Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 36 (7.9.1928)
- Date
- 1928-09-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064248-3064283--16538-3089295- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Preis dieser Nummer 50 Qroschsn. wxhnsmnfc jntt dorn VerSffenfliditrageii der »Union dentsdiOsferr. Juden" und den »Amflidien Verlautbarungen der IfuraeÜfisdien Kultusgemeinde Wien" MMinimnmiiimiiiiiiiiiiiMllllllllllllllllllllllM Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße Nr. 13 — Telephon 42-2-16 XLIV. Jahrgang Wien, 7. September 1928 Nummer 36 Wahlpräludien. f|# IV. ji \ i) Ich habe in letzter Zeit besonderes Glück. Nach der „Stimme" meldet sich nun auch die „Jüdische Volkszeitung", das Organ der „Vereinigung werktätiger Juden", mit einer geharnischten Antwort auf meine diese Vereinigung betreffenden Ausführungen in Nummer 34 der „Wahrheit" („W a h 1 p r ä 1 u d i e n" II.) zu Wort. Diese Erwiderung der sozialistischen Halbmonatsschrift unterscheidet sich von der ihrer zionistischen Vorgängerin in einem wesentlichen Punkte: sie ist stark persönlich gefärbt. Wir könnten mit Fug und Recht auch in dieses Fahrwasser abschwenken und so manchen „Werktätigen" etwas schärfer persönlich unter die Lupe nehmen, wir tun dies aber mit Absicht nicht, denn es ist wahrscheinlich der Wunsch aller wahlwerbenden Parteien, den bevorstehenden ohnedies scharfen Wahlkampf so sachlich als nur möglich auszutragen. Hoffentlich werden in Zukunft auch die „Werktätigen" sich an dieses wichtige Erfordernis des Anstandes und des Ansehens der Wiener Judenschaft halten! Wir bleiben also unbeirrt, wenn uns auch die „Jüdische Volkszeitung" hierfür die erforderliche Sachkenntnis abspricht, die sie dafür ausgiebig besitzt, auf dem rein politischen Gebiete, oder vielmehr in jenen Gefilden, in denen sich die hohe Politik dieser Herren abspielt. Und da entsteht nun die Frage: Was wußten die Sozialisten auf unsere ganze Aufdeckung der Vorgänge in ihren Reihen zu sagen? Antwort: Nichts, nicht das Geringste! Nur ein einziger Satz ist wahrscheinlich als Erwiderung gedacht, der aber bezeichnend genug für die Kleinheit der Genossen ist: „Es kann im Rahmen dieser Ausführungen nicht möglich sein, die inneren Vorgänge im Schöße der Vereinigung wiederzugeben." Traurig, sehr traurig! Aber das sozialistische Blatt hat auch eine Begründung für diese seine auffallende Diskretion: „Das wurde mit aller Offenheit in den letzten Nummern dieses Organs besorgt." Mit dieser „Offenheit" scheint es nicht weit her zu sein. Denn wenn auch die „Volkszeitung" an unserer „Aneinanderreihung und Auslegung von Zeitungsberichten der gegnerischen Presse" Anstoß zu nehmen beliebt, weil diese Methode ihr gewiß sehr unangenehm ist, so werden wir diese Praxis auch weiterhin verfolgen, weil dadurch die für viele unklaren Zusammenhänge klar gemacht werden und die Genossen dann in jenem Lichte dastehen, das sie so gerne scheuen. Und so seien heute die Meinungen eines ihrer bisher Maßgebenden hier wiedergegeben, der, wenn auch jüdischer Sozialist, so doch am anderen Uufer wie die „Werktätigen" steht. Es ist dies der von ihnen vielgehaßte Kultusvorsteher Dr. Rudolf Glanz, der über ein eigenes Organ verfügt; die Klassenkämpfer haben nämlich nicht nur viel Zeit für ihre Streitigkeiten, sondern auch einiges Geld für die zur Austragung dieser Angelegenheiten bestimmten Blätter. Dieses Blatt nun nennt sich „M itteilungen der Vereinigung werktätiger Juden für die Bezirke XII bis XV"; man sieht, sogar die einzelnen Ortsgruppen der angeblich geeinten „Vereinigung" liegen sich statt friedlich in den Armen, kriegerisch in den Haaren. Dies beweist übrigens auch eine vor kurzem gesprengte Versammlung in Ottakring. Das Organ des Kultusrates Dr. Glanz sei also heute unser Kronzeuge gegen die so selbstbewußte „Jüdische Volkszeitun g'\ die in ihrem in Rede stehenden Angriffsartikel gegen „Die Wahrheit" folgende Ursache für die sozialistischen Reibereien angibt: „Im raschen Aufstieg begriffene Organisationen und Parteien haben vielfach p r ogrammatische Unstimmigkeiten zu überwinden." Dagegen lese man, was Dr. Rudolf Glanz in der letzten Nummer seines Blattes in einem Artikel „Demokratie" schreibt, und man wird sehen, daß hier nicht „programmatische Unstimmigkeiten" vorherrschten, sondern daß höchst persönliches eigensüchtiges Vordrängen einer Reihe von „Führern" der Grund für den sozialistischen Krach war. Der Artikel des Herrn Dr. Rudolf Glanz sei deshalb zum besseren Verständnis der Sachlage im Auszug hier wiedergegeben: „Es gibt keine Verfälschung der unmittelbaren Demokratie, die überwiegende Meinung ist eben die. die in dem Meisten überwiegt. Und als der Delegiertentag in seiner aus mehr als zwei Dritteln bestehenden Mehrheit die organisationelle Lösung der Krise beschloß, da war eben an Stelle der un-