Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 51 (21.12.1928)
- Date
- 1928-12-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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DJfe WAHRHfeiT Seite § Die Hakenkreuzler im deutschen Reich haben jetzt eine prächtige Gelegenheit, an einem eklatanten Fall nachzuweisen, was in dem bekanntlich so völlig verjudeten Deutschland selbst ein protestantischer Pfarrer wegen der Juden erleiden kann. Der Pfarrer Glenk aus Melkendorf bei Kulmbach begegnete nämlich neulich einem mit Hakenkeuzlern besetzten Auto, dessen Insassen ihn nach dem Wege fragten. Bevor er aber noch Bescheid geben konnte, rief einer der Jünglinge: „Das ist ja ein Jud!", worauf die anderen über den Pfarrer herfielen — viele über einen! — und ihn arg verprügelten. Es wäre unbillig, von Hakenkreuzlern zu verlangen, daß sie wegen eines solchen Mißgriffes Gesinnungsgenossen tadelten. Aber wo gibt es eine Schufterei, die man nicht zur Hetze gegen Juden ausnützen könnte? * * :K Den deutschvölkischen Antrag auf Einführung des Numerus clausus für „fremdstämmige Studenten** muß man als ein Zeichen rührender Bescheidenheit und beispielgebender Dankbarkeit werten. Die Ungarn haben bekanntlich den Antisemitismus als echtes deutsches Rohprodukt importiert. Nun wollen die deutschen Völkischen in Bekundung eines wahrhaft erhebenden hakenkreuzlerischen Geistes zeigen, daß sie auch von den ungarischen Rasseuschützlern etwas zu lernen wissen. & :J: Franz Herczeg, der bekannte ungarische Dramatiker, hat, um es sich, Gott behüte, mit den Hakenkreuzlern nicht zu verderben, bisher sorgfältig vermieden, auch nur einen Laut gegen die schmachvollen antisemitischien Hetzen von sich zu geben. Aber in einem temperamentvollen Artikel - der in einem römischen Blatte erschien — apostrophiert Herczeg die Italiener, sie, die einen Mussolini an ihrer Spitze haben, mögen, im Namen der Zivilisation, Ungarn helfen. „Wenn ihr — schließt er — uns beisteht, dann helft ihr einem Volke, das viele Schwächen und Fehler hat, das aber keine Undankbarkeit und Treulosigkeit kennt.'* Was würden Herczeg und mit ihm so viele, viele in Ungarn antworten, wenn Mussolini, der ein fabelhaft gutes Gedächtnis haben soll, sie daran erinnern wollte, wie die großen Männer Ungarns, die K o s s u t h, D e a k, Oetvös, Andrässy usw. usw. es laut anerkannten, was Ungarn den Juden zu verdanken hatte. Bekenntnisse*. Der Verfasser hat schon mehrere Dramen und Gedichte in hebräischer Sprache geschrieben, muß also zu den Pflegern der schöngeistigen Literatur gezählt werden. Als auch Dramen, Gedichte und sonstige Aufsätze für die Fülle der Gedanken, über die Landau augenscheinlich verfügt, nicht auszureichen schienen, nahm er die Zuflucht zur Form von Briefen, in denen wir über die Lage des heutigen Judentums belehrt werden sollen und tatsächlich belehrt werden. Die kurze Einleitung läßt keinen Zweifel übrig, daß wir es hier mit f i n g i e r t e n Briefen zu tun haben, die noch dazu vor dem Kriege geschrieben wurden, so daß wir also doch nicht das Bild des heutigen Judentums erhalten. Aber auch die Schilderung dessen, was im Judentume vor fünfzehn Jahren gedacht und gehofft wurde, ist von großem Werte, FLEISCHHAUEREI SIEGMUNP KORNMEHL WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE ■ XVIII., WÄHRINGERSTRASSE NR. 97 Telephon Nr. A 17-3-99 and A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilung für Koscherfleisch IX., ficpggassB IS und XVIII., HähringersiPODt 9? unter Aufsieht des ehr«. Rabbinates der Isr» Kultusgemeinde Vifem» Sämtliche Fleischsorten von ausschließlieh Prima- Qualität zu den billigsten Marktpreisen *) Bekenntnisse (hebräisch Viddujim), Briefe betreffs des Judentums und der Juden in der Gegenwart, von Professor Dr. J. L. L a n d a u, Rabbiner in Johannesburg (Süd-Afrika), erster Teil, Wien „Menorah". 1928. zumal wir es in diesem Buche in ausgesucht ieiner hebräischer Diktion und in voller Kenntnis der Läse zu hören bekommen. Der äußere Rahmen des Buches ist der, daß ein polnischer Rabbi, gewiß in einem Städtchen Galiziens, der mit sich selbst und seiner Gemeinde zerworfen ist, sich hinaussehnt in die weite, in die westliche Welt, wo das Leben verschönt ist durch Bildung und feine Menschlichkeit und wo ein kleiner Rabbi nicht beengt wird durch Aufpasserei und Mißgunst. Wohin sich wenden? Darüber nun gibt ihm ein Freund Auskunit, eben unser Verfasser, der den Weg vom Ghetto in die westliche Welt bereits gefunden hat. Es entwickelt sich nun zwischen beiden ein Briefwechsel, in welchem die höchsten W'erte des Judentums, aber auch dessen unsäglicher Jammer, eingehend besprochen werden, und so gehen die Briefe „von Nord zu Süd" und umgekehrt, aus denen wir erfahren, daß der Suchende, mit Hinterlassung von Weib und Kind in dem galizischen Nesi. zuerst nach Wien und von da nach Amsterdam geht, von wo er sich nach London begibt, wo er einen Posten zu bekommen hofft, da ein Verwandter von ihm hier wohnt, dem das Leben des Westens bereits vertraut ist und der ihn zu protegieren verspricht; hier nun wird der Suchende vom Ambruch des Krieges überrascht und er muß eilends flüchten, uns unbekannt wohin, und soll die Lösung wohl im zweiten Teile des Buches nachgeholt werden. Reizvoll ist es nun zu lesen, wie der arme polnische Rabbi in die lärmend glänzenden Hauptstädte des Westens ki»:r»:nt und sozusagen große Augen macht. Doch, er ist ein von Natur verständiger und auch wißbegieriger Mann, und — seien wir unbesorgt — er wird schon seinen Platz unter der Sonne finden; Weib und Kind werden schon nachkommen, und auch sein Kind wird, bei allem Festhalten am Judentum, von der Enge des Ghettos erlöst werden. Das alles bekommen wir, wie gesagt, in packend reizvollen Bildern geschildert, und ganz besonders möchte ich hervorheben, daß die Seefahrt des bis dahin unerfahrenen Mannes nach London meisterhaft geschildert ist, ein erfreuliches Zeichen, was ein dichterisch begabter Kenner des Hebräischen in dieser Sprache leisten kann. Da Dr. Landau seine rabbinische Ausbildung in der Israelitisch-Theologischen Lehranstalt in Wien erhalten hat, so ist es nur natürlich, daß er die Eindrücke, die er in seiner Jugend hier aufgenommen, besonders warm und zutreffend wiedergibt. Seine ehemaligen Lehrer, D. H. Müller und Meir Friedmann, sind der Gegenstand seiner Betrachtungen, und unter den Lebenden wendet sich seine Liebe und Verehrung Rektor A. Schwarz zu. Aber auch andere Wiener Persönlichkeiten, wie Dr. J. Bloch und Dr. M. G ü d emann, werden treffend charakterisiert und selbstverständlich auch Th. H e r z 1, dem sich Landau schon in der Jugend anschloß und dessen mächtige Tat, das Erwecken des Zionismus, vielfach in diesem Buche in die Erscheinung tritt. Desgleichen fühlt sich der Verfasser auch in London durchaus zu Hause, wo ihm besonders M. G a s t e r imponiert, den auch der Suchende sich zum Vorbild nimmt. Ueberall werden zugleich die Gebrechen des modernen Judentums aufgedeckt, die Leichtlebigkeit und die Fahnenflucht der heutigen Jugend, die Herrschsucht und die Heuchelei der führenden Kreise, das unwürdige Los, das dem Rabbiner bereitet wird und dergleichen mehr. Kurz, es ist ein lebendurchglühtes, ein lesenswertes und lehrreiches Buch. Nur eines scheint mir aus dem Rahmen zu fallen; die große Verteidigung, die der Verfasser seinem früher erschienenen Drama „Herodes" zu Teil werden läßt, eine Sache, die in einen anderen Rahmen und vor ein anderes Forum gehört. S. Krauss.