite 23 (sequence 22)
Language
German
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—■ 23 — halten, einen hochstehenden Staatsmann, der wenige Jahre vor seinem Tode der Bestechlichkeit im Amte überführt, sämtlicher Ehren und Würden verlustig ging und nur der Gnade seines ihm zu Dank verpflichteten Fürsten den Erlass der über ihn verhängten Freiheits- und hohen Geldstrafe verdankte6* — einen solchen Mann für den Schöpfer von Werken voll erhabenster Poesie zu erklären, in denen bei jedem Anlasse die Mannes ehre als das höchste aller Güter gepriesen wird? Zwar tragen ja die Baconianer kein Bedenken, Shakespeare wie Bacon zu Betrügern zu stempeln; doch müssen sie ihren „Uebermenschen" auch noch als Heuchler brandmarken, wenn sie die Ansicht vertreten, dass er es sei, der — um nur einen der vielen Aussprüche dieser Art zu nennen — den Herzog von Norfolk seinem Könige auf dessen Verlangen, eine in des Herzogs Augen ehrlose Handlung zu begehen, erwidern lässt (Richard the Second L 1.): „Der reinste Schatz in diesem irdischen Lauf, Mein teurer Fürst, ist unb efle ckte Ehre, Ohn' die der Mensch bemalter Leim nur wäre; Ein kühner Geist in reinem Busen ist Ein Kleinod in zehnfach verschlossner Kist\ Ehr' ist des Lebens einziger Gewinn; Nehmt Ehre weg, so ist mein Leben hin. Drum, teurer Fürst, lasst mich um Ehre werben, Ich leb in ihr, und will für sie auch sterben." Selbst zugegeben, dass die Begriffe von Ehre nicht zu allen Zeiten die gleichen sind, sowie dass Bacons Jugend von solchen Verirrungen frei geblieben ist, so widerspricht dem ersten Punkte für jene Zeit die völlige Vernichtung des hochstehenden Staatsmannes; und sein Leben zeigt sich viel zu sehr von praktischen Bestrebungen, erfüllt, als dass solche von völlig entgegengesetzten Gesinnungen erfüllte Tiraden aus seiner Feder fliessen konnten. Als Ergebnis unserer Betrachtung über Bacons Charakter ist somit Folgendes festzustellen: Der Verfasser der Shakespeareschen Dramen ist unstreitig eine aufs Ideale gerichtete Persönlichkeit gewesen; er hat, ohne mit seiner Person irgendwie hervorzutreten, überall in seinen Dichtungen seine edle und humane Gesinnung an erster Stelle zum Ausdruck gebracht, und ihr verdanken seine Werke mit in erster Linie ihre mächtige Wirkung auf die Gemüter. Bacons Charakter ist nachweisbar in moralischer wie wissenschaftlicher Beziehung streng dem Realen und Praktischen zugewandt, und sein Wirken verdankt dieser Richtung in erster Linie seine Erfolge. Also istBäcon, der praktisch e Reälphilosoph, der kühl denkende Staatsmann, nicht der V erfa sser der Shakes peares Namen tragenden Werke gewesen.

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