Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 40 (5.10.1928)
- Date
- 1928-10-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Oroacken. jslt dtan VeröffentilAunfea der „Union dettts&östetr. Juden" tmd den „Amtlichen Verlautbarungen der IftraelitUdiea Kulfusgemeinde Wien" Redaktion und Administration: Wien IL, Heinestraße Nr. 13 — Telephon 42-2-16 XLIV. Jahrgang Wien, 5. Oktober 1928 Nummer 40 Die jüdische Freude. Von Dr. Felix Kant e r, Zwittau (Mähren). Die hohen Festtage dieses heiligen Monats sind bald zu Ende und wir sind glücklich beim Feste der Freude angelangt. Ein Freudenfest ist eigentlich das Laubhüttenfest überhaupt, die höchste Freude aber, die auch sichtbar zum Ausdruck kommt, bildet der allerletzte Tag des neuntägigen Festes, der Tag der Gesetzesfreude, der zugleich alle Fest- und Feiertage des Monats Tischri beschließt. Es ist bekannt, wie freudig einst dieser Tag, an dem wir die Thora zu Ende lesen, in Gemeinden und Familien begangen wurde und wie freudig er noch heute von denen, die die Thora „halten", begangen wird. Eingeleitet wird dieses Freudenfest mit den „Hakofaus", den feierlichen Umzügen mit sämtlichen Thorarollen im Gotteshause. Die angesehensten und würdigsten Männer der Gemeinde, geschmückt mit der Thora in der Rechten, bewegen sich im feierlichen Zuge durch die hellbeleuchtete Synagoge, und stimmen Lieder und Hymnen an zum Lobe dessen, der Israel die Thora gab. Es ist dies gleichsam ein Symbol, daß Israel seinen Zug durch die Weltgeschichte nur mit der Thora in der Rechten fortsetzen kann und soll. Ihnen, den Trägern der heiligen Gesetzesrollen, schließt sich die Jugend an mit wehenden Fahnen und brennenden Lichtern und ist bemüht, mit den Alten und Aeltesten, die gewürdigt wurden, Träger der Thora zu sein, Schritt zu halten, ihren Spuren zu folgen und den Festzug nicht zu stören oder gar zu unterbrechen. In diesem uralten Brauch liegt ein gar tiefer Sinn. Vor allem: Die Fahne des Judentums ist die Thora, von ihr geht das Licht des Glaubens und der wahren Erkenntnis aus, und an der Jugend ist es, dem Alter zu folgen, mit den Besten und Würdigsten der Gemeinde Schritt zu halten, den Siegeszug der Thora nicht zu stören und zu unterbrechen. Und die Mutter ist es, die ihrem Kinde die Fahne in die zarte Hand drückt, daß es sich frühzeitig mit der Thora freue und sich dem Zuge der Alten anschließe und ihm folge. Und sie, die jüdische Frau und Mutter ist es auch, die für die Festesfreude im Heiligtum des Hauses sorgt, auf daß alle am Freudenfeste der Thora sich freuen, der Gatte, der Vater, die Söhne und Töchter. Ihr, der jüdischen Mutter, galt auch der Segen am Feste der Thorafreude: „Die ihre zarten Kinder mit Eifer in die Lehrhäuser bringen; ewige Freude möge ihnen erklingen." Die Freude mit der Thora, einst die höchste und reinste, die der Jude empfand, beginnt in unserer Zeit immer mehr zu erblassen; in vielen Gemeinden ist sie so gut wie verschwunden, in vielen Gemeinden kennt man sie überhaupt nicht mehr. Man hat dafür andere Freuden eingetauscht, die mit der Thora nichts zu schaffen haben und die von Zeit und Raum vollständig unabhängig sind; man freut und unterhält sich, wie und wann es einem gefällt und wo sich die Gelegenheit dazu bietet. Ob die Familien, denen die jüdische Freude fremd ist, die die Weihe der Fest- und Feiertage nicht kennen, aus deren Mitte alles Religiöse geschwunden ist, darum sich auch glücklicher und zufriedener fühlen, ist eine andere Frage, eine Frage, die jeder, der das Hasten und Jagen unserer Zeit kennt, längst beantwortet hat. Die vielen unglücklichen Ehen, die gescheiterten Existenzen, die Unzufriedenheit, die überall Platz greift und häufig in erschreckender Weise zum Ausdruck kommt, dies und vieles andere, das man in vielen guten (!) und besten (!) Familien beobachten kann, spricht leider eine allzu deutliche Sprache. Wer daran schuld sei? Mit tiefstem Bedauern müssen wir es konstatieren: Zum großen Teile die jüdische Frau und Mutter, die es nicht gelernt hat oder auch nicht versteht, im Sinne der Thora zu leben, ein jüdisches Haus zu führen, jüdische Feste zu feiern und sich in jüdisch-religiösem Sinne zu freuen und andere zu erfreuen. Es sind dies die Frauen, von denen Nahida Ruth-Lazarus in ihrem Buche „Das jüdische Weib" behauptet, „daß sie in ihrem Hause nicht einfache Bürgerfrauen mehr sind, sondern bequeme Damen . . ., die nicht einmal eine religiöse Grundlage ihren Kindern geben, weil die neue Zeit an ihrem einst frommen Judenherzen gerüttelt hat. Mit der Uebertretung der Form ist das religiöse Gefühl bei den meisten solcher Frauen geschwunden; sie haben sich aber für das Aufgegebene nichts Neues geschaffen. Hohlheit und Gedankenlosigkeit über das Heiligste hat Platz gegriffen, wo einst der Glaubensmut gewohnt und die Frauen zu Priesterinnen des Hauses, zu einfachen, kräftigen, strebsamen Gehilfinnen ihrer Männer, zu