Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1871
- Date
- 1871-01-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9643684-3089698--0231-3090030- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 17 - Philosophische System Geiger's entscheidend wichtige Betrachtung gewidmet ist^). Wenn wir so den reifen, durch Studien, Beobachtungen und Erfahrungen bereicherten Mann, völlig verändert zu denselben Gegenständen der Betrachtung zurückkehren sehen, die ihn als Knaben beschäftigt haben, so meinen wir, er habe an sich selbst wahrgenommen, was er so schön und wahr ausdrückt: „Die menschliche Vernunft geht einen Weg aufwärts und abwärts und kehrt oft zu jenem Punkte zurück, von dem sie ausgegangen war, jedoch verwandelt; und wenn sie sodann in ihrer Wirkung sich auch wieder gleich geworden scheint, so thut sie zwar Dasselbe, aber anders. Der Mensch schreitet vom Glauben über den Zweifel zum Wisseu, und nicht selten gelangt der in einem langen Verlaufe des Erfahrens an das Ziel Gekommene zu keiner anderen Ueberzcuguug, als die der Gedankenlose unbefangen gehegt, aber das Denken unterdeß verlassen hatte. Doch diese Kreisbewegung darf darum nicht überflüssig scheinen, da die Seele sie nicht ohne einen hohen Gewinn vollendet, nämlich des Bewußtseins-)." „Wunderbar", hatte der Knabe ausgerufen, „unbegreiflich ist Alles, was um uns vorgeht^)." Von allen Wundern war ihm das räthselvolle Problem der menschlichen Sprache uud das Wunder des Verständnisses unausgesetzt ein Gegenstand tiefsinnigen Nachdenkens geblieben^). Von den Gedanken, die er als Knabe darüber gehegt hatte, war er natürlich längst zurückgekommen. Die Sprache, diese Ueberzeugung befestigte sich schou in dem Studenten immer mehr und mehr, ist nicht erfunden, nicht gemacht, sondern geworden; sie ist kein Kunst- und Verstandeswerk, sondern Naturproduct ^): wie die lebendigen Meisterwerke der körperlichen Welt, so hat auch die Sprache die Vollkommenheit ihrer Organisation ohne menschliches Zuthun und Bewußtsein erlangt. Will man die Sprache erkennen, so muß man, wie ein Naturforscher, beobachtend zu Werke gehen, man muß den ganzen Proceß ihres Werdens geschichtlich verfolgen. Bopp, Grimm uud audere große Sprachforscher haben dies gethan, sie haben uns die Erkenntniß von den Gesetzen des Sprachlauts zu erschließen begonnen. In der Sprache tritt aber das Denken und Empfinden der Menschen auf, und wie jedes einzelne Wort als Laut einen Sprachtheil, so enthält es als Begriff einen Theil der Vernunft. Um also so sagte sich Geiger, das Wesen der Sprache zu erkennen, genügt es nicht, die Lautgesetze zu erforschen, man mnß auch fragen: nach welchen Gesetzen entwickeln sich die Bedeutungen der Wörter, die Begriffe? Ja, erst wenn man die gesetzliche Reihenfolge ermittelt haben wird, in welcher Begriffe entstehen und nicht entstehen können, wird man in diesen Bedeutungsgesetzcn ein ebenso untrügliches, wie unentbehrliches Kriterium für die Etymologie Habens. Die Bedeutungseutwickelung der Wörter aber geht nicht etwa ans einem mehr oder weniger verständigen Processe hervor, sie geschieht unbewußt, unmerklich, allmählich, sie kann nicht durch Speculation ergründet, sie muß durch Beobachtung festgestellt werden. Wie der Naturforscher die EntWickelung des Embryo aus der Zelle in den einzelnen Entwickelungsstadieu bei den verschiedenen Thierspccies beobachtet und vergleicht, um zu allgemeinen Entwicklungsgesetzen zu gelangen, ähnlich muß der Sprach- 1) Ursprung der Sprache und Vernunft S. 232—251. 2) A. a. O., Seite 91. 5) S. oben Seite 9. 4) Bergt, die schöne Stelle Ursprung der Sprache Seite 1 und 2. ») S. unten Seite 22. «) Ursprung der Sprache S. XIX.