Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1885
- Date
- 1885-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Die Lehre vom Gedächtnis mit besonderer Berücksichtigung der kindlichen Entwicklung von vi-. Adolf Mannheimer. Einleitung. Das Gedächtnis ist die Grundlage der geistigen Entwicklung, sowohl des Menschengeschlechts im allgemeinen, als der Entwicklung des Einzelnen im besonderen. Ohne das Gedächtnis bestünde das Bewußtsein nur aus zusammenhangslosen Bruchstücken, gäbe es keine Verbindung der einzelnen Sinneswahrnehmungen, keine Sprache — denn kein Bewußtseinsakt würde als der nämliche erkannt und als den nämlichen Zwecken dienend wie ein früherer. Das Gedächtnis bewahrt und verbürgt gleichsam unser geistiges Eigentum, von seiner Treue, von seiner Sicherheit, von seiner Schnelligkeit, mit welcher es uns zu Diensten steht, hängt im Verein mit den Leistungen des Verstandes unser geistiges Dasein ab. Wenn nicht alles, was wir wahrnehmen, sei es durch zufällige oder absichtliche Wahrnehmung, durch eigene Belehrung, durch den Unterricht unser Eigentum werden könnte, so müßten wir immer von neuem und von dem allerersten Anfang her unsere Denkthätigkeit beginnen und müßten immer denselben Denkakt mit denselben Schwierigkeiten durchmachen wie das erste Mal. Das Gedächtnis erneuert selbst das, was gänzlich für uns verloren schien, oft mit größter Schnelligkeit, wenn nur eine leise Anregung oder eine einmalige Wiederholung stattgefunden hat. Wie rasch erneuert sich in uns die Kenntnis einer Sprache, die wir lange nicht gesprochen und anscheinend vergessen haben, bei kurzer Wiederholung. Ost wenn wir glauben jeder Erinnerung an ein Ereignis verlustig zu sein, bedarf es nur der Erwähnung eines einzelnen Vorgangs, eines einzelnen Merkmals, und das Ereignis steht mit voller Lebendigkeit und Frische vor uns. Doch nicht allein das, was wir unser geistiges Eigentum nennen, was wir durch Umgang, Erfahrung und Belehrung erworben haben, und worüber wir nach unserm Können und Wollen verfügen, steht unter dein Einflüsse des Gedächtnisses und fällt unter diesen Begriff. Alle Verrichtungen des täglichen Lebens, alle unsere Handlungen stehen in Bezug aus Vergangenes und sie würden der Planmäßigkeit, Sicherheit und Bestimmtheit völlig entbehren, wenn diese Beziehung auf Vergangenes nicht vorhanden wäre. Die Erneuerung eines Vergangenen in unserem Bewußtsein hat die mannigfachsten Formen und Abstufungen,, die denkbar verschiedensten Verbindungen. Der Traum, die Phantasieen eines Kranken, die zusammenhangslosen Worte eines Unglücklichen, bei welchem eine andauernde Störung des regelmäßigen Verlaufs des Denkens eingetreten ist, fallen nicht minder unter die Erscheinung der Erneuerung eines Denkinhalts als etwa die Verbindung der Vorstellungen, die der Gebildete aus der Lektüre einer bedeutenden Dichtung schöpft, zu einem harmonischen Ganzen. Und auch der Sprachgebrauch zeigt die