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Die Wahrheit · 1928-05-11 · Heft 19 (11.5.1928) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 19 (11.5.1928)
Date
1928-05-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis <Htter Nummer 50 Orosdhen. Wo3msmiA jnlt dmm VerSffentlidituigefi der „Union' deutsdiosterr. Jüdin41 und den „Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien" Redaktion und Administration: Wien IL, Heinestraße Nr. 13 — Telephon 42-2-16 XLIV. Jahrgang Wien, 11. Mai 1928 m r:"V Rümmer 19 Aus trüber Versenkung^i ^■ni*^ Mitte Juli wird in Wien das große Fest des Deutschen Sängerbundes stattfinden. Aus allen Teilen der Welt, aus Amerika, aus Deutschland, der Tschechoslo wakei, aus Polen, aus Ungarn, aus allen Ländern, wo es auch nur versprengte Teile des deutschen Volkes gibt, werden die Sängerschaften nach Wien kommen und hier Festkonzerte veranstalten. Es wird das größte Sängerfest aller Zeiten werden. Die Veranstalter rechnen mit einem ungeheuren Fremdenzustrom. Es wird sogar erwartet, daß während der Tage vom 19. bis 23. Juli mehr als 200.000 Menschen in Wien eintreffen werden. Den Höhepunkt des Festes soll der große Festzug bilden, der acht Stunden dauern wird. Es wird der größte Festzug, größer als die berühmte Kaiser- Franz-Josefs-Huldigung, werden. Die Leitung des Deutschen Sängerbundes hofft, daß das zehnte deutsche Sängerbundfest, dem Andenken Franz Schuberts gewidmet, einen Glanzpunkt in der Geschichte Wiens und der deutschen Sängerschaft darstellen wird, und hat auch mit ihrem Appell, beim Empfang der deutschen Gäste mitzuwirken, in Wien begeistertes Echo gefunden, das ohne Unterschied der Partei und Konfession völlig einmütig war. Die Harmonie dieses schönen Festes stören wollen, wäre ein so häßliches, ein so unverschämtes Beginnen, daß es eigentlich keinem Wiener auch nur zugemutet werden könnte. Nur ganz niedrige Gesinnung wäre zu einem solchen unerhörten Attentat fähig. Und doch ist es wohl nur der Gedanke an diese harmonische Feststimmung Wiens, die einem Menschen ernste Sorge zu machen scheint, einem Menschen allerdings, dem es noch niemals um Friede und Eintracht in unserer Stadt zu tun war, sondern immer nur darum, die Bevölkerung Wiens aufzuhetzen. Dieser unverantwortliche Saboteur der Wiener Feststimmung ist niemand anderer als der uns sattsam bekannte Herr Dr. Walter Riehl, der durchgefallene Nationalratskandidat der „Einheitsliste". Er, einstens fanatischer Parteigänger der Sozialdemokratie, später (als er ganz plötzlich sein teutsches Herz entdeckte) strammer Deutsch - nationaler, heute schon Hakenkreuzler, ist die Verkörperung des wüsten Straßenterrors, des gewalttätigen Radauantisemitismus, er ist der Inbegriff jenes Ungeistes, der an unseren Hochschulen großgezogen wird und von da aus in die Aemter und in die Politik eindringt, er ist die Personifizierung un* auslöschlichen Hasses und der erbittertsten Feinschaft gegen uns Juden. Indem die Christlichsozialen diesen Menschen in ihre „Einheitsliste" gestellt haben, vollzogen sie eine Verbeugung vor dem Verfechter von Ausnahmsgesetzen gegen die Juden und dem Verteidiger der Herren Nowosad, Rothstock und anderer Mordbuben hakenkreuzlerischer Couleur, erklärten sie die österreichische Hochschulschande in Permanenz und verschafften der wüsten Pogromhetze geradezu die offizielle Anerkennung der Regierung. Spät, ja sogar zu spät haben die Leiter der famosen „Einheitsliste" erkannt, daß es nicht nur eine Niedertracht war, das gesamte freisinnige Bürgertum und auch viele anständige Elemente im konservativen Lager durch die Aufstellung eines Riehl gerade im zweiten Bezirke nur herauszufordern, ja mehr noch, daß es auch eine ganz grenzenlose Dummheit gewesen ist, allen jenen, die sonst durch das Schlagwort von der antimarxistischen „Einheitsliste" vielleicht hätten geködert werden können, so deutlich die wahren Absichten zu enthüllen. Sie haben sich daher noch im letzten Augenblick gezwungen gesehen, wohl nur aus taktischen Gründen eine Umgruppierung vorzunehmen, und Herrn Riehl in den Wahlkreis VI-VII-VIII versetzt, wo er wohl — wie sie meinten — weniger Schaden anrichten würde. Diese Verbindung mit den Rassenschützlern, mit den Hakenkreuzlern und extremen Nationalisten hat unseren Christlichsozialen aber nicht nur nichts genützt, sondern sogar ihrem früheren Mandatsbesitz erheblichen Abbruch getan. Bezeichnend war es, daß sowohl in der Leopoldstadt, wo Riehl zuerst aufgestellt wurde, als auch im westlichen Wahlkreis, in welchen er später notgedrungen versetzt wurde, die „Einheitsliste" schwere Mißerfolge erlitten hat und er selbst glänzend durchgefallen ist, ein Beweis, daß selbst die Anhänger der Christlichsozialen einen gewalttätigen Antisemitismus ablehnen und verurteilen. Seither hat man von dem Konjunkturritter, dem selbst nicht gerade judenfreundliche Deutschnationale wegen seines Mangels an ehrlicher Ueberzeugung

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