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Die Wahrheit · 1928-12-14 · Heft 50 (14.12.1928) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 50 (14.12.1928)
Date
1928-12-14
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite S ifflai|imi«HMMMnMB««pn^^ Henri Bergson. Aus einem Vortrage. Von Dr. Max G r u n d w a 1 d. Die schwedische Akademie der Wissenschaften hat den Nobelpreis für Literatur Henri Bergson zuerkannt. Es dürfte deshalb angezeigt erscheinen, auf die Bedeutung dieses größten Philosophen seit Plato, wie er in Amerika bezeichnet wird, eingehend hinzuweisen. Seit Moses MendeJsohn hat kein Philosoph aus jüdischem Stamme ein solches Ansehen erlangt und seit Spinoza keiner ein solches Aufsehen erregt wie Henri Bergson. Der Zudrang zu seinen Vorlesungen am College de France, der bekannten Pariser Volksuniversität, an der er bis 1924 vortrug, hatte sich mitunter derart gesteigert, daß ihr Besuch nachgerade zu einem lebensgefährlichen Wagnis wurde. Sein Publikum setzte sich nicht nur aus Studenten und aus Lernenden zusammen. In den ersten Reihen fand man die vornehmsten Damen der Pariser Gesellschaft. Aber auch weit über die Grenzen Frankreichs hinaus bis nach Japan haben Bergsons Gedanken eine gründliche Revolution der Geister hervorgerufen und selbst in Deutschland, wo Bergson in seiner doppelten Eigenschaft als Jude und als Franzose schwer Zutritt fand, hat das Studium seiner Schriften und die Verbreitung seiner Lehren derartige Fortschritte gemacht, daß fast alle seiner Werke bereits in deutscher Uebersetzung vorliegen und daß in der gelesensten deutschen Zeitung, im „Berliner Tageblatt" schon vor Jahrzehnten Bergson trotz Zeppelin als die bedeutendste Erscheinung des neuen Jahrhunderts gefeiert wurde. Von seinen Lebensdaten ist zu berichten, daß er am 19. Oktober 1859 in London als Sohn eines eingewanderten polnischen Juden geboren wurde. Nach Paris übersiedelt, besuchte er mit Hilfe eines Stipendiums aus der jüdischen Stiftung Bischofsheim die Pension Springer. Von dort wurde er zur weiteren Ausbildung nebst anderen Vorzugsschülern in das Lycee Condorcet geschickt, unter denen er bald den ersten Rang einnahm. Besonders in der Mathematik erwarb er sich einen Namen. Nach Absolvierung seiner Studien wurde er Professor an mehreren Provinzlyzeen, dann am Lycee Henri Quatre und 1889 wurde er Docteur de literature. In demselben Jahre erschien seine erste Aufsehen erregende Schrift „Ueber die Grundtatsaehen des menschlichen Bewußtseins." 1891 ernannte ihn die „Academie des sciences morales et politiques" zu ihrem Mitglied, deren Präsident er noch in diesem Jahre wurde. 1918 wurde er in die Akademie, in die Schar der „Unsterblichen" aufgenommen und bei dieser Gelegenheit betont, daß er wesentlich dazu beigetragen habe, der übermächtig werdenden Entmutigung der Jugend durch seine erfolgreiche Bekämpfung des Materialismus zu steuern. Noch während des Krieges und besonders nachher hat Bergson als Präsident der Internationaen wissenschaftlichen Vereinigung sich um den Wiederanschluß der deutschen und österreichischen Gelehrten kreise an den Westen bemüht. Er ist vermählt mit einer Tochter eines Beamten (Neuburger) des Pariser Hauses Rothschild, Auf sein Familienglück fällt ein tiefer Schatten. Sein einziges Kind, eine Tochter, ist taubstumm, das Kind eines Mannes, der mit dem feinhörigsten Ohr in die tiefsten Abgründe der Menschenseele hinabhorcht, eines Mannes von einer Beredsamkeit, die ihn in verhältnismäßig kurzer Zeit zu einer Pariser Mode und damit schon zu einer Größe von Weltruf gemacht hat. Der Schönheit seiner Sprache und der Blüte seines Stils entspricht die Tiefe seiner Gedanken . , . si'ä! Ich sitze an meinem Schreibtische und fühle den Druck dieses Holzes. Wie ist es möglich, diesen Druck zu empfinden? Welche Brücke führt von der Außenwelt, von dem Holz, auf das ich mich hier stütze, in mein Innenleben. Wie verwandelt sich diese tote Masse außer mir in eine Empfindung in mir? Dieses Holz ist massig, quantitativ, wägbar und meßbar, es ist ausgedehnt, extensiv. Meine Empfindung aber ist nicht massig, sondern geistig, nicht quantitativ, sondern qualitativ, nicht extensiv, sondern intensiv! Wie kommt eine solche Empfindung, wie kommt eine Wahrnehmung zustande? Dieses Licht wirft in mein Auge. Strahlen und diese Strahlen erzeugen durch einen physikalisch-chemischen Prozeß auf der Netzhaut meines Auges ein Bild wie in einem Spiegel, doch mit dem Unterschiede, daß der Spiegel, den meine Netzhaut darstellt, die Eigenschaft besitzt, selbst das Bild zu sehen. Neben dem photographischen Apparat, mit dem wir unser Auge vergleichen können, ist unlösbar schon der Photograph selbst verbüKitaL DIE WAHfcHElf RICHARD HERZOG, Wien I., Adlergasse 5 Telephon R 23-4-90 II., Kl. Pfarrgasse 28 Telephon A 41-6-2 Oberkantor J. ROSEN BLATT und alle anderen jüdischen und hebräischen Lieder und kantoralen Gesänge. Auch Opern und moderne Schlagerplatten in größter Auswahl. Modernste Sprechapparate zu günstigen Zahlungsbedingungen. Kataioge gratis! Soeben neue original amerikanische Neuheiten eingelangt! Wo habe ich diesen zu suchen? Ist :er etwa mein Körper? Ach nein! Mein Körper ist für mein Bewußtsein nur ein Bild, genau so wie alle Gegenstände für mich nur Bilder sind. Sie sind freilich nicht etwa Bilder, die ich willkürlich, beliebig erzeuge, nicht Traumbilder, nicht Geschöpfe meiner Phantasie: denn, wenn ich das Auge schließe, sehe ich die Gegenstände nicht. Sie ändern sich auch, je nachdem ich mich dahin oder dorthin wende. Diese Gegenstände sind also ganz gewiß an sich Realitäten außer mir, für mich aber sind sie nur, was mein© Sinne mir von ihnen erzählen, für mich sind sie nur Bilder. In dem einen Bild nun, das ich als meinen Körper empfinde, da gibt es — so lehrt die Anatomie — feine Fäden, die, zu Bündeln vereinigt, dieses Bild, den Körper, durchziehen wie ein Telegraphen- oder Telephonnetz. Der Anatom nennt diese Fäden und Bündel: Nerven. Wir unterscheiden sensorische und motorische Nerven . Die ersteren bringen, so lehrt uns der Physiologe, die Eindrücke der Außenwelt in eine Zentrale, das Gehirn, und diese Zentrale gibt sodann eine Antwort auf den Anruf. Das heißt, sie läßt auf diese Aktion der sensorischen Nerven eine Reaktion in die Außenwelt folgen — durch die motorischen Nerven. Nun hat man in New York und Paris statistisch festgestellt, wieviele Sekunden das Fräulein am Telephon den Anrufenden warten läßt. Ich befürchte, daß Wien in dieser Hinsicht einen Rekord aufstellen würde! In unserem Unwillen, wenn wir am Telephon zappeln, bezeichnen wir diese Möglichkeit, die Fähigkeit der Telephonistin uns warten zu lassen, vieleicht mit einem etwas stärkeren Ausdruck. Als philosophisch dürfen wir nur sagen: dieses Fräulein hat die „Freiheit", uns warten zu lassen. Bei den niedersten Tieren folgen Aktion und Reaktion unmittelbar aufeinander: Je höher wir aber die Stufenleiter der Lebewesen emporklimmen, um so größer wird die Möglichkeit des Tieres, zwischen Aktion und Reaktion ein Intervall eintreten zu lassen, und in der Tat, diese Möglichkeit und Fähigkeit, eine kürzere oder längere Pause zwischen Aktion und Reaktion einzuschieben, ist das, was man philosophisch als „Freiheit" bezeichnet. Wie sieht nun aber diese Telephonistin aus, die die Zentrale — das Gehirn — bedient? Diese Beamtin ist, so sagt uns Bergson, das Gedächtnis. Das Gedächtnis, nicht etwa in dem Sinne, wie wir den Ausdruck zu gebrauchen pflegen, als Konglomerat von verblaßten Wahrnehmungen, die wir in der Vergangenheit gemacht haben und in die wir uns nur zurückversetzen können, wenn wir aus der Gegenwart der Vergangen- . | Herren-' und Damenkleider! s ■ S nach Maß sowie fertig lagernd, nur Qualitätsware, billigste Preise. Even- ■ S tueUe langfristige, bis zu einem Jahre währende Zahlungserleichterungen 2 j _ ■ : Kleider-Erzeaßungs-Union, Wien, VI., Kaserneng. 6 ■ I Telephon 2*15 | iHWIllnilUUlUIIIHItUIUlUHIIUIUnHIIIHIIIMIIIUIIIIIIIHIIIHll

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