Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1870
- Date
- 1870-01-01
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
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— 32 — großen Dichter aus Luther's Schriften schöpften, gerade auf der ähnlichen Wirkung ihrer Alterthümlichkeit. Es wäre sehr zu wünschen, daß nicht nur der verblaßte Sinn unserer Ableitungselemente, sondern auch der Wort- und Wurzelschatz selbst der Jugend zum Bewußtsein gebracht werden könnte; aber es muß freilich mit der Zartheit geschehen, die den Reiz, welchen dieser Einblick in das innere Leben der Sprache fast für jedes Gemüth hat, nicht stört und abstumpft. Das Fremdwort ist ebenfalls sehr der Betrachtung werth; und bei der großen Wichtigkeit der griechischen Sprache in dieser Hinsicht möge mir ein Vorschlag gestattet werden, der vielleicht auf den ersten Blick paradox erscheinen wird; nämlich, daß doch auf höheren Schulen überall das griechische Alphabet lesen gelehrt werde, da die geringe Zeit, die etwa aus der Unterrichtszeit der deutschen Grammatik dafür aufgewendet werden könnte, sich gewiß lohnen würde. Außerdem daß das Nachschlagen eines griechischen Wörterbuchs oft schon über ein Fremdwort aufzuklären vermag, ist es auch für einen sonst Gebildeten gewiß unerfreulich, mitten in einer deutschen Schrift bei jedem X^.I?L anzustoßen. In der Lautlehre ist begreiflicherweise vor Allem das Gesetz der Lautverschiebung für die Erkenntniß der Stellung, die die deutsche Sprache unter den Sprachen ihres Stammes einnimmt, von Wichtigkeit. Für seine Mittheilung ist besonders da ein günstiger Boden vorhanden, wo durch Bekanntschaft mit dem Englischen und mit dem Lateinischen oder Französischen Gelegenheit zur Wahl von Beispielen aus den verschiedenen Lautstufen gegeben ist. Wie weit ein geschichtlicher Rückblick auf ältere grammatische Formen gestattet sei, das hängt von der Sicherheit ab, mit der die lebende Sprache bereits beherrscht ist, da ohne diese die Sprachlehre durch Mittheilung eines anderen Sprachzustandes nur ihren ersten, praktischen Zweck beeinträchtigen und ein Schwanken über das Richtige hervorrufen würde. Auch kann man es kaum zu scharf und zu oft betonen, daß der Jugend nur das Sicherste, allgemein Anerkannte, niemals etwa neue Systeme und subjective Ansichten geboten werden dürfen. Die Natur der Jugend ist gläubig; sie nimmt alles, was man ihr gibt, als etwas Objectives entgegen: diesen Glauben darf man nicht mißbrauchen. Ueberhaupt kann die Schule solche Gegenstände vielleicht auf ihrer höchsten Stufe nur beginnen, berühren; aber da sie von naturwissenschaftlicher Kenntniß elementare Anregungen mit in das Leben gibt, warum sollte das Verständniß der sprachwissenschaftlichen Bewegung dieser Zeit der heranwachsenden Generation ganz verschlossen bleiben? Jedenfalls ist ein solcher Stoff unendlich lohnender, als alle hochtönenden Künste der Rhetorik, Logik, Poetik — von der Metrik natürlich abgesehen —, Ästhetik, und wie die schönen Dinge alle heißen mögen. Zu je höheren Fragen die Sprachwissenschaft sich erheben, je größere Sicherheit sie erreichen, und zu je allgemeinerem Interesse sie in der Menschheit, die vermittelst ihrer ihre Geschichte zu lesen beginnt, gelangen wird: um so dringender und allgemeiner wird auch der Wunsch werden müssen, diesen Fragen mindestens nicht ferner zu stehen, als den physischen oder geologischen. Wenn daher die Kenntniß des grammatischen Systems und der gewöhnlichsten grammatischen Kunstausdrücke auch den praktischen Werth nicht hätte, den ich derselben zuschreiben zu müssen glaube, so würde doch schon deren Unentbehrlichkeit zum Verständniß auch der populärsten Behandlung sprachwissenschaftlicher Gegenstände ein ausreichender Grund sein, dieselbe sowenig aus unseren Schulen zu verbannen, als Mathematik, Physik oder Chemie.