Mannheim
Compact Memory

Programm · 1891-01-01 · 1891 · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Programm
Volume
1891
Date
1891-01-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3089693-3089734--0170-3091073
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

- 10 — ieles seine Mclnung ändern und seine Bücher verbessern würde, wenn er von den neuen astronomischen Entdeckungen erführe; daß er sich zu so sinnenfälligen Lehren bekennen und alle die kleinen Geister von sich verbannen würde, die engherzig genug es über sich gewinnen, jedes seiner Worte ausrecht zu erhalten, die nicht einsehen, daß wenn Aristoteles so wäre, wie sie ihn sich vorstellen, er ein Dummkopf, ein Eigensinniger, eine Barbarenseele, voll tyrannischer Willkür wäre, der alle anderen als blödes Vieh betrachtet und den Kundgebungen seines Willens den Vorrang zuspricht vor der Sinneswahrnehmung, der Erfahrung, der Natur selber? Seine Anhänger haben dem Aristoteles die Autorität verliehen, nicht er hat sie sich angemaßt oder genommen. Weil es leichter ist, unter dem Schilde eines anderen Schutz zu suchen, als offenen Antlitzes in die Schranken zu treten, fürchten sie und wagen nicht, einen Schritt von ihm sich zu entfernen. Ehe sie am Himmel des Aristoteles etwas ändern lassen, leugnen sie dreist, was sie am Himmel der Natur erblicken. Sagr. Leute solchen Schlags erinnern mich an jenen Bildhauer, der aus einem großen Marmorblock, ich weiß nicht, ob das Bild eines Herkules oder eines donnernden Jupiters geformt hatte. Mit wunderbarer Kunst hatte er ihm solches Leben, so grause Majestät zu verleihen gewußt, daß jeden Beschauer Furcht anwandelte und schließlich der Künstler selbst sich davor zu sürchten begann, wiewohl Ausdruck und Bewegung das Werk seiner Hände war. So groß war sein Grauen, daß er sich nicht erkühnt hätte, ihm sürder mit Hammer und Meißel zu nahen. Salv. Ich habe mich oft gewundert, wie es möglich ist, daß die buchstabengläubigen Anhänger des Aristoteles nicht herausfühlen, welchen Abtrag sie dem Ansehen und dem Rufe desselben thun, und wie sie, bestrebt seine Autorität zu vergrößern, umgekehrt sie herabziehen. Denn wenn ich sie halsstarrig Sätze verteidigen sehe, die handgreiflich irrig sind, wenn sie mir einreden wollen, so zieme es sich für den wahren Philosophen und so würde Aristoteles selbst verfahren, dann komme ich von der Meinung zurück, daß seine Schlüsse aus anderen mir weniger zugänglichen Gebieten ihre Richtigkeit haben. Sähe ich sie hingegen auf Grund offenbarer Wahrheiten nachgeben uud ihre Meinung ändern, so würde ich glauben, daß da, wo sie auf ihrer Meinung beharren, ihre mir uubekannten oder unverständlichen Beweise zuverlässig richtig seien. Sagr. Oder wenn ihr eigener Ruf und der des Aristoteles in ihren Augen zu sehr gefährdet schiene, sobald sie zugestehen, er habe dieses oder jenes, von einem anderen gefundene Ergebnis nicht gekannt, thäten sie dann nicht besser, es dennoch in seinen Schriften ausfindig zu machen, durch Verbindung verschiedener Stellen, nach dem von Signore Simplicio angedeuteten Rezepte? Denn wenn alles Erkennbare sich in ihm findet, muß auch wohl dieses darin enthalten sein. Salv. Signore Sagredo, zieht dieses scharfsinnige Auskunftsmittel nicht ins lächerliche, denn Ihr scheint mir Eueren Vorschlag im Scherze zu machen. Es ist aber noch nicht lange her, daß ein Philosoph von bedeutendem Ruse ein Buch über die Seele verfaßt hatte, worin er bei Wiedergabe der aristotelischen Ansicht über die Frage der Unsterblichkeit viele Citate aus ihm anführte — nicht die Citate Alexanders^), welche, wie er sagte, überhaupt diesen Gegenstand nicht behandelten, geschweige denn etwas damit Zusammenhängendes zur Entscheidung brächten — sondern andere von ihm an ganz verborgenen!) Gemeint ist Alexander von Aphrodisias, genannt „der Exeget", der um 300 n. Chr. den Lehrstuhl der aristotelischen Philosophie in Athen inne hatte. Er lehrte die Existenz einer individuellen menschlichen Seele, die zugleich mit dem Leibe vergehe, und legte demgemäß die aristotelischen Schriften aus. Dem gegenüber erlangte im Mittelalter und späterhin die Ansicht des Averross große Verbreitung, wonach kein individueller, sondern nur ein unvergänglicher Gesamt-Jntellekt der Menschheit existiert. Auch diese Ansicht wurde in die Schriften des Aristoteles hineingedeutet. Beide Richtungen sind mit dem christlichen Dogma unvereinbar und wurden am 19. Dezember 1512 durch das fünfte Laterankoncil verdammt. — Die von Galilei hier erzählte Anekdote wird von Fiorentino (Bistro

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.