Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 16 (18.4.1928)
- Date
- 1928-04-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Numm er 50 Oröscken. l)feWahtheäl Erscheint jeden Freitag jntt de« Veröffentlichungen der „Union deufschösferr. Juden** und den »»Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien" Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße Nr. 13 — Telephon 42-2-16 XLIV. Jahrgang Wien, 18. April 1928 Nummer 16 Kischinew. Der 25. Gedenktag eines Pogroms. Von Dozent Dr. Israel Rabin, Breslau. Die Glorie Gottes, schwarz gewandet, Weinen will sie und sie kann nicnt, Nur einen Schrei tun — und sie schweigt. . . An ihren Tränen würgt sie stille, Ueber die Märtyrer die Flügel breitend, Läßt sinken ihren Kopf und läßt sich strömen Und weinj: und weint nach innen sprachlos. (B i a 1 i k, In der Stadt des Schächtens.) Der Tag von Kischinew ist von so tragischer Bedeutung, daß es unsere Pflicht ist, in Trauer einen Augenblick stille zu halten, um all das Furchtbare, das am 7. Tage des Passahfestes des Jahres 1903 geschah, in eigener Seele zu erleben. Das zaristische Rußland führte in aller Kulturweit seit vielen Jahrzehnten den Namen „Pogromrußland". Das Reich der Reussen, das seit Peter dem Großen sein Gesicht gen Westen kehrte, blieb bei a!ler Entfaltung ungeahnter geister Kräfte ein Land der Barbarei. Das 19. Jahrhundert sah zwar Rußland auf den Gebieten der Literatur und Kunst im erfolgreichen Wettstreit mit den Kulturnationen. Aber nur eine sehr dünne Oberschicht der herrschenden Klassen hatte Anteil an den Segnungen dieser bodenständigen russischen Kultur. Und auch innerhalb dieser bevorrechteten russischen Gesellschaft war vielfach die Kultur nur äußere Tünche. Noch am Ausgang des 19. Jahrhunderts behielt der historische Ausspruch seine Berechtigung: Grattez le Russe et vous trouverez le Tartare. Im großen und ganzen herrschte in Rußland tiefste Unwissenheit, soziales Elend, schrankenlose Unterdrückung und mittelalterliche Finsternis. In diesem Milieu lebten mehr als sechs Millionen Juden — fast die Hälfte der Weltjudenheit — und erlebten noch im 19. Jahrhundert die Schrecken des Mittelalters. Seit der Zeit Johannes des Schrecklichen, der auf die Kunde der Existenz von Juden in den von ihm eroberten Gebieten den bündigen Befehl erteilte, die Juden im Flusse zu ersäufen, bis zu den Maßnahmen des „Friedenszaren" Nikolaus IL, die stets auf eine Vernichtung der Juden in Rußland gerichtet waren, hatte sich in diesem Reiche nichts geändert. Nur einmal, zur Zeit des humanen Alexander IL, traf die russische Judenheit ein Lichtstrahl der Hoffnung. Der Traum von Freiheit und menschenwürdigem Dasein war aber schnell verflogen. Mit dem Regierungsantritt Alexander III. begann die Aera der schlimmsten Unterdrückung und der grausamsten Verfolgungen. Durch die grausigen Massakers der Jahre 1881 und 1S82 wurde das „Weltgewissen" aufgerüttelt, die großen Massen von jüdischen Flüchtlingen, die zu jener Zeit alle Länder des Westens überströmten, brachten es den Mächtigen dieser Welt zum Bewußtsein, daß auf russischer Erde Dinge vor sich gingen, die der Gesittung der Menschheit Hohn sprachen. Trotzdem wagte man es nicht, dem „befreundeten Nachbar" oder dem umschmeichelten politischen Weggenossen offen Lehren über Recht und Sitte zu erteilen. Aber die russischen Machthaber erschraken selbst über die Folgen ihrer judenfeindlichen Politik. Zwei Dezennien hindurch begnügte man sich mit amtlichen Schikanen, die allerdings das Leben der Juden in Rußland zur Hölle machten, ließ es aber nicht zu Ausbrüchen des wilden Hasses kommen. Bestimmte Kreise der russischen Judenheit wiegten sich in Ruhe, viele wagten es sogar von einer Verbrüderung zu träumen und sahen bereits auch in Rußland die Vorboten einer westeuropäisch gearteten Emanzipation. Im Stillen glimmte jedoch, von den Regierungsorganen genährt und geschürt, das Feuer der Volksleidenschaft. Am äußersten Rande des Zarenreichs, in einer nahe Rumänien gelegenen Ecke des vielgesegneten jüdischen Ansiedlungsrayons, flackerte der Brand auf. In . Kischinew, der Hauptstadt Bessarabiens, lebten beieinander Juden, Rumänen (Moldauer) und Großrussen, untermischt von Ruthenen, Griechen und Armeniern. Erträgliche Beziehungen herrschten zwischen den einzelnen Teilen dieser nach Rasse und Glauben buntgemischten Bevölkerung. Mit Hilfe von geheimen Regierungsfonds gelang es jedoch einer hetzerischen Presse, deren lautester Wortführer Kruschewan, ein ossifizierter Moldauer war, den Frieden zu unterwühlen und das Zusammenleben zu vergiften. Authentische Berichte, insbesondere die von einem starken Wahrheitsdrang getragenen Memoiren des