Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1884
- Date
- 1884-01-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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als je wird bald nach dem Erwachen der klassischen Studien das Lateinische. Das Recht war bisher deutsch gewesen; im 15. Jahrhundert beginnt das Studium des römischen Rechts. Die Rechtsgelehrten mengen nun zahllose lateinische Wörter in ihr Deutsch, und bei dem Ansehen der Kanzleisprache ist es nicht zu verwundern, daß ihr böses Beispiel reiche Nachahmung findet. Auf höheren Schulen und Universitäten wird in lateinischer Sprache gelehrt, lateinische Bildung wird das Ziel des Unterrichts, Deutsch wird in die niederen und deshalb so genannten deutschen Schulen verwiesen. Man schreibt lateinisch und übersetzt vorhandene deutsche Dichtungen in das Lateinische, „um sie damit dem gebildeten Ohr anmutiger und gleichsam verständlicher zu machen." Selbst seinen eigenen Namen hört man lieber lateinisch, man übersetzt ihn (z. B. Schnitter: ^rieola, Peter Bienewitz:?6trus ^xianu8, Kremer: Uöi-eatoi', Greifs: 6r/xkws, Weber:?6xt0r u. a.) oder man hängt ihm wenigstens ein U8 oder Ins an. Schreiben diese Männer einmal deutsch, wie das ja zuweilen geschieht, so ist es doch lateinisch gedacht und empfunden.^) Aber sie bevorzugen nicht nur das Lateinische und schreiben in dieser Sprache — das wäre noch nicht das Schlimmste gewesen — sondern schieben wirkliche lateinische Wörter mit ihren lateinischen Endungen in deutsche Sätze ein und meinen diese dadurch zierlicher zu machen, wie wir heutzutage französische, englische und andere Wörter einmengen. In Wahrheit wurden die Sätze dadurch schwerfällig und für viele unverständlich. Schon im 16. Jahrhundert bediente man sich daher im diplomatischen Verkehr der klaren französischen Sprache, und die deutschen Fürsten unterhandeln mit Carl V. französisch. Das mußte natürlich unserer Muttersprache schaden, auch wenn nicht alle so gering von ihr dachten, wie Carl V. selbst, welcher meinte, spanisch rede er mit Gott, italienisch mit den Frauen, französisch mit dem Manne, deutsch aber mit seinem Pferde. Daß auch die höchsten Stände das Französische bevorzugen, wird hiernach begreiflich, und daß man allmählich französische Bildung und Lebensweise nach Deutschland zu verpflanzen trachtet, ist die natürliche Folge."*) Die Wirren des 30jährigen Krieges, Ludwigs XIV. Kriege in Deutschland, und der Einfluß, den er auf die deutschen Höfe ausübte, endlich die klassische französische Litteratur im 17. Jahrhundert — alles das trug nicht wenig dazu bei, das Deutsche mehr und mehr mit Fremdwörtern zu durchsetzen. Betrachtete man aber dieses letztere als ein Zeichen der Bildung und der Vornehmheit, so ist es kein Wunder, daß auch der Geringere sich der Unsitte mit Eifer zuwandte. In allen Lebensgebieten greift so die Verwälschung um sich. Ich entsinne mich nicht, eine schönere Schilderung dieses Unwesens gelesen zu haben, als bei Dunger (a. a. O. S. 6); ich lasse sie darum wörtlich folgen. Die Trachten wurden französisch, die Stoffe wurden aus Frankreich eingeführt, natürlich mit französischen Namen, die deutsche Küche wurde von der französischen verdrängt, so daß wir jetzt noch mehr Französisch als Deutsch auf unseren Speisekarten zu lesen haben, die alten deutschen Tänze erhielten französische Namen, das Kriegswesen, in dem früher die Deutschen tonangebend waren, wurde jetzt nach französischem Vorbilde umgestaltet. Fast alle deutschen Ausdrücke verschwanden, Heer wurde zu „Armee", Aushebung zu „Conscription", Angriff zu „Attaque", Waldsaum zu „Lisiöre". Von da an sprach man nur noch von „Revuen, Paraden", von „Mobilisieren" und „Demobilisieren", von „Militär-Effekten" in „Arsenal" und „Depot", es wurde „avanciert" und „retiriert", „recognosciert" und „Carrs formiert", fast alle „Chargen" erhielten französische Bezeichnungen. Nicht anders war es ») vgl. W. Wackernagel, Gesch. der deutschen Litteratur, 2. Aufl. 1877, S. 386 ff. ^) Joh. Kelle, die Verwälschung der deutschen Sprache, S. 8 ff.