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Die Wahrheit · 1928-06-01 · Heft 22 (1.6.1928) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 22 (1.6.1928)
Date
1928-06-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Oroschen. Hel€ahrhdti Erscheint jeden Freitag fadixkffltdwsckjft jnit den Veröffentlichungen der »Union deufsdbösterr. Juden" und den »»Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien" IIUHÜII Redaktion und Administration: Wien II., tieinestraSe Nr. 13 — Telephon 42-2-16 XLIV. Jahrgang Wien, 1. Juni 1928 Nummer 22 IJf— Jüdisches Märtyrertum in Sowjetrassland. Von Adolf Viktor v. K o e r b e r (Berlin). Die Verhaftung Bela Kuns wird von allen antisemitischen Zeitungsorganen zum Anlaß genommen, wieder einmal den Bolschewismus als eine Erfindung des Judentums sowie die bolschewistische Führerschaft insgesamt als Juden oder vom Judentum abhängig hinzustellen. Anderseits verkünden allerdings die gleichen Stellen, daß der Antisemitismus in Sowjetrußland von Tag zu Tag wachse und demnächst dort zur Austilgung des Judentums durch die Sowjets führen werde. Der Widerspruch dieser diametral gegensätzlichen Behauptungen liegt auf der Hand. Angesichts der Verwirrung, die durch die immer wiederholten Behauptungen schließlich in breiteren Volkskreisen angerichtet wird, erscheint es geboten, einmal an Hand authentischen Materials die Stellung des Judentums in Rußland so darzustellen, wie sie wirklich ist, nicht wie sie sich in den Köpfen voreingenommener Phantasten malt. Daß Lenin und zahlreiche bolschewistische Führer aus seiner nächsten Umgebung keine Juden waren, ist ebenso bekannt wie die Tatsache, daß sich, besonders im Anfang der bolschewistischen Revolution, zahlreiche jüdische Kommunisten in Führerstellungen betätigt haben. Verallgemeinerungen lassen sich jedoch weder aus der einen, noch aus der anderen Tatsache ableiten. Im übrigen erscheint es immerhin verständlich, berücksichtigt man die unter dem Zarentum besonders für die russischen Juden niederdrückenden Lebensverhältnisse, solche in größerer Anzahl unter der radikalen Minderheit, den Bolschewiken, zu finden als unter der gemäßigteren Mehrheit, den Menschewisten. Daß die, Intelligenzhilfe, die sie den bolschewistischen Massen bei dem allgemeinen Zerstörungswerk geleistet haben, dem russischen Judentum in seiner überwiegenden Mehrheit zum Unsegen geworden ist, geht aus dessen heutiger Lage hervor, die noch weitaus schlechter genannt werden muß, als sie jemals unter dem früheren Regime war. Hieraus sowie insbesondere aus den zahlreichen Erschießungen von Juden der oberen und niederen Klassen geht eindeutig genug hervor, daß es eine geschichtliche Unwahrheit ist, vom „jüdischen" Bolschewismus zu reden. Um wenigstens einen aus der großen Anzahl von Fällen der Anwendung blutigen Terrors gegenüber russischen Juden durch die Sowjetmachthaber zu nennen, sei der Fall P r o t z k i erwähnt. Die Bolschewiken haben nicht nur diesen bekannten Zuckerindustriellen selbst, der sich in keiner Weise politisch oder, sonstwie schuldig gemacht hatte, auf das grausamste gefoltert und hingerichtet, sondern die Tscheka hat nach und nach seine gesamten Familienangehörigen in gleicher Weise wie viele andere, russische Juden des ganzen Landes umgebracht. So haben sich auch unter den hingemordeten Sozialrevolutionären, von denen die ersten, nämlich sämtliche Schriftleiter der sozialistischen Zeitung Petersburgs, schon im Frühjahr 1918 gehenkt wurden, die jedoch auch heute noch mit der gleichen Leidenschaft von den Sowjets bekämpft werden, zahlreiche Juden befunden. Wirtschaftlich gehören die Juden zu denjenigen Teilen der Bevölkerung Sowjetrußlands, die unter dem Bolschewismus am schwersten zu leiden haben. Das rührt von der Tatsache her, daß die jüdischen Massen in den Groß- und Kleinstädten der U. S. S. R., besonders der Ukraine und Weißrußlands, überwiegend zu dem kleinbürgerlichen Mittelstand gehören, . dessen völlige Vernichtung bekanntermaßen ein Hauptprogrammpunkt des Bolschewismus ist. Mit dem Verbot des Privathandels war das Todesurteil dieser ganzen Menschenklasse gesprochen, die zweifellos, wäre das Sowjetsystem wirklich eine „jüdische Erfindung", ein besseres Los als das der Vernichtung gefunden hätte. Ganz besonders in der Gegenwart befindet sich Sowjetrußland wieder in einem Stadium des rücksichtslosen Kampfes gegen jede außenstaatliche Handelstätigkeit. So ist der Einkauf vieler landwirtschaftlicher Erzeugnisse, wie Getreide, Häute, Tabak und anderes mehr ebenso streng verboten wie der Transport solcher Produkte auf der Eisenbahn. Waren der Staatsindustrie, soweit heute überhaupt noch von einer solchen gesprochen werden kann, werden den privaten Händlern gleichfalls nicht verkauft. Die Folge ist die Verelendung des gesamten Handelsstandes, womit natürlich ungezählte jüdische

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