Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1928-05-11 · Heft 19 (11.5.1928) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 19 (11.5.1928)
Date
1928-05-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064248-3064266--16250-3088990
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 Diiuinraiiiiiiui™^ pjg WAHRHEIT verachtungsvoll den Rücken kehrten, verhältnismäßig wenig mehr gehört, nur in der Baker-Affäre tat er sich in einer seinen nunmehrigen hakenkreuzlerischen Parteifreunden wenig genehmen Weise hervor. Nun hält er jedoch die Zeit für gekommen, um seiner sehr arg ramponierten politischen Geltung neuen Glanz zu verschaffen und zugleich an der jüdischen Bevölkerung Wiens wegen seines doch nur durch sie verschuldeten Durchfalles bei den Wahlen Rache zu üben. Das Sängerfest erscheint ihm für diesen edlen Zweck gerade gut genug. Er hetzt in folgender, ganz seiner Art entsprechenden Weise, die allgemeine Abscheu erregen muß: „Es wäre traurig, wenn unsere arische Geschäftswelt, insbesondere in der Konfektionsindustrie, anläßlich des Sängerfestes den großen „Schab" den Juden überlassen würde, und es wäre eine Pflicht der arischen Organisationen, jedem ankommenden fremden Sänger ein Verzeichnis der deutscharischen Geschäfte in die Hand zu drükken . . . Großartige nationale Begeisterung der fremden, meist völkisch eingestellten und fast ausnahmslos aus Ariern bestehenden Sängerschaften und Einkäufe bei unseren ärgsten jüdischen Feinden, womöglich mit jüdisch-marxistischen Ladengehilfen — das wäre wohl ein Hohn auf jede nationale Begeisterung!" Kein Wort mehr über diese Niedertracht, die ihre Wirkung auf die deutschen Gäste, die nur zifr Ehrung der Stadt Schubefts hierher eilen, sicher verfehlen wird. Die Festleitung, die sich an die gesamte Bevölkerung ohne Unterschied der Partei und Kon- SeuiUeitih, Die alten Gesetze. Von Josef Lazarus. Fiume. (Schluß.) Das Neue, das Unbegriffene^ das alles Frühere über den Haufen Werfende des mosaischen Gesetzes, hat Rabbiner Dr. Simon Rubin in einer seiner klassischen Vorlesungen im Wiener „Bethamidrasch" folgendermaßen dargestellt: Es heißt in der Thora: Als Moses in den Wolken stand, das Gesetz von Gott zu empfangen, da war Donner, da war Blitz, — und das Volk fürchtete sich sehr. Als Moses von Sinai herabstieg, brachte er dem Volke da unten die zwei Gesetzestafeln. Was war ihr Inhalt? „Du darfst nicht stehlen, — du darfst nicht ehebrechen und so weiter." Kam aber das Volk nicht aus Aegypten, allwo die grausamsten Strafen gegen Stehlen und Ehebrechen ersonnen waren? Was hat Moses dem Volke aus Sinais Höhen Neues gebracht? Wozu dann der Donner? Wozu der Blitz? Wozu die ganze Aufmachung? Und doch — — — Dieser Donner, dieser Blitz kündeten der Welt, daß sie von nun an auf eine ganz neue Rechtsbasis gestellt wird: auf die mosaische. Denn das „Du sollst nicht stehlen, du sollst nicht ehebrechen" des Aegypters und das „Du sollst nicht stehlen, nicht ehebrechen" des Hebräers sind nicht ein und dasselbe. Das „Du sollst nicht stehlen" vormosaischer Völker war ein bloßer Schutz für Besitzende, waren ja die Strafen abgestuft nach dem Range des Bestohlenen. fession mit Erfolg wendet, wird gut daran tun, von diesem politischen Freibeuter entschieden abzurücken; so wird ihm das traurige Handwerk gelegt werden, was bisher noch nicht gelang, denn immer wieder taucht Dr. Walter Riehl aus trüber Versenkung. Palästina — ein englisches Dominion. Hier wurde erst vor kurzem darüber berichtet, daß der bekannte englische Arbeiterführer und seinerzeitige Minister der Regierung Macdonald, Oberst Wedgew ood, ein überaus warmer Freund der zionistischen Idee, in einem großes Aufsehen 'erregenden Buche dem sensationellen Gedanken Ausdruck gab. daß es eine Lebensfrage ersten Ranges für das britische Reich sei, in Vorderasien Palästina als siebentes Dominion dem angelsächsischen Reiche anzugliedern. Das Echo, das diese Auffassung des Zionistenfreundes, die gewiß geeignet ist, eine ganz neue politische und nationale Situation für das paläsltimensische Judentum zu schaffen, pro und kontra im zionistischen Lager auslöste, bewirkte, daß eine sehr große Zuhörerschaft sich zu einer am 5. d. M. in Wien statAgefundenen Versammlung einfand, in der der Autor des vielumstriittenen Buches als Gast des Palästina-Aufbaufonds sprach. Der Redner, dessen Ausführungen man mit größtem Interesse und starker Spannung folgte — erwartete man doch neuerlich eine Sensation, die auch nicht ausbleiben sollte — führte u. a. aus: Heuffie scheint die Frage des „siebenten Dominion si4 den Engländern noch nicht aktuell, aber der Gedanke findet schon heute überall volles Verständnis. Engländer und Juden begännen zu erkennen, daß es für beide von Vorteil sei, daß Palästina nicht nls Mandatar mach* verwaltet, sondern ein Teil des größeren Reiches werde; und die Frage wird dann auch von höchster Aktualität sein, wenn der eng- Der in jüdischen Familienkreisen gefeierte. Seder- Abend zur Erinnerung an den Auszug aus Aegypten, bedeutet nicht bloß den Aufbruch zum Sinai, damit die Kinder Israels das Gesetz Gottes empfangen; er bedeutet vielmehr die Befreiung des ganzen Menschengeschlechtes vom babylonischen Gesetz, welches die Kulturbasis der Welt geworden wäre, wierai das milde mosaische Gesetz es nicht verdrängt hätte. Denn wo immer und wann immer man das mosaische Gesetz vergessen hat, dort zogen die niederen menschlichen Instinkte die Menschheit aufs babylonische Kultumiveau wieder zurück; so zur Zeit der italienischen Züge Barbarossas, zur Zeit der Kriminaljustiz Kaiser Karls V. Tief unter dem babylonischen Niveau, welches Torturen zur Erpressung von .Geständnissen nicht kannte, stand die Geriehtspraxis der Inquisition. Moses verdanken wir, daß wir aus Greueln herausgekommen, in welche die Menschheit immer verfällt (siehe dile Pogrome unserer Tage). Auferstanden aus dem Schutt der Ausgrabungen sind die Gesetze der großen vorbiblischen Völker. Diese Ausgrabungen ergeben den barbarischen Hintergrund, von welchem das kulturbringende Gesetz M o s i s sich leuchtend abhebt. Nachdem der despotische Zweck jener vorbiblischen Gesetze entschleiert worden ist, empfinden wir die Wahrheit der Worte, die der scheidende Moses an sein Volk richtete; auf die zeitgenössischen Völker weisend: „Wo ist das Volk, welches ein so gerechtes Gesetz hat, wie dieses, welches ich euch heute gebe? Worauf das Volk antwortete: „Die Lehre, die uns Moses gegeben, wird das ewige Erbgut des Hauses Jakob sein." Wozu wir hinzufügen: „So lange die Lehre Mosis das Erbgut des Hauses Jakob ist, wird das Haus Jakob geachtet werden unter den Völkern."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.