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Die Wahrheit · 1928-08-17 · Heft 33 (17.8.1928) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 33 (17.8.1928)
Date
1928-08-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Oroschen. üaMritt Erscheint jeden Freitaft Jüdi^llMmdirifc tatt des Veröffentlichungen der „Union deufschösterr. Juden* und den „Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien" U11111WIUUU1UIB« Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße Nr. 13 — Telephon 42-2-16 XLIV. Jahrgang Wien, 17. August 1928 Wahlpräludien. Nummer 33 I. Große Ereignisse werfen immer ihre Schatten voraus. Ein solches großes Ereignis, das der Wiener Judenschaft bevorsteht, ist die am 2. Dezember stattfindende Neuwahl in den Wiener Kultusvorstand. Schon zeigen sich auch hier die Schatten. Das ist ganz gut so. Denn in diesem Sommer, da Wien vor Hitze fast verschmachtete, brauchen wir Abkühlung -mehr denn je. Diese Abkühlung besorgen nun die verschiedenen Parteiblätter der Herren Gegner. Vornehmlich versucht „Die Stimme", das offizielle Organ der Zionisten, in letzter Zeit mit besonderer Rührigkeit die Werbetrommel für ihre Partei zu schlagen. Denn diese hat sich zu einer großen Tat aufgeschwungen, die wahrhaft erschütternd wirken muß: In einer Sitzung des Parteirates der zionistischen Organisation Oesterreichs wurde der einstimmige Beschluß gefaßt, daß die zionistische Organisation ohne Kompromiß mit Nichtzionisten, in den Kultuswahlkampf einzutreten hat. Schrecklich, schrecklich! Wir sind überrumpelt worden! Kein Mensch konnte ja eine Ahnung haben, daß solch Gewaltiges in der Hexenküche dies zionistischen Parteirates zusammengebraut werden würde . . . Doch, Spaß beiseite! Niemanden ist natürlich der Beschluß der Jüdischnationalen überraschend gekommen. Es war ja nicht anders zu erwarten, daß die Herren sich dazu nolens volens durchringen wurden, weil die „U n i o n" sich in ihrer großen Versammlung gleich nach Ausschreibung des Wahltermines durch ihre prominenten Vertreter entschieden gegen die Bestrebungen, die Kultusgemeinde entgegen ihrer Bestimmung in eine „V o 1 k s g em ein de" umzuwandeln, ausgesprochen hatte, was laute Zustimmung fand. Da nun für die Jüdischnationalen, wie einer ihrer Führer Dr. Desider Friedmann erst unlängst wieder in einer Versammlung zionistischer Studenten, die dafür gewiß besonderes Verständnis haben, betonte, daß das einzige Ziel dieses Unding einer Volksgemeinde ist, so ergaben sich, wie Dr. Friedmann weiter konsequent, aber vielleicht nicht ganz leichten Herzens ausführte, zwischen den Auffassungen der Zionisten und denen der „Union" grundlegende Verschiedenheiten, die nicht ausgeglichen werden können. Was war nun logischer als die, wenn auch verspätete Ablehnung eines neuerlichen Kompromisses mit der verhaßten „Union", die sich trösten wird können. Aber einige Fragen entstehen für die neugierigen Wiener Juden: Bestanden d?c „grundlegenden Verschiedenheiten" nicht auch schon im Jahre 1924? Haben die Herren Zionisten, die im Jahre 1920 allein auf das „Volksgemeinde"-Programm kandidierten und — unterlagen, vier Jahre später an ihre Prinzipien vergessen und erinnern sich erst nun, acht Jahre später, wieder daran? Wahrlich, ein sehr schlechtes Gedächtnis! Die „Union" kann mit Stolz von sich behaupten, daß sie in all den Jahren, da sie durch die Entscheidung der Majorität der Wiener Judenschaft an der Spitze der Kiritusgemelnde stand, immer ihren geraden Weg gegangen und selbst, als sie im Jahre 1924, infolge der katastrophalen Verhältnisse, die damals in der. Gemeinde herrschten. Frieden schloß, dies nicht unter Preisgabe ihrer Grundsätze tat. Können auch dio Jüdisch-nationalen Gleiches von sich sagen? Müssen sie sich nicht ihrer Wankelmütigkeit schämen? Es scheint so, denn auf einmal wird das seinerzeitige Wahlkompromiß mit der „Union" als „u n p o pu 1 ä r" hingestellt, was es ja auch wirklich war, wenn auch in einem anderen Sinne, als „Die Stimme" meint. Schon wird auch ein Sündenbock für dieses „unpopuläre" Wahlkompromiß gesucht und ebenso rasch gefunden. Es ist dies Oberbaurat Ing. Robert Stricker, unter dessen Präsidium der Pakt abgeschlossen worden war. Der arme Mann, er allein trägt die furchtbare Schuld, alle anderen, auch Dr. Friedmann, der jetzt die Initiative für das selbständige Vorgehen ergriffen zu haben scheint, waren natürlich nur die Mitgerissenen! Nein, ihr Herren, mit solchen Kunststücken wird ein Fehler nicht gutgemacht! Wenn die Zionisten geirrt haben, so sollen sie dies vor der Wählerschaft offen und ehrlich bekennen, die dann entscheiden wird, ob muri Leuten, die, gelinde gesagt, einigermaßen wankelmütig sind, noch weiter Vertrauen schenken kann und darf.

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