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Die Wahrheit · 1928-04-27 · Heft 17 (27.4.1928) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 17 (27.4.1928)
Date
1928-04-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
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fil£ WAHRHEIT Aus ähnlichen Gefühlsregionen stammt wohl auch der Wunsch, im jüdischen Boden, unter den Seinen, begraben zu sein. Das Friedhofswesen wird in Wien von der Kultusgemeinde selbst verwaltet und bedeutet eine äußerst wichtige Einnahmsquelle. Denn Juden sind, wenn sie auch lebend für die Gemeinde ungerne ihren Beitrag geleistet haben, im Tode freigiebig; und so wie in Wien, gibt es auch anderswo Juden, die nur zu dem Zwecke ihre Zugehörigkeit zur jüdischen Religionsgesellschaft am Ende ihres Lebens erneuern, um nach jüdischer Sitte und unter Juden begraben zu sein... III. Die soziale Fürsorge der Wiener Kultusgemeinde hat naturgemäß große Aufgaben für diese Viertelmillion Juden zu bewältigen; sie kann dies, da die private Fürsorge, so wie auch bei uns. vieles Mustergültige geschaffen hat. Aber auch hier haben die Kriegs- und Nachkriegsverhältnisse schwere Lücken geschlagen. Das bekannte jüdische Taubstummeninstitut ist eingegangen, die Blindenanstalt auf der Hohen Warte kann nicht mehr ihre Aufgabe bewältigen und hat stark eingebüßt; das berühmte Rothschildspital der Kultusgemeinde bildet die größte Sorge für die Gemeinde, da sie seine finanzielle Last kaum noch ertragen kann. Diese imposante, schön gelegene, architektonisch wohlgelungene Anstalt, deren Aeußeres gar nicht verrät, daß sie 300 Kranken eine Zuflucht bedeutet, ist natürlich auch vom rituell-religiösem Standpunkt für die Wiener Juden eine unbedingte Notwendigkeit, da ein verhältnismäftig starker Teil orthodox oder konservativ eingestellt ist. Die Gemeinde unterhält weiters ein Kinderambulat o r i u m und sorgt durch Subventionen für vier Waisenhäuser, zwei für Mädchen und zwei für Knaben. Ich habe zwei davon gesehen und möchte beide als Musteranstalten bezeichnen. In dem Mädchenwaisenhaus der Merores-Stiftung, in einem schönen, reinen, hygienisch einwandfreien Gebäude sind zirka 60 Mädchen von 6 bis 17 Jahren untergebracht, welche, abgesehen von der Schulerziehung, alle Arbeiten des Haushaltes und der Anstaltswirtschaft mitversehen. Aehnlich ist das Knabenwaisenhaus geführt, in dem der Leiter, ein weißhaariger, aber lebensfrischer und auf seine Anstalt stolzer Mann, volles Verständnis für die moderne, fortschrittliche Erziehung gezeigt hat, von der in Wien so viel zu sehen ist. Es ist ein erfreulicher Anblick, in der Anstalt unvermutet in eine lichte, freundliche Schusterwerkstätte zu kommen, wo fünf Burschen im schulpflichtigen Alter mit dem Meister den Anstaltsbedarf an Schuhreparaturen besorgen. Natürlich ist dies nur eine freiwillige Nebenbeschäftigung, welche die Kinder — wie der Meister, ein Landsmann, uns tschechisch mitgeteilt hat —vgut und gerne versehen. Die meisten dieser freiwilligen Schuster wählen jedoch, nachdem sie die Schule absolviert haben, einen anderen Beruf. In derselben Anstalt ist auch eine Buchbinderwerkstätte, in welcher die Knaben die ganze Anstaltsbibliothek recht sauber einbinden; natürlich arbeiten die Kinder auch im Garten, und tun dies alles spielend; sie erholen sich, werden körperlich abgehärtet und lernen die manuelle Arbeit und ihre Technik kennen, was wohl für sie immer von guter Wirkung bleibt, ohne Rücksicht darauf, welchen Beruf sie dann wählen, denn es bleibt ihnen eine gewisse geistige und gefühlsmäßige Einstellung der manuellen Arbeit gegenüber erhalten. Natürlich wird auch eine zweckmäßige Fürsorge um diejenigen, welche die Anstalt verlassen haben, geübt. Ich erzähle dies alles nicht ohne Absicht, wenn es auch wohl nichts Merkwürdiges und für eine solche human und zweckmäßig geführte Anstalt selbstverständlich ist; ebenso wie es selbstverständlich ist. daß es nicht genügt, sich um die Verpflegung der Waisenkinder zu kümmern, daß in der Anstalt auch für die Erziehung gesorgt werden muß, und das um so mehr, da ja den Waisen das Element der sittlichen Pflege — die Familie — fehlt. Es ist bedauerlich, sagen zu müssen, daß in dieser Hinsicht das Waisenhaus der Prager Kultusgemeinde einer genauen Kritik nicht standhalten kann; die berufenen Faktoren — und es sind auch Zionisten — mögen diesen Verhältnissen ihre Aufmerksamkeit in höherem Maße widmen, da sie ja die Verantwortung für das Schicksal und die künftige Entwicklung dieser jungen jüdischen Menschen, tragen. Die Wiener Gemeinde unterhält weiter ein großes Versorgungshaus für 300 Personen, das aus einer Abteilung für Sieche und einer zweiten für alte, erwerbsunfähige Personen besteht. (Im Garten dieser Anstalt liegt der älteste Wiener jüdische Friedhof.) HHiirnniminfmiinmiimiimimiHnnniHnunnnHiinmiifmnimmmniiimTTiHiiiini» gejte 5 Das Bestreben nach Einheitlichkeit und Kooperation, welches in der sozialen Fürsorge, sozusagen als ein Pendant zu der Rationalisierung im wirtschaftlichen Leben, überall sich geltend macht, hat in Wien zur Schaffung einer Zentralstelle geführt, in welcher die einzelnen Vereine und Institutionen vertreten sind und die zum Zwecke hat, die soziale Fürsorge lückenlos zu betreiben und dies derart, daß diese Korporationen gemeinsam und nicht neben- oder gegeneinander arbeiten. (Diese Fürsorgezentralstelle sorgt auch für den Wanderbettei und wird von der Kultusgemeinde subventioniert.) Eine Ueberlandorganisation, wie unsere Fürsorgezentrale, besteht nicht, da ja eigentlich das Judentum Oesterreichs in Wien konzentriert ist. Es gibt etwa 25.000 Juden außerhalb Wiens: von den 32 Kultusgemeinden außer Wien ist eigentlich nur diejenige in Graz von Bedeutung*). Die österreichischen Gemeinden haben auch ihren Verband, dem Wien jedoch nicht beigetreten ist; es bestehen in Salzburg, Tirol. Vorarlberg, Steiermark und Kärnten, wo die Juden nur in ganz kleiner Anzahl leben, je eine Kultusgemeinde, in Oberösterreich zwei, im Burgenland zehn, in Niederösterreich vierzehn. (Schluß folgt.) Der Fall Barmat. Der Fall Barmat ist vorläufig zum Abschluß gekommen. Wie bekannt, endete der Prozeß, der am 11. Jänner 1927 seinen Anfang nahm, am 30. März 1928 damit, daß entgegen den Anträgen der Staatsanwaltschaft für die erhobene Hauptanklage des Betruges und der Untreue der Schuldbeweis nicht geführt werden konnte. Die Juden Ju 1 i u s und Henry Barmat wurden vielmehr wegen aktiver, die Nichtjuden Oberfinanzrat H e 11 w i g und Oberzollinspektor Stachel wegen passiver Bestechung verurteilt. Das ist herausgekommen nach einem ungeheuren Aufwand von Zeit, Geld und politischen Auseinandersetzungen, und das Kuriosum der 648 Seiten umfassenden Anklageschrift hat in ernsten Kreisen die Frage veranlaßt, ob es nicht sinnlos war, diesen Prozeß in der gewählten Form zu führen. Für die deutschen Juden hat der Prozeß Barmat, wie Dr. Norbert Einstein in der „C.-V.-Zeitung", der dieser Aufsatz entnommen ist, ausführt, aber noch eine besondere Bedeutung. Denn von völkischen Kreisen wurden die Barmats als besonders charakteristische Typen des „jüdischen Wirtschaftlers" bezeichnet, und der Kampf gegen Barmat galt der Stellung der Juden im deutschen Wirtschaftsleben überhaupt. Mit der Bloßstellung der Barmats wollte man den großzügigen Beweis liefern, daß die „jüdischen Geschäftsmanieren"' für das deutsche Wirtschaftsleben schädlich seien, und daß man sich aller Mittel bedienen müsse, um das Judentum im kommerziellen und ökonomischen Leben zu isolieren. Daher füllte der Fall Barmat seit Jahren die Spalten der gegnerischen Presse, daher war er das Lieblingsthema völkischer Redner, daher spielte dieser unerquickliche, Fall während des leidenschaftlichen Wahlkampfes zur Reichspräsidentenwahl im Frühjahr 1925 die Hauptrolle. Aber auch nach dem Urteil wird jetzt versucht werden, die geringen Strafen gegen die Barmats, Hellwig usw. auf den angeblichen politischen Einfluß des Gesamtjudentums zurückzuführen, und. wenn nicht alle Zeichen trügen, wird um Barmat auch während des kommenden Reichstagswahlkampfes gestritten werden. Trotz der geringen Strafen sind die Barmats nicht etwa ohne ernste Schädigung ihres geschäftlichen Rufes aus diesem Prozeß hervorgegangen. Ebenso wie wir nie diesen Fall beschönigt haben, wollen wir jetzt den Barmats kein Ehrenkränzlein winden. Denn: wir sind nicht für die Barmats verantwortlich, mn so weniger, als sie im öffentlichen und politischen Leben der deutschen Juden nie eine besondere Rolle gespielt haben. Und wir wollen auch heute sagen, was die ganze objektive und sachliche Handelspresse zum Fall Barmat sagen mußte: es hat sich»in diesem Prozeß viel Unerfreuliches ergeben. Die Methoden, nach denen diie Barmats Millionenkredite von der Preußischen Staatsbank und von der Reichspost für ihre Unternehmungen und Konzerngesellschaften erhalten haben, sind bedenklich. Die Sicherheiten, die zur Verfügung gestellt wurden, haben sich nicht immer als *) Hier wird zugleich mit richtiger Erkenntnis von zionistischer Seite einer der Hauptgründe unserer Kultusmehrheit bei ihrer Stellungnahme zum Gemeindebund aufgezeigt. Dv Red. . _

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