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Die Wahrheit · 1928-10-12 · Heft 41 (12.10.1928) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 41 (12.10.1928)
Date
1928-10-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis Aeaer Nummer 50 Orotchen. Vcrgffmflktitinffln 4er „UsJeii denfschöster». Juden41 «ad 4ta» „Amf&diea VcHaufbartiageii der IeraeJitladtc» Kulfuagemelnde Wien" [MHMUHiMMMMMM[||iniiiimniiiiiiiir i ■mfflTeeemrrnieMBM Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße Nr. 13 — Telephon 42-2-16 XLIV. Jahrgang Wien, 12. Oktober 1928 Nummer 41 Religion oder Religionsverwaltung? Offener Antwortbrief des Dr. Jakob Ornstein, Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeinde, an Herrn Viktor Bauminger, Kultusvorsteher in Wien. Sehr geehrter Herr! In Ihrem an mich gerichteten offenen Briefe („Die Stimme", Nr. 40 vom 4. Oktober 1928) haben Sie vor allem meiner „privaten Persönlichkeit" in besonders warmer Weise Ihre Achtung gezollt, obzwar Sie, wie Sie in diesem Schreiben betonen, „meine Politik verurteilen und bekämpfen", welche Bekämpfung, wenn ich von Ihrer Einreihung in den jüdischnationalen Klub absehe, wrohl nur sehr wenig zur Kenntnis der Mitglieder des Kttltusvorstandes gelangte. Denn Sie haben wahrlich nicht das bittere Brot der Opposition gegessen, die Fleischtöpfe der Regierungsmehrheit haben Ihnen und Ihrer Partei sehr wohl gemundet. Sie haben aber sofort in den Becher meiner Freude über Ihre Anerkennung meiner privaten Persönlichkeit viele Tropfen Wermuts gegossen, indem Sie von meiner „geistigen Doppelgestalt" sprechen, welche als erster entdeckt zu haben allerdings Ihr ureigenstes Verdienst ist. Sie wollen also eine „große Distanz zwischen meinem privaten und meinem öffentlichen Charakter" wahrgenommen haben und geben mir in einem halb professoralen, halb Pastoralen Tone Belehrungen über meine Pflichten „als Mann der Oeffentlichkeit". Allein diese Belehrung cscheint mir mehr als überflüssig, denn diese, insbesondere die jüdische Oeffentlichkeit kennt mein jahrzehntelanges Wirken in ihrem Dienste. Ich habe es immer verurteilt, wenn ein Mann der Oeffentlichkeit sich in seiner öffentlichen Wirksamkeit von anderen Grundsätzen leiten läßt, als denen der strengsten Wahrheit, so wie er sie sich in seinem privaten Leben zur Pflicht gemacht hat. Sie haben sich aber nicht allein auf diese allgemeine Behauptung beschränkt, Sie haben vielmehr, wohl durch die Parteileidenschaft verblendet, sich zu einer ungeheuren Verdächtigung und zu einer unerhörten Insinuation ■verstiegen, indem Sie es wagen, mir vorzuwerfen, daß ich die „jüdische Religion als Wahlschlager mir ausgesucht" habe. Ich dürfe „mit dem Gott von Israel kein Wahlmanöver treiben, die Bibel sei kein Wahlplakat", ja Sie lassen sich soweit hinreißen, mir zu sagen, ich habe „i n R e 1 i g i o n g e m a e h t", und begreifen gar nicht, daß dieser empörende, jedes bessere Gefühl tief verletzende Ausdruck auf seinen Urheber zurückfällt Sie glauben, solche Vorwürfe erheben zu dürfen, weil Sie sich die Berechtigung zuschreiben, den Großinquisitor zu spielen und bei Ihren Glaubensgenossen, also auch bei mir, zu erforschen, inwieferne der einzelne sich von „jüdischer Lebensführung, von jüdischer Observanz, von jüdischer Gesetzestreue" leiten läßt. Allein ich frage Sie, würden sehr viele Ihrer, sagen wir, weiteren Parteigenossen diese Prüfung bestehen? Und warum richten Sie Ihre Lehren nicht an diese Ihnen Näherstehenden, die allerdings in einem Artikel in einem Ihrer Parteiblätter aus letzter Zeit in dem „jüdischen Hause, in der jüdischen Sitte, in jüdischer Erziehung" unser Heil erblicken. Stimmt deren Tun mit diesen schönen Worten überein, und glauben Sie nicht vielmehr, daß Ihre „Kapuzinerpredigt" dort zumindestens auch am Platze wäre? Sie wollen nun mich belehren: Die Religion heißt „den Sabbath halten, Tefilim anlegen, die Speisegesetze beobachten usw. usw.". Wie ich es in meinem privaten Leben, in welches ich Ihnen nie Einblick gewährt habe, halte, das zu untersuchen ist nicht Ihr Recht, das ist meine eigene Sache. In meinem öffentlichen Leben, das ist in meiner Wirksamkeit als Vizepräsident der Kultusgemeinde, habe ich — und ich könnte auch Ihr Zeugnis hundertfältig anrufen — mein, redlich Teil beigetragen, daß alle zum Wirkungskreis des Vorstandes gehörigen, nur irgendwie realisierbaren Wünsche auch der orthodoxesten Kreise ihre Erfüllung finden. Und deshalb erfreuen wir, ich und meine Partei, uns in hohem Maße des Vertrauens der großen Masse der orthodoxen Juden, welche ich wegen ihrer streng religiösen Lebensführung, die ihnen so viel Lasten auferlegt und von ihnen so viel Entsagung fordert, hoch achte und als einen überaus wertvollen Teil unserer Gemeinde schätze, wenn Sie auch behaupten, daß diese Juden mir nicht vertrauen können. Aber der Begriff unserer Religion erschöpft sich nicht in der Beobachtung der Ritualgesetze. Deshalb habe ich in meiner von Ihnen so

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