Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1881
- Date
- 1881-01-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Die israelitische Gemeinde ist durch keinen äußeren Zwang genötigt, eine Schule wie die unsere zu erhalten; das sehr große Opfer, das sie damit bringt, ist ein freiwilliges. Es ist aber darauf hinzuweisen, daß zu allen Zeiten, überall, wo eine israelitische Gemeinde sich zusammenfand, neben dem Gotteshause sich auch ein Lehrhaus erhoben hat. Nicht die religiöse Unterweisung allein, sondern die Pflege der Wissenschaft überhaupt ist ein Gebot des Judentums. So tief ist dieses Gebot in unserer Religion begründet, daß in dem Gebet, mit dem wir unser Tagewerk beginnen und schließen sollen, das Gebet um Erleuchtung, „um Erkenntnis, Einficht und Verständnis" obenan steht. Das Volk versinkt in Materialismus und geht zu gründe, in dem für die Pflege der Wissenschaft keine Stätte mehr vorhanden ist. Daß sich das Judentum durch die Jahrtausende der Menschengeschichte bis auf diesen Tag erhalten hat, beruht darin, daß das geistige Leben in ihm niemals erloschen ist; daß immer wieder Männer der Wissenschaft, große Lehrer in ihm aufgestanden sind, die durch ihre Geistesarbeit dem Volke Nahrung gegeben und die erschlaffenden Glieder des Volkes mit erfrischendem Geist belebt haben. Dessen ist die jüdische Geschichte ein Zeuge. Oft genug freilich haben Druck und Elend jenen Zelotismus in unserer Mitte erzeugt, der gegen die Wissenschaft eifert. Eine solche Epoche in der jüdischen Geschichte bildet das vorige Jahrhundert. Damals und im Anfange d eses Jahrhunderts wurden, im Gegensatz gegen diese der Wissenschaft und dem Leben abgewandte Richtung, und im Anschluß an die durch Moses Mendelssohns Thätigkeit und Persönlichkeit hervorgerufenen Bestrebungen, in Berlin, Breslau, Seesen, Dessau, Wolfenbüttel, hier in Frankfurt und und an anderen Orten Schulen gegründet, welche sich die Aufgabe stellten, die israelitische Jugend auf die Bahn der deutschen Bildung zu führen. Manche von diesen Schulen sind eingegangen, keine ist von ihren Patronatsbehödm mit so vielem Verständnis und mit so ununterbrochener Hingebung gepflegt worden, keine hat deshalb eine solche Wirksamkeit gewonnen, wie die unsrige. Das ist der Ruhm der hiesigen israelitischen Gemeinde. In der Pflege der Jugendbildung nimmt sie unter den Gemeinden Deutschlands unbestritten den ersten Rang ein. Das legt unserer Schul? erhöhte Pflichten auf. Hier muß in Gottesfurcht, Fleiß und Gehorsam die Jugend zu geistiger und körperlicher Gesundheit und Kraft erzogen, hier muß ein pflichtbewußtes Geschlecht herangebildet werden, dessen Ehre die Arbeit, dessen Ruhm die Treue ist, das seinen Stolz darin sieht, dem Vaterlande zu dienen, dessen sittliche Kraft in der Lauterkeit seiner Gesinnung, in der Festigkeit seiner religiösen Ueberzeugung begründet ist. Dazu müssen die Eltern mithelfen.