Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1884
- Date
- 1884-01-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9643684-3089722--0910-3090751- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 12 - Spleen durch ein Wort wiedergeben.*) Über das Wort perfid sagt Goethe*^): ^JH finde Gott sei Dank! kein deutsches Wort, um perfid in seinem ganzen Umfange auszudrücken. Unser armseliges treulos ist ein unschuldiges Kind dagegen. Perfid ist treulos mit Genuß, mit Übermut und Schadenfreude." Und über Süffisance sagt Saphir in einer Vorlesung^*): „Übersetzen Sie mir einmal die französische Süffisance ins Deutsche! Sie können Selbstgefälligkeit, höchstens Eigendünkel setzen. Aber, o Himmel! der Eigendünkel ist ein liebenswürdiger, bescheidener, charmanter junger Mann gegen diese komplizierte Süffisance. Naä. 1a LrMsazieö ist eine Person, die aus einem Creme von Dünkel, Stolz, Grobheit, Albernheit und Verschmitztheit besteht; der Deutsche kennt weder die Sache noch den Namen." Und so geht es mit manchem anderen Worte: wir werden oft nicht anders können, wenn wir wirklich das zum Ausdruck bringen wollen, was wir im Sinne haben. Dann aber sollte man es doch nicht unterlassen, da, wo es im Hinblick auf die Leser oder die Zuhörer nötig erscheint, den Ausdruck zu erklären. Die Berliner Staatsbürger-Zeitung hat die nachahmenswerte Gewohnheit, an jedem Tage die in der Nummer vorgekommenen schwierigen Fremdwörter am Ende zusammenzustellen und Zu erklären. 4. Fremdwörter, die bereits so eingebürgert sind, daß eine Erschwerung des Verständnissesfür den nicht fremdsprachlich Gebildeten ausgeschlossen erscheint, mag man gelten lassen, selbst wenn sich ein deutsches Wort beschaffen ließe. Denn es kann leicht geschehen, daß dieses letztere — weil weniger bekannt — weniger verstündlich ist, als das Fremdwort. Hierher gehören z. B. die Monatsnamen (deutsche Namen einzuführen ist öfter versucht worden), Wörter wie Publikum, Titel, Nummer, Theater, Oper, Kalender, Atlas, Majestät, Director (namentlich in der Anrede) u. a. Fremdwörtern dieser Art gegenüber muß man um so vorsichtiger und — nachsichtiger sein, als Witzlinge, die offenbar keine Ahnung von der Wichtigkeit der Sache für unsere geistige Förderung haben, gerade hier ein leichtes Spiel zu haben Pflegen. Besonders bedenklich sind die ganz wörtlichen Übersetzungen. Gegen diese will ich mich überhaupt hier ausdrücklich verwahren. Uebersetzungen wie: sich Morgenländern für: sich orientieren, fr oh botschaftlich für evangelisch, allgem ein gläubig für katholisch, Heimlicher für Secretär, u. a. halte ich für eben so lächerlich, wie den Gebrauch unnötiger Fremdwörter. Eine bloße Übersetzung ist noch keine Verdeutschung. Es handelt sich vielmehr darum, Ausdrücke zu finden, die das, worauf es in dem bezüglichen Falle ankommt, in ausreichendem Maße, bezeichnen. Wörterbuch für Lexicon, Hochschule für Akademie, Bilder aus dem Leben für Genrebilder, eingeschrieben für recommandiert u. a. sind treffliche Verdeutschungen, aber keine Uebersetzungen. Dieses also sind die Fremdwörter, mit denen wir uns schon befreunden müssen, und es sind ihrer nicht gar zu viele: ungleich größer ist die Zahl derer, die wir entbehren können — und sollen. Denn im Ernste: warum will man das durch Fremdwörter entstellen, was man in seiner Muttersprache eben so gut ausdrücken kann? Ich meine: Gedanken und Empfindungen, Thätigkeiten, und Verhältnisse, die allen gebildeten Nationen gemein sind, kann jegliche auch selbständig ausdrücken. Ich will das an einigen Beispielen zeigen, ohne esanExempeln zu demonstrieren. Wer niemals einen kaux-pas gemacht hat, vor dem habe ich Respekt; aber ich *) Kelle, a. a. O. S. 17. Wilhelm Meisters Lehrjahre, 5. Buch, Cap. 16. Humoristische Abende: Die deutsche Sprache und die deutschen Frauen.