Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1884
- Date
- 1884-01-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Anders freilich steht es mit vielen Hunderten von Wörtern, die uns zwar gleichfalls in einem durchaus deutschen Gewände eutgegentreten, aber nichtsdestoweniger wirklich aus der Fremde entlehnt sind. Flöte, Käfig, Almosen, Kelch, Felleisen, Schanze, Bankerott, Vielfraß, Niete, Halunke, Dolmetsch, Talg, Ziffer, Tulpe, Juwel, Löwe, matt und viele andere sehen alle gut deutsch aus, und doch ist Flöte und Käfig dem Lateinischen, Kelch und Almosen dem Griechischen, Felleisen und Schanze dem Französischen, Bankerott dem Italienischen, Vielfraß dem Schwedischen iMIIkras —Felsenfrettchen), Niete dem Niederländischen, Halunke dem Wendischen, Dolmetsch dem Polnischen, Talg dem Russischen, Tulpe dem Türkischen, Ziffer dem Arabischen, Juwel dem Persischen, Löwe dem Hebräischen, matt dem Persisch-Arabischen Lekäk nM (— der König ist tot) entlehnt. Wenn wir ihnen aber das Ausländische nicht mehr ansehen, so rührt das daher, daß man in früheren Jahrhunderten noch nicht wie heutzutage ein Wort ohne Weiteres herübernahm und ihm Bürgerrecht verlieh, sondern ihm erst ein einheimisches Gewand und einheimischen Klang gab, es also erst „umdeutschte." Alle diese Wörter sind, nachdem sie deutsch geworden, vollberechtigtes Sprachgut und können nicht mehr angetastet werden. Man nennt sie Lehnwörter.^) Es bleibt uns aber endlich noch eine nur allzu stattliche Reihe von Wörtern, welche ohne umgedeutscht zu sein, also in ihrem ausländischen Gewände und mit ihrem ausländischen Klang ins Deutsche eingedrungen sind, und das sind die Fremdwörter, deren übermäßige Zahl so vielen ein Ärgernis ist. Ich sage: die übermäßige Zahl; denn sehr viele können und müssen allerdings beseitigt werden, wenn wir nicht unsere Sprache empfindlich schädigen wollen. Manchem Leser mag sich hier die Frage aufdrängen: Haben denn nicht andere Völker dasselbe gethan? Gewiß; denn kein Kulturvolk kann sich frei von Lehnwörtern erhalten, wenn es sich nicht durch eine chinesische Mauer von anderen abschließen will. Und doch giebt es nur bei uns Deutschen eine Fremdwörterfrage? wie kommt das? Weil andere Völker es im allgemeinen noch heute so machen, wie die Deutschen vor Jahrhunderten: sie bilden das fremde Wort nach den Laut- und Formbildungsgesetzen ihrer eigenen Sprache um und nehmen ihn erst dann, wenn sie es so sich mundgerecht gemacht und ihm das Ausländische genommen haben, als vollberechtigt auf. So ist z. B. das französische AU6rr6 aus dem deutschen Wirre, donlsvaa-ä aus Bollwerk, kautsuil aus Faltstuhl, äro^ns aus niederdeutsch drög (—trocken), italienisch 5r68C0 aus frisch, so Ks 1-20 aus Scherz u. s. w. entstanden. In der verwülschten Form haben wir dann diese und andere Wörter als etwas „Extrafeines" wieder aufgenommen — gleichwie manches Erzeugnis deutschen Gewerbfleißes durch den ausländischen Stempel gangbarer wird. Auch der Engländer versteht es sich fremde Wörter mundgerecht zu machen; nimmt er z. B. das französische äist anos auf, so spricht er es auf seine Art aus; der Deutsche aber, der dasselbe Wort entlehnt, bemüht sich es französisch auszusprechen. Dieser verlor eben im Laufe der Zeit den Widerwillen gegen den fremden Klang und die Ehrfurcht vor seiner eigenen Sprache und fand eine besondere Genugthuung darin, Zunge und Ohr an das Fremde zu gewöhnen; und so hat es in Deutschland ursprünglich nur Lehnwörter gegeben, später aber sind die Fremdwörter gekommen und — die Fremdwörterbücher; das erste schon im Jahre 1572. Die Zahl der vorhandenen Fremdwörterbücher beträgt nach Dunger**), der seinerseits „ein allerdings sehr unvollständiges Verzeichnis" von Zusammengestellt v. Konrad Roßberg: Die deutschen Lehnwörter in alphabetischer Ordnung. Hagen i. W. und Leipzig, 1881. Hermann Dunger, Wörterbuch von Verdeutschungen entbehrlicher Fremdwörter u.s.w. Leipzig 1882; S. 6.