Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1871
- Date
- 1871-01-01
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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k - SS - nicht in crclusiven Kreisen bewegt hat, hat in ihm einen schlichten natmlichen Sinn, eine gewisse Naivctät erhalten und war der Entwicklung des Echtmenschlichen in ihm gewiß nicht nachtheilig. Ich will nicht reden von den schönen, rührenden Beziehungen Geiger's zu seinen Eltern und Geschwistern') — solche Verhältnisse sind ja in unserer Mitte Gottlob nicht vereinzelt; etwas Anderes jedoch darf nicht übergangen werden. Es war eine Eigenthümlichkcit Geiger's, daß, während er auf wissenschaftlichem Gebiete völlig voraussetzungslos an die Dinge herantrat und nur das festhielt, was er an der Hand des striktesten Beweises richtig anerkannte, er gleichwohl eine hohe Achtung bewahrte vor den historischen Mächten des Lebens^). Als Jude hielt Geiger sich durch das jüdische Gesetz, dessen Beobachtung ihm überdies durch Erziehung und Lebensgewöhnung natürlich geworden war, gebunden. Im Zusammcnhange mit dieser Richtung steht, wie ich glauben möchte, ein ihm eigentümlicher, in allen Lebenslagen bewährter Zug der Treue und ebenso eine tiefe Ehrfurcht vor dem Altertümlichen Geiger war übrigens ein tiefer Kenner des Judenthums ^) und hielt mit vollem Bewußtsein an einer Religion fest, die, an bestimmte Institutionen geknüpft, zu Thaten verpflichtet, unfern Handlungen ein Maaß vorschreibt, aber die Freiheit des Denkens nicht beschränkt und ein unausgesetztes Forschen nach Wahrheit vorschreibt. Seine Menschenliebe kannte jedoch keine Schranke, weder der Religion noch der Nation: wie ihm früh „die Empfindung einer in allen Zeiten und Völkern waltenden einzigen Menschheit und der Gemeinschaft alles Hohen, Herrlichen und Göttlichen" aufgegangen war°), so hatte und verlangte er Achtung vor Allem, was Menschenantlitz trägt. In dieser Menschenliebe, die sich überall thätig und aufopfernd erwies, in der Liebe zur Wahrheit, zum Recht und zur Freiheit gipfelte seine sittliche Lebensanschauung. — Wir aber schließen diese Blätter, die wir in dem Gedanken an das, was unsere Schule, die Seinen, die Wissenschaft in ihm verloren, in bewegten Stunden geschrieben haben, mit den Worten, denen wir einmal auf dem Gedenkstein eines edlen Mannes begegnet sind und die was Geiger erstrebte und war zusammenfassend bezeichnen: Sein Leben war Dienst der Wahrheit, Seine Seele Odem der Liebe. —!) Geiger kommt oft und mit Vorliebe auf den Unterricht zurück, den er von seinem Vater empfing. S. oben S. 10 Anm. 2. und im Folgenden Beilage ^, vergl. auch Ursprung der Sprache S. 231 und Ursprung der Sprache und Vernunft S. 463. Der Vater hinwiederum beruft sich in seinen Schriften gern auf den gelehrten Sohn (vergl. Rabbi Salomo Geiger: Neleedetli niaekLekebetli S. 56. vidrs kelMotk S. 23 u. 460. — Diesen Nachweis verdanke ich Herrn Alfred Geiger, von dem wir die Herausgabe des Nachlasses seines Bruders Lazarus zu erwarten haben), den er in seiner Grabrede seinen Schüler und Lehrer nannte. 2) Ein Gedanke, den Geiger in ganz anderer Verbindung ausgesprochen hat, mag hier Platz finden: „Dieses sind jene zwei Seelen in der Brust der Menschheit: die eine klammert sich an das uralte Sinnliche, welches uns an das Herz geknüpft ist, und möchte es nicht verlassen; die andere reißt uns unaufhaltsam mit dem Triebe des Wachsthumes und der Entwicklung ewig, wir wissen nicht wohin, vorwärts." Ursprung der Sprache und Vernunft S. 96. 2) Ein redendes Zeugniß davon geben seine „Terzinen bei dem Falle der Synagoge zu Frankfurt a. M." Frankfurt, 1854. F. V. Auffarth. ") Das zeigt sich u. A. auch in den mit Klarheit und Schärfe meisterhaft geschriebenen Aussätzen: „Die Israelitische Gemeinde und Herr Stein" in dem Volkssreund sür das mittlere Deutschland, Jahrg. 1861. Vgl. übrigens Anhang v. ») S. unten S. 36.