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Die Wahrheit · 1928-05-11 · Heft 19 (11.5.1928) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 19 (11.5.1928)
Date
1928-05-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 üiiiiiinifiiiiniiKfiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiii iiiiiiHiuniiiniiiiuiiiiiiiiiiiiiiiJiniiiiiiiHiniiiiiiii iiflömuHituuiiiiioiiiiiiiHiiiiiiiiiiiici die WAHRHEIT anglo-amerikanische Bibelforschung behandelt daher auch die „höhere Bibelkritik'', das Monopol deutscher und holländischer Forscher, als einen politischen Trick dies Pangerrnanismus. Sind die Germanen das auserwählte Volk, so können es unmöglich die Juden sein. Diese Bibelkritik nennt sich „voraussetzungslos" und gerade sie geht von einer Voraussetzung aus, nämlich der, daß, was im Alten Testament steht, schon darum nicht wahr sein kann, weil es darin steht Mit falschen Maßstäben erzielt sie zwangwedse falsche Wertungen. Die Kriterien, die hier den Ausschlag geben, liegen aber zum Glück so klar zuitiage, daß aller Verstand der zunftmäßig Verständigen diese Klarheit nicht zu trüben vermag. Beim Lesen der Bücher Moses fallen zwei Umstände auf. Sachlich befremdet die Berichterstattung über einige Gegenstände in zwei Visionen, die in Einzelheiten von einander abweichen. Der unvoreingenommene Leser wird sich sagen: Wenn die Erzählung nicht in einem Flusse sich entwickelt, so können den Berichterstatter verschiedene Rücksichten hierzu bestimmt haben. Da die Bibel selbst auf ältere Quellen ihrer Darstellung hinweist, so mag der Erzähler auch hier auf parallele Berichte zurückgegriffen haben. Es zeugt von GewissenhaftdgkeSt, wenn er sie unverändert wiedergäbt Nicht nur Pietät gegen das Original gebietet, zumal bei Urkunden von solcher Bedeutung, diese Sorgfalt Jeder, der einmal eine geschichtliche Darstellung zu bieten hatte, weiß, wie ganz anders, lebendiger und überzeugender der Wortlaut des Zitates als ein Auszug wirkt. Zwei Berichte über einen und denselben Gegenstand, die ihn in der Hauptsache übereinstimmend wiedergeben, sind um so wertvoller, je deutlicher sie sich durch Abweichung in Nebensachen und Verschiedenheit der Beleuchtung als von einander unabhängig© Zeugnisse darstellen. Wenn zwei oder mehrere Chronisten, jeder mit anderen Worten und aus einem anderen Gesichtspunkte, über die Zerstörung Karthagos berichten, erscheint dieses Faktum selbst um so gesicherter. Die eine Ueberlieferung unterstützt nicht nur, sie ergänzt die andere. Auch können wir, was man für überflüssige Wiederholung oder Doppelbericht hält oft einfach dadurch erklären, daß die erste Relation nicht als Variante, sondern als ausführliche Uebersichtsangabe für das Folgende zu gelten hat. Noch in der späteren jüdischen Liturgie, in den Bußgebeten (Selichoth), begegnet uns der Fall, daß der Dichter die seinem Gesänge zugrunde gelegten Bibel stellen als Motto vorausgeschickt hat, man diese Texte aber irrtümlich als ein eigenes besonderes Gebet betrachtet und behandelt. Was zum anderen beim Leser des Pentateuchs auffällt, ist der Wephsel des Stils. Daß aus einem solchen Wechsel nicht ohne weiteres auf verschiedene Verfasser geschlossen werden darf, hat die klassische Philologie seit langem erkannt. Im Altertum, ja vielfach bis in die Neuzeit hinein ist nicht „der Stil der Mensch", vielmehr paßt er sich nach bestimmter Vorschrift nadh überlieferter Schablone dem Gegenstande an. Und ändern wir nicht auch mit fortschreitendem Alter unseren Stil? Braucht man erst auf Goethe hinweisen? Jedenfalls liegt kein Grund vor, Berichte, die sich voneinander unterscheiden, sofort zu scheiden und verschiedenen Autoren zuzuschreiben. Man operiert nicht, wo man ohne Gefährdung des Lebens chirurgischem Eingriffe aus dem Wege gehen kann. Hier ist das Durchhauen des gordischen Knotens um so weniger angezeigt, als für die einheitliche Autorschaft der einheitliche Rhythmus sowie die naheliegende Erwägung spricht, daß, wenn der Redaktor, dessen Konto von dieser Bibelkritik so stark belastet wird, wirklich im Umstilisieren, Interpolieren, Retuschieren ein solcher Meister gewiesen sein sollte, er doch gewiß nicht ohne Grund und Absicht so auffallende Unebenheiten des Stils und Disharmonien im Inhalte stehen gelassen hätte. Was man sonst an untersclieidenden Merkmalen als Stütze für die radikalste, aber auch leichteste Metähode des Kommentierens, die Quellenscheidung, ins Treffen geführt hat wie die Verschiedenheit der Gdtlesnamen u. a. m., hat kritischer Ueberprüfung nicht standgehalten. In besonnenen Köpfen ringt sich immer mehr die Erkenntnis durch, daß der biblische Erzähler keine pragmatische Gesclüchtsschreibung, sondern eine Pädagogik, eine Volkserziehungslehre bieten will. Nur was religiös wirksam ist, wird betont und beleuchtet V/eil aber nicht allein -die Darstellung durchaus mit religiösem Geiste durchtränkt ist, sondern auch die Träger der dargestellten Handlung in der Hauptsache von rein religiösen Antrieben geleitet werden, darum kann ihnen beiden, dem Helden wie dem Herold, nur der religiös Gestimmte — oder mit dem Vermögen des Einfühlens in religiös besaitete Seelen Begabte — gerecht werden. Das religiöse' Fluiidum, das gieiäfflge Band, das anscheinend Disparates in einer religiösen Grundschrift zusammenhält, entgeht natürlich dem Gefühl dessen, der an sie mit Axt und Brecheisen, mit dem Rüstzeug einer alles historische Leben entgeisternden, materialistischen Geschichtsklittierung herantritt. Was beweist dem Mathematiker ein lyrisches Gedicht? Man muß in den Seelen lesen können, deren Sprache man verstehen soll. Schon der wegwerfende, überlegen witzelnde Ton, die triumphierende Miene des erfolgreichen Detektivs, mit der die „höhere Kritik" auftritt', beweist, wie wenig sie nach ihrer ganzen Grundstimmung zu ihrer Aufgabe berufen ist. Der Ton macht die Musik. Falsch ist aber auch ihr Maßstab. Er ist nicht der des Historikers, sondern der des Philosophen. Den Begriff der Entwicklung, der zur Erklärung naturgeschichtlicher Erscheinungen eine dankenswerte Arbeitshypothese liefert, auch für die Geschichte der Wissenschaften, aber schon nicht für die Kunstgeschichte brauchbar ist, ihn wendet mancher Philosoph nun gar a priori auf die Geschichte der Religion an, als ob zum Beispiel die Germanen nicht vor der Annahme des Christentums in mancher Hinsicht höher als nachher gestanden hätten! Aber Geschichte! Exakte Wissenschaft! Stellen wir uns auf den Boden der Säkularisierung der Bibel, die von der Bibelkritik als Profanwerk wie jedes andere Buch behandelt wird, und bedienen wir uns ihrer eigenen Waffen! Wenn die alttestamen#ichen Schriftsteller deshalb keinen Glauben verdienen sollen, weil sie von den behandelten Daten zeitlich zu weit entfernt waren, um wie viel weniger dann unsere Kritiker mit ihren Konstruktionen' Und selbstt, wenn man in der Paträarchengeschichte eine Spiegelung ethnographischer Verhältnisse und Vorgänge sehen will, schließt dies keineswegs aus, für die einzelnen Gestalten einen historischen Kern gelten zu lassen. Die Annaihme eines Analphabetenzustandes zur Zeit Abrahams ist längst widerlegt. Die überraschende Weisheit und Menschlichkeit der mosaischen Gesetzgebung findet ihre Folie im Codex Chamurabi. Ein Vergleich des Gottes Israels mit den Nationalgöttern Edoms und Moabs spottet des Enltwicklungssohemas. Hat sich Israel sozusagen am eigenen Schöpfe aus dem Sumpf gezogen? So baut man willkürlich ein Luftgebilde und macht dann der historischen Ueberlieferung Vorwürfe, wenn sie hiermit nicht übereinstimmt Die Losung dieser BSbelkritik lautet: „Auflehnung gegen jede Autorität und Ablehnung jeder Tradition!" Wo sie aber nicht aus- und nicht unterlegt, sondern das Bibelwort einfach weglegt um statt seiner ihre Phantasie reden zu lassen, dort sie abzulehnen, erfordert die Liebe zur Gerechtigkeit und der Mut zur Wahrheit — auch gegen eine Mehrheit! Einige Urteile über den Antisemitismus. Ernst Moritz Arndt: „Vom Mittelmeer her sind die Samen aller Bildung, Freiheit und Menschlichkit bis in den äußersten Westen Europas und bis in den Osten der neuen Welt hinübergeweht Hier beginnt Leben, Freiheit, Sittlichkeit, Wissenschaft, Kunst im höheren Stil. Hier finden wir zuerst und vor allen anderen die Hebräer oder die Kinder Israel, einst der Haß des Menschengeschlechtes und noch jetzt der Spott der Völker und in manchen Ländern als der Auswurf und Abscheu der Sterblichen betrachtet, und doch, welche Wohltäter unser aller, gleichsam ein großes, blutiges, historisches Opfer, welches Gott in seiner unerforschiiehen Weisheit als solches aufbewahrt und zum Heil des Geschlechtes hingegeben hat" (In „Versuch in vergleichender Völkergeschichte", 1844, Seite 19.) Hermann Bahr: „Der Antisemitismus ist der Morphinismus der kleinen «Leute." (In „Der Antisemitismus", 1894, Seite 2.) Bismarck: „Ich werde niemals darauf eingehen, daß den Juden die ihnen verfassungsmäßig zustehenden Rechte in irgendeiner Weise verkümmert werden." (Zu dem jüdischen Kaufmann Behrend aus Köslin im November 1880.)

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