Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1871
- Date
- 1871-01-01
- Page
- – (sequence 34)
- Language
- German
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— 35 - Da erscheint Gott dem Hiob im Gewitter. Er spricht zu ihm, führt ihm in herrlichen Reden die Wunder der Welt vor Augen, zeigt ihm, wie wenig der Mensch in das Getriebe der ganzen, großen Natur einzugreifen vermöge, wie unabhängig sie von menschlichem Geist und menschlicher Kraft sei, und macht ihm durch die Schilderung mächtiger Thiere, welche, wenngleich unvernünftig, alles Menschenwitzes spotten, die Leichtigkeit, Freiheit, Selbstständigkeit des Daseins anschaulich, welche die unendliche Weisheit ihren Geschöpfen gegeben, indem sie durch die einfachsten Mittel das schlichtet und vollendet, was dem Menschen unerklärlich erscheint. Hiob, zuerst ergriffen und bewältigt von dem gewaltigen Eindruck, bricht endlich entzückt über die Verwirklichung seines einzigen Wunsches in die Worte aus: Deine Kunde hatte mein Ohr vernommen. Doch nun hat mein Auge Dich gesehen. Drum fahre hin und sei nicht mehr gedacht Der irdische Staub. Gott aber, nachdem er die drei Freunde (denn Elihu war vor dem Anblick Gottes verschwunden) durch Hiobs Vermittlung gesühnt und so um dessen Stirn den Kranz des Siegers gewunden, erhebt ihn zu neuem Glänze und ersetzt ihm alles verlorene Glück reichlich. Und Hiob starb alt und lebenssatt. So endet diese Dichtung. Wie sie in der Idee groß, in der Ausführung vollendet, in der Sprache reizend und unendlich wohlklingend ist, so eignet sie sich auch am besten, den Geist des hebräischen Volkes in seiner höchsten Blüthe erkennen zu lassen. Denn die Poesie in ihrer Vollendung ist zugleich der schönste und vollkommenste Ausdruck des ganzen menschlichen Wesens. Und wie der Wanderer in fernen Gegenden den Weg durch unbekannte Länder und Meere an dem ewigen Glänze der Sterne sucht und durch ihren Anblick zugleich das erhebende Gefühl eines großen gemeinsamen Vaterlandes aller Menschen in seiner Seele weckt: so führt uns die Poesie, indem wir ihrem Strahle folgend Sinn und Wesen weit entrückter Völker zu erforschen streben, zu der Empfindung einer in allen Zeiten und Völkern waltenden einzigen Menschheit und der Gemeinschaft alles Hohen, Herrlichen und Göttlichen. v. Disposition zu einer Abhandlung über das Judenthum. 1. Unbestimmtheit des Wesens und der Grenzen des Judenthums. Verschiedene Antwort, was es sei. Wechsel seiner Erscheinung in verschiedenen Zeiten. Zurückkommen auf das hebräische Alterthum. 2. Wesen des hebräischen Volkes im Alterthum. Das Wesen eines Volkes ist nicht definirbar, so wenig wie alles Natürliche, etwa die Gesichtszüge oder der Charakter des Einzelnen. Es kann aber nach seinen einzelnen Zügen durch Anschauung erkannt werden, und zwar hauptsächlich durch seine Sprache, seine Literatur und Poesie, seine Sitten und Vorstellungen, seine Geschichte. Was das hebräische Volk am meisten auszeichnet, ist die Art seiner Weltanschauung. Bedürfniß des Menschen nach der Vermehrung und Erhöhung der Welt. Die griechische Idealität; das Schicksal, die Götter. Gegensatz bei den Hebräern: die Uebersinnlichkeit, hervorgegangen aus der tiefen Empfindung von dem Unterschiede des Höheren, im Gemüth Vorhandenen und dem von der Wirklichkeit Gebotenen. Vorstellung von Gott, als das Unbegreifliche. Fernerer Gegensatz in sittlicher Hinsicht. Ideal der Sittlichkeit bei den Hebräern, bestehend in der Reinheit der Seele; Sünde. Dieses Ideal ist, wenig verändert, nicht vervollkommnet, auch aus die anderen Völker übergegangen. Zartheit des Familienlebens, Neiz der ältesten Familiengeschichten. Die Familie ist bei den klassischen Völkern kein Gegenstand der Dichtung, bei den Römern ist Aeneas nur pflichttreu und voll Pietät gegen seinen Vater, aber die Innigkeit des Verhältnisses bleibt unberücksichtigt. Ebenso die Freundschaft, bei den Griechen als aufopfernd und thätig, bei den Hebräern außerdem als zart und hingebend geschildert. Endlich ist ein Hauptzug des Volkes Milde; sie zeigt sich in seinen Gesetzen, in dem