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Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main · 1885-01-01 · 1885 · page 4

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Journal
Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
Volume
1885
Date
1885-01-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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IRI
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weite Ausdehnung des Gedächtnisbegriffs. Bald sprechen wir vom Gedächtnis, als ob es ein Raum, ein Behältnis sei, in welchem unsere Gedanken gleichsam aufgespeichert seien, bald setzen wir es dem Bewußtsein gleich, bald brauchen wir es in einem Gegensatz . zu Verstand und Phantasie, bald sprechen wir von ihm als von einer Kraft, die bald stärker, bald schwächer ist. Und in allen diesen Erscheinungen die größte Verschiedenheit bei den Einzelnen, die überraschendsten Eigentümlichkeiten, die den Versuch erschweren, alle Vorgänge in ein gemeinsames Gesetz zu bringen. Der eine Mensch hat ein hochentwickeltes Gedächtnis für Sprachen, ein anderer für Melodieen, der andere für gehörte Erzählungen, der andere für Farben, für Moden, mit einem Worte: während der eine gerade für einen bestimmten Denkinhalt kein Gedächtnis hat, wird dieser von dem andern bevorzugt. Kinder behalten oft ein bestimmtes Wort, eine bestimmte Regel nicht, oder nur nach langer EinPrägung, während sie das Übrige, das an sich nicht schwerer und nicht leichter für das Verständnis ist, sofort behalten. Manche Menschen haben ein treues, manche ein schwächeres Gedächtnis, der eine behält wörtlich, der andere dem Sinne nach. Welcher Unterschied zwischen dem Idioten, der ganze Seiten wörtlich aufsagen kann, da seine Sinnnesorgane dieselben aufnahmen wie eine Membran einen Schall, dem Wilden, der mit seinem ungeschwächten, empfänglichen Gedächtnis die gehörte Predigt des Missionärs wörtlich wiederholt, dem hochgebildeten Manne, der lange Stellen aus einem Drama regiert und dem Gelehrten, der wohl den Inhalt eines Werkes oder eines Abschnittes weiß, aber nicht mehr fähig ist sich eine Stelle wörtlich anzueignen. Des einen Gedächtnis ist frei von subjektiven Zuthaten, bei dem andern mischt sich die Phantasie ein und treibt ihr buntes Spiel. Dann zeigt sich wieder ein großer Unterschied in den Erinnerungen, die ein und dieselbe Wahrnehmung bei mehreren Personen hervorruft. Wie verschieden sind die Jdeenassociationen, die bei dem Anblick einer Zeusstatue in einem Museum in den Besuchern, je nach ihrem Bildungsgang, wach werden, wie verschieden die Erinnerungen, die der Anblick eines dahinsausenden Eisenbahnzuges, eines telegraphischen Apparates in dem Beschauer erweckt, je nach dem Beruf, der Erfahrung, dem Bildungsgang und dem Atter des Beschauers. Die hohe Bedeutung des Gedächtnisses liegt jedoch nicht allein darin, daß es die Einheitlichkeit, die Planmäßigkeit und Sicherheit des Denkens ermöglicht und daß es uns in den Besitz eines geistigen Eigentums setzt. Seine Bedeutung wird vermehrt durch die allmählige Gestaltung alles dessen, was Inhalt des Gedächtnisses geworden ist, im Bewußtsein und durch die Wirkungen, welche der Gedächtnisinhalt auf das Verhalten des Menschen, auf Triebhandlungen, auf die Ausbildung des Charakters, der Neigungen, der Gewohnheiten hat. Wir bemerken endlich, daß sowohl Zustände des Körpers als der Seele von Einfluß aus die Erscheinungen sind, welche wir unter dem Begriff des Gedächtnisses zusammenfassen, und es wäre die Frage aufzuwerfen, ob wir bei jedem Zustand des Körpers und der Seele, bei jeder Äußerung des Seelenlebens von Gedächtnis reden dürfen. Die Untersuchung, worin das Wesen des Gedächtnisses besteht, welche Erscheinungen unter den Begriff desselben fallen und welche Bedeutung es für die Seelenthätigkeit hat, birgt somit große Schwierigkeiten und berührt die interessantesten, aber auch zugleich dunkelsten Gebiete der Forschung über das Geistesleben. Selbstverständlich können wir diese Fragen hier nicht in umfassender Weise behandeln. Wir müssen uns begnügen, einige Gesichtspuukte aufzustellen, welche für die Beurteilung derselben maßgebend sind, und hierbei sind es selbstverständlich solche Gesichtspunkte, welche für die Erziehung in Betracht kommen. Denn einerseits giebt das Leben des Kindes sehr wichtige Aufschlüsse über die Entwicklung des Seelenlebens, andrerseits wendet sich die Erziehung in erster Linie an das Gedächtnis des Kindes. Dabei gehen wir allerdings nicht so weit, wie es in der neuesten Zeit Alexander

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