Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 46 (16.11.1928)
- Date
- 1928-11-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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§ette 4 RiSiffHHHH»^^ Djjr WAHRHEIT Anhänger des allgemeinen Wahlrechtes, durch die seit Einführung desselben gemachten Erfahrungen schwer enttäuscht worden sind. Sicher ist, daß bei einer Entscheidung über das Wahlrecht für eine Kultusgemeinde ganz andere Gesichtspunkte maßgebend sein sollen als bei dem Wahlrecht für eine politische Körperschaft. Die Kultusgemeinde beruht auf der Voraussetzung, daß ihre Erfordernisse durch den Opfermut ihrer Mitglieder aufgebracht werden. Gerade die Fürsorgetätigkeit der Kultusgemeinde, auf welche die ärmeren Klassen vielfach angewiesen sind, hängt von dem guten Willen der zahlungsfähigen Elemente ab. Wer sich durch eine zu hohe Steuerbemessung beschwert fühlt, ist in'der Lage, sich durch den Austritt aus der Kultusgemeinde jeder Steuerleistung zu entziehen. Schon deshalb ist die schrankenlose Erweiterung des Wahlrechtes mit gewissen Gefahren verbunden. Man muß davor zurückschrecken, auch jenen das Wahlrecht zuzuerkennen, welche nicht einmal gewillt sind, 25 Groschen für die Fürsorgezwecke der Kultusgemeinde zu opfern. - - Dieser lächerlich geringe Betrag genügt aber zur Erlangung des Wahlrechtes für die Kultusgemeinde. Daß es der im Kultusvorstand herrschenden Partei gewiß nicht darum zu tun war, irgendjemand des Wahlrechtes zu berauben, geht schon daraus hervor, daß seitens des Kultusvorstandes in einem Aufrufe, welcher auch in den Tagesblättern erschien, die in Wien lebenden Juden darauf aufmerksam gemacht wurden, daß sie durch die Entrichtung einer Mindest-Steuer von 25 Groschen pro Jahr das Wahlrecht erwerben können. Es ist nicht die Schuld der herrschenden Partei, daß äußerst wenige Personen diesem Aufrufe Folge geleistet haben. Als Grund für diese Tatsache geben sowohl die jüdischnationalen wie die Werktätigen in ihren Blättern wiederholt an, daß die bisher nicht besteuerten Glaubensgenossen befürchten, daß das Steueramt nach pflichtgemäß vorgenommenen Erhebungen ihnen eine ihrem Einkommen entsprechende höhere, vielleicht nur einige wenige Schillinge betragende Steuer vorschreiben würde. Soll etwa die Führung der Gemeinde diesen Drückebergern, welche sich der jüdischen Pflicht der sozialen Fürsorge nach Maßgabe der Kräfte entziehen, anvertraut werden. In einem überaus wichtigen, ja entscheidenden Punkte unterscheidet sich aber das geltende Wahlrecht für die Kultusgemeinde von dem Wahlrechte für den Nationalrat und dem Wiener Gemeinderat. Als ich im Wahlrechts-Ausschusse des Wiener Gemeinderates den Antrag stellte, daß bei den Gemeindewahlen ganz Wien einen Wahlbezirk zu bilden habe, wurde dieser Antrag von den vereinigten Sozialdemokraten und Christlichsozialen abgelehnt. Die ganz ungerechtfertigte Unterteilung Wiens in Wahlbezirke führt zur Unterdrückung der Minoritäten und hat zur Folge, daß das freiheitliche Bürgertum überhaupt und das jüdische Bürgertum insbesondere, welches für die geistige und wirtschaftliche Entwicklung der Hauptstadt so viel geleistet; hat, zum Schaden der Gemeinde. jeder Vertretung Jim Gemeinderate beraubt wurde. Bei den Wahlen für die Kultusgemeinde gibt es ^eine Unterteilung in Wahlbezirke und somit keine Wahlgeometrie. Ganz Wien bildet einen Wahlbezirk. Da jeder das Wahlrecht erlangen kann und die Stimmen in ganz Wien zusammengerechnet werden, so sind, wie die letzten Wahlen bewiesen haben, auch kleinere Wählergruppen in der Lage, er gab ihm dann Leben, indem er ihm den „Schern" («in Zettelchen mit einer hebräischen Zauberschrift) in den Mund steckte. Der Golem arbeitete für zwei. Er bediente, trug Wasser, spaltete Holz, kehrte aus und besorgte überhaupt alle groben Arbeiten. Dabei aß er nicht, trank er nicht, brauchte keine Erholung, nicht einmal eine kurze Rast. Aber jedesmal, wenn der Schabbes begann, am Freitag abends, wenn jede Arbeit ruhen sollte, nahm ihm der Rabbi den „Schern" aus dem Munde, da wurde der Golem wie mit einem Schlage starr, bewegte sich nicht und stand wie eine Puppe in der Ecke, toter Lehm, der sogleich nach dem Schabbes wieder lebendig wurde, sobald ihm der Rabbi den Zauber-„Schem" in die Mundöffnung legte. Einmal aber, als Low ben Bezalel sich auf dem Wege in die Alt-Neusynagoge befand, um den Schabbes einzuweihen, vergaß er den Golem und nahm ihm den „Schern" nicht aus dem Munde. Aber kaum daß der Rabbi ins Gebethaus hineingetreten war und einen Psalm begonnen hatte, kamen schon Leute aus seinem Hause und der Nachbarschaft hinter ihm hergelaufen, alle verstört und erschrocken, abgehackt, wirr, erzählten sie durcheinander, schrien, was da vorgehe, was geschehen wäre, daß der Golem daheim wüte, daß sich ihm niemand nähern dürfe, weil er den Betreffenden erschlagen würde. Der Rabbi zögerte einen Augenblick; der Schabbes war da, der Psalm hatte bereits begonnen. Jedwede Arbeit, die geringste und selbst allergeringste Anstrengung war von diesem Augenblicke an eine Sünde. Aber er hatte den Psalm, mit welchem der Sabbath eingeweiht wird, noch nicht zu Ende gebetet, es hatte folglich noch nicht die eigentliche Sabbath- Stunde angefangen. — Er stand also auf und eilte nach seinem Hause. Noch war er nicht daheim angelangt, als er bereits einen dumpfen Lärm und dröhnende Schläge vernahm. Als er hineintrat, blieben die übrigen vor Angst ein Stück hinter ihm zurück und da gewahrte er eine entsetzliche Verwüstung: zerbrochenes Geschirr, zertrümmerte, umgeworfene Tische, Sessel, Kästen und Bänke, zerstreut herumliegende Bücher. Hier hatte der Golem bereits sein Werk der Zerstörung beendet. Jetzt , eben „arbeitete" er am kleinen Hofe, wo bereits Hennen, Küchlein, Hund und Katze, alle erschlagen lagen, und wo er gerade eine grobstämmige Linde aus dem Erdboden riß. Er war ganz rot, und die schwarzen Haarlocken flogen ihm um Stirn und Gesicht, wie er den Baum ausriß, als ob es irgend eine Latte in einem Zaune wäre. Der Rabbi schritt geraden Weges auf ihn zu; er blickte ihn unverwandt an, mit ausgestreckten Händen. Da gab es dem Golem einen Ruck, er rollte mit den Augen, wie ihn der Meister berührte, und blickte ihm wie verstört ins Auge, als ob er durch seinen mächtigen Blick angeschmiedet worden wäre. In diesem Augenblicke griff ihm der Rabbi zwischen die Zähne und mit einem Rucke, riß er ihm den Zauber-„Schem" aus dem Munde. Und mit dem Golem war's, als ob er eins über den Kopf erhalten hätte. Augenblicklich stürzte er zu Boden und lag hier regungslos, schon wieder wie eine Lehmpuppe, wie eine tote Masse. Alle ringsherum stehenden Juden, alte und junge, schrien freudig auf und voller Mut traten sie jetzt zum gefallenen Golem heran und lachten und verhöhnten ihn. Der Rabbi aber atmete tief auf und schritt, ohne ein Wort zu sprechen, wieder in die Synagoge, wo er im Scheine der Lampen wieder den Psalm aufzusagen und den Schabbes einzuweihen begann. Der heilige Sabbath ging vorüber, doch Rabbi Low ben Bezalel legte dem Golem schon keinen „Schern" mehr in den Mund. Und so stand der Golem nicht wieder auf, blieb eine Lehmpuppe und kam auf den Boden, unter das Dach der alten Synagoge, wo er dann in Stücke zerfiel. Autorisierte Uebersetzung von J. Redsmann.