Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1883
- Date
- 1883-01-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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- 16 — Wären auf diesen Denkmälern nur Namen und Daten eingegraben, so würden sie schon dadurch allein als Anhaltspunkte für die Geschichte einzelner Familien, für literarisch oder sonstwie bedeutende Persönlichkeiten innerhalb der hiesigen israelitischen Gemeinde, für die Chronologie, endlich auch für Zahl- und Zusammensetzung der hiesigen israelitischen Bevölkerung innerhalb gewisser Epochen von großem Wert sein; sie bieten aber mehr. — Freilich, die bildende Kunst geht leer aus; das Gebot: „Du sollst dir kein Bild machen'"), hat sie bei den Juden nirgends aufkommen lassen; bleibender Ausdruck der Gedanken und Empfindungen war ihnen immer nur das geschriebene Wort. 2) Um so eingehendere Beachtung wird darum der Form und dem Inhalte der Inschriften zu widmen sein. Als Denkmäler der Schrift und Sprache bieten sie für EntWickelung' .beider dem Forscher das chronologisch am besten beglaubigte Materials) bei weitem am wichtigsten .aber werden sie durch den Einblick, den sie in die Sitten- und die Lebensanschauung der Judeu gewähren, Materien, über welche die mittelalterlichen Chronisten gar nichts oder nur Mißverstandenes berichten. Der Tod versöhnt, mit den Toten sind wir nnr durch die Liebe vereint, am Grabe spricht die Pietät. Und doch charakterisiert sich der Einzelne wie die Gesamtheit durch die Vorstellungen von dem Jenseits, durch die Art, wie er über diejenigen, die ihm vorhergegangen sind, denkt und sich äußert. Was wir von dem Toten als rühmenswert hervorheben, muß uns ^och selbst erstrebenswert erscheinen; in dem Bilde, in dem wir das Ergebnis seines Lebens zusammenfassen, zeichnen wir unser Ideal: so möchten wir selbst sein, wie wir nun in erhöhter Liebe uns den.Heimgegangenen denken, so möchten wir in unserer Sphäre wirken, wie wir uns den Heimgegangenen in seinem einstigen Wirkungskreise vorstellen. Wie redeten nun die mittelalterlichen Juden von den Toten? wie dachten sie von dem Jenseits? welche Ideale vom Menschen schwebten ihnen vor? Die Grabschriften belehren uns darüber. ^) Der Tote heißt „der Ruhende", sein Name wird niemals genannt, ohne daß hinzugefügt wäre:- „Über ihn der Friede!" oder „Sein Andenken zum Segen", oder „das Andenken des Gerechten zum Segen". — Formeln, mit denen die Grabschriften schließen, such: „Seine Seele sei dem Lebensbunde einverleibt", oder, „Seine Seele im Garten Eden. Amen, Sela", oder „Seine Seele sei dem Lebensbunde einverleibt mit den andern Seelen der Gerechten im Garten Eden. Amen, Sela". Von den Eltern spricht der Sohn nie anders als „mein Herr Vater, mein Lehrer", „meine Mutter, meine Lehrerin", oder „meine Mutter, meine Lehrerin, Heil der, die sie geboren."^ „Eine edle Frau, jung an Jahren, all ihr Thun anmutend, herrlich wie eine Königstochter im Prunkgemach, ihre Hand streckte sie entgegen den Armen."6) „Sie redete zu Jedermann sanft und demütig." „Sie war ehrbar, edel, lieblich in ihrem Walten wie eine Rose." „Sie :) Lxoä. 204. 2) Die Bezeichnung der Häuser, in denen die Verstorbenen ehedem gewohnt, finden sich auf einzelnen Grabsteinen Abbildungen der für das hiesige Ghetto obligatorischen Häuserschilder z. B. ein Strauß, eine Sichel, eine Kanne (letztere findet sich auch in anderen Gegenden zur Hindeutung, daß der Verstorbene dem Levitenstamme angehört) jedoch auch das nur selten, die Beziehung ist zumeist in Worten gegeben, z. B. zum gülden Strauß, zum fröhlichen Mann, zur gülden Arch, zur grüne Hindertür, zum Handschuh, zum Sperber, zum weißen Stern :c. 2) Die Sprache des geschichtlichen Denkmals wird ein zweites Denkmal: was der Grabstein verkündet, ist für den Einzelnen, wie er es verkündet für die Gesamtheit ein Gedächtnis. Zunz 1. e. 441. 4) Selbstverständlich bietet die folgende Zusammenstellung aus der reichen Fülle nur einiges wenige. -) Abot 2, 11. 6) Psalm 45, 14. Spr. 31. 20.