Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 27 (6.7.1928)
- Date
- 1928-07-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis dieser Nummer 50 Oros&en. jnft dn Veröffenftichungen der „Union deutschösterr. Juden' nnd des „Amtlichen Verlautbarungen der Israelifisdieii Kultusgemeinde Wien" riiiiiiiiumiiiiiiiniiiiiuiiiniuii« Redaktion und Administration: Wien IL, Heinestrafie Nr. 13 Telephon 42-2-16 XLIV. Jahrgang Wien, 6. Juli 1928 Nummer 27 '\ Beirut und Jerusalem — zwei Universitäten, Von Heinrich Pfeiffer, Hamburg. Der Autor kommt soeben von einer Studienreise von Syrien und Palästina zurück. Neben den wirtschaftlichen Fragen ist auf kulturelle Dinge ein besonderes Augenmerk gerichtet. Der Vergleich der beiden Universitäten — Beirut und Jerusalem — dürfte bei dem Leser einem besonderen Interesse begegnen. (Die Red.) Zwei orientalische Universitäten; sie liegen dicht beieinander, Beirut und Jerusalem. Ihr Gesicht ist grundverschieden, obwohl bei Gründung beider Anstalten die amerikanische Wohltätigkeit eine große Rolle spielt. In Beirut ist die Urheberin die amerikanische Mission in Syrien, über deren erste Gründungsarbeit unter Daniel Bliß im Jahre 1864 der Staat New York das Patronat übernahm. Und so wurde denn „The Syrian Protestant College" zur Tatsache. Im.Jahre 1870 wurden bereits die ersten Berechtigungen ausgeteilt. 50 Jahre später — im Jahre 1920 — wird aus dem College „The American University of Beirut". Selbstverständlich entspricht in ihrem Wesen diese Universität der sonst üblichen amerikanischen akademischen Organisation; sie befaßt sich bereits mit jungen Leuten, die nach unseren Begriffen noch nicht die Reifeprüfung hinter sich haben, fördert dann in etwa einem Jahr so weit ihre Vorbildung, daß mit dem speziellen akademischen Studium begonnen werden kann. Daraus ergibt sich auch die strengere Disziplin, die ständige Kontrolle der Studierenden, die nach unseren Begriffen teilweise einer starken Beschränkung der akademischen, ja persönlichen Freiheit gleichkommt (siehe Rauchverbot!). Der junge Student wird bei seiner Immatrikulation genau unterrichtet über die Vorbehalte des akademischen Direktoriums, das jedem Studenten zu jeder Zeit das akademische Bürgerrecht entziehen kann, sei es, daß ein Student auf seine Kommilitonen einen ungünstigen Einfluß ausübt oder eventuell gesundheitlich und intellektuell nicht in der Lage ist, den gestellten Anforderungen zu genügen. Allen Bestimmungen, die irgendwie noch vom akademischen Direktorium nach der Immatrikulation getroffen werden, muß er sich im vorhinein schriftlich unterwerfen. Ein großer Teil der Studenten ist im Internat untergebracht; für 50 ägyptische Pfund im Jahr haben sie Unterricht, Verpflegung, Wohnung und Benutzung der sportlichen Einrichtungen. Weibliche Studenten sind zugelassen, indessen vom Internat ausgeschlossen. — In dem Lehrplan sind wie bei einer deutschen Universität alle Fakultäten vertreten, einschließlich Landwirtschaft; dazu treten alle Disziplinen der polytechnischen Wissenschaft. Im übrigen gibt es eine Reihe von Nebend'isziplinen, die nur auf das Praktische gerichtet sind, wie z. B. die Erlernung von Stenographie und Schreibmaschine, kaufmännischer Arithmetik und Buchhaltung. Wie die amerikanische Wohltätigkeit das ganze Werk aufgebaut hat, läßt sich schon erkennen aus den Namen der einzelnen Gebäude. So gibt es ein Martin House, Thomson Hall, Rockefeiler Hall, Mores Hall und dergleichen mehr, und noch gibt es immer Opferbereite, wie z. B. der junge Rockefeller, der am Ende des vorigen Jahres eine Million Pfund der medizinischen Fakultät für Erweiterung der Baulichkeiten gestiftet hat. Vergegenwärtigt man sich die vielen Gebäude für die Internate, für die wissenschaftlichen Institute, für die Wohnungen der Lehrer; ferner die Kirche; das Theater, das Observatorium, die Sport- und Spielplätze usw., so hat man den Eindruck einer ganzen Universitätsstadt, die durch ihre vollendeten technischen und wirtschaftlichen Einrichtungen als eine geschlossene Oekonomie angesehen werden kann. Was soweit die äußeren Bedingungen der Universität, wie Lage, Bauten, Hygiene, Kultur usw. angeht, so wird sie bestimmt von keiner Universität der Welt übertroffen werden, wenn sie nicht überhaupt einzig dasteht. An einem — und das ist gewiß nicht unwesentlich — scheint es indes zu mangeln; es sind in Beirut keine Großen wissenschaftlichen KaDazitäten vertreten. Das forscherische Moment tritt hinter dem pädagogischen bei weitem zurück. Immerhin könnte ich mir vorstellen, daß ein deutschStudent, einerlei ob er sich für orientalische bzw. neuere Sprachen oder für die Frage der östlichen Kultur interessiert, ein Semester in Beirut zubringt; es wird ihn gewiß nicht weniger fördern als etwa ein Aufenthalt in Oxford oder Lausanne. Ganz anders steht es mit Jerusalem. Dort spielt das forscherische Moment eine außerordentliche Rolle. Ein rasches Hinauftreiben der Besuchsziffer scheint dort von dem akademischen Direktorium — wenigstens zunächst — nicht beabsich-