Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1873
- Date
- 1873-01-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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- 12 — einem Kinde bemerkt wird! Aus falscher Scham, aus Furcht ihre Kinder in den Augen des Lehrers herabzusetzen, zögern die Eltern die hervorbrechenden Untugenden mit allen Mitteln im Keime Zu unterdrücken und indem sie sich bei der wichtigsten Seite ihrer Erziehungsaufgabe die wirksamste Unterstützung entgehen lassen, schädigen sie, da gewisse Untugenden des Kindes sich ja nicht blos auf das Haus beschränken, zugleich die Schule und erschweren ohne Noth deren erziehliche Wirksamkeit. Je besser wir die Eigenthümlichkeiten eines Kindes kennen, desto leichter und sicherer können wir auf dasselbe wirken. Darum ist es unerläßlich, daß Eltern und Lehrer in ununterbrochenem Verkehr bleiben zu gegenseitiger Aufklärung und Belehrung. Die Schule erhält diese Verbindung durch die Censuren, die sie regelmäßig in's Haus sendet und durch sonstige schriftliche Mttheilungen aufrecht, an den Eltern ist es, dieselbe in dem vertrauensvollen mündlichen Gedankenaustausch mit den Lehrern zu suchen. Schlimm ist es, wenn die Eltern, dieses unterlassend, ihre einzige Information über die Schule aus den oft einseitigen Darstellungen ihrer Kinder oder sonst vom Hörensagen empfangen und danach ihr Unheil bilden und aussprechen; noch schlimmer, wenn sie es dulden, daß ihre Kinder über Lehrer und Schule aburcheilen oder daß diese gar EigeMhümlichkeiten ihrer Lehrer, wenn auch in noch so harmloser Weife hervorheben oder gar in's Lächerliche ziehen. Schwer rächt sich ein solches Verhalten: der Mangel an Ehrfurcht wendet sich schließlich auch gegen die Eltern und sie leiden am meisten an der Frivolität, die sie selbst groß gezogen. Denn unmittelbar neben dem Vater und der Muttcr steht der Lehrer, dem es ja ein unabweisliches Bedürfniß ist, was er ist und das Beste, das er sich errungen hat, seinen Schülern nahe zu bringen. In dem Bewußtsein zur gemeinsamen Lösung der höchsten und heiligsten Aufgabe mit einander verbunden zu sein, muß eine innere Übereinstimmung zwischen Schule und Haus, eine geistige Gemeinschaft zwischen Eltern und Lehrern erstrebt werden. Diese geistige Gemeinschaft beruht in der gleichen Pflicht Beider, schon um der Kinder willen, unausgesetzt an der eigenen Vervollkommnung zu arbeiten. Wer Andere erziehen will, darf nie aufhören, sich selbst zu erziehen. Darin liegt die Hoheit des Lehrberufes, daß der Lehrer nicht aufhören darf zu lernen und dadurch werden die Kinder uns Eltern ein Segen, daß wir schon um ihretwillen auf uns achten und unser Haus würdig gestalten. Ja, die wesentlichste und wirksamste Unterstützung, welche die Eltern der Schule gewähren können, liegt in der würdigen Gestaltung des Hauses. Wenn dort ein dem Schein, dem Aeußerlichen und Nichtigen abgewandter, auf das Wahre und Gute, auf das Ewige gerichteter Sinn waltet, wenn dort Bildung und gebildete Menschen geschätzt werden, wenn überhaupt der Pflege idealer Interessen dort eine Stätte bereitet ist, dann werden die Kinder in dem Elternhause den warmen Hauch der Liebe zu ihren Lehrern und zu ihrer Bildungsstätte einathmen, dann werden sie mit empfänglichem Sinn aus dem Hause in die Schule zurückkehren, und das Wort des Lehrers wird, in die Tiefe der Seele dringend, alle guten und edlen Triebe in ihnen kräftigen.