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Die Wahrheit · 1928-03-23 · Heft 12 (23.3.1928) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 12 (23.3.1928)
Date
1928-03-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen. DicWahrhcit, wit den Veröffentlichungen der „Union deutschesten:. Juden" und den „Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien'' Redaktion und Administration: Wien IL, Heinestraße Nr. 13 — Telephon 42-2-16 XLIV. Jahrgang Wien, 23. März 1928 Werktätige Gleichgültigkeit. Die „Vereinigung werktätiger Jude n" rührt sich wieder. Das braucht Eingeweihte, die das Wesen dieser Vereinigung näher kennen, nicht weiter wunderzunehmen. Sie ist, wie wir wiederholt nachzuweisen in der Lage waren, nur eine jüdische „W a h 1 v e r e i ni gun g", d. h. eine Gesellschaft von Leuten, deren Interesse für das Judentum erst dann erwacht, wenn Wahlen vor der Türe stehen, egal in welche Körperschaften. So war es bei den Nationalratswahlen, bei denen die „werktätigen Juden" den Sozialdemokraten werktätige Freundschaftsdienste leisteten, so soll es bei den bevorstehenden Kultuswahlen sein, denen jetzt ihre besondere Anteilnahme gilt. Wohl muß es uns eigentümlich berühren, was eigentlich eine Vereinigung, deren programmatisches Ziel die „Erfassung jüdisch-bürgerlicher Schichten, um sie der sozialdemokratischen Partei zuzuführen" ist, bei den Wahlen in die Kultusstube zu suchen hat, aber wir haben uns ja in Wien nachgerade das Wundern abgewöhnt, und so müssen wir es sicher mit Widerwillen hinnehmen, daß eine Gesellschaft mit einem ausgesprochen parteipolitischen Programmpunkt in einer, in erster Linie religiösen Körperschaft mitreden will. Auf welche Weise sucht sie nun in Erscheinung zu treten? Zwei Propagandamittel sind es, die in unserer Zeit selbst eine schlechte Sache nonulär machen sollen: Wort und Schrift, und dieser beiden Möglichkeiten bedienen sich auch die „werktätigen Juden" in einer Weise, die ihre Gefährlichkeit zur Genüge beweist. Vor kurzem erschien die erste Nummer einer „Jüdischen Volkszeitung", des neuen Organes der Vereinigung; die früheren Presseerzeugnisse dieser Richtung, die, ebenso wie ihre Herausgeber, stets unter einem anderen Namen auftauchten, gehören nunmehr nach einer kurzen Gegenwart der Vergangenheit an. Die neue Halbmonatschrift nennt sich stolz eine „Zeitschrift für sozialen, politischen und kulturellen Fortschritt im Judentum", und was darunter wirklich zu verstehen ist, geht aus dem ,.Geleitwort" der ersten Nummer hervor, in dessen Schluß- Teilen es u. a. heißt: „Laßt uns zeigen, daß Judentum und Sozialismus, wahre M en s ch e nliebe. und M enschenpf lieh t innig miteinander verbunden sind." Hier finden wir wieder ein Einge^tSffTdnis des wahren Zieles der „Vereinigung werktätiger Juden", die Gleichung Judentum—Sozialismus. Es erübrigt sich, diese Herren dahin aufzuklären, daß die erhabene jüdische Lehre wohl einen eminent sozialen Geist beinhaltet, wie er in der Geschichte der Menschheit überhaupt erstmalig sich findet und in solcher Reinheit bisher unerreicht blieb, daß aber die Gleichsetzung des Judentums mit dem heutigen politischen Sozialismus eine bewußte Fälschung darstellt, die dem Hirn einiger Phantasten entsprungen ist, die leider nicht alle werden. Ebenso müssen wir es uns versagen, auf den sonstigen Inhalt der neuen Zeitung näher einzugehen, der in der Hauptsache in Angriffsartikeln gegen die „U n i o n" besteht, weiters in beweglichen Auslassungen zur „W ahlrechtsfrag e", bei denen natürlich der Kern der Sache, nämlich die geringe Mindeststeuer von 60 Groschen mit Absicht verschwiegen wird. Besonders interessant aber ist in diesem Blatt ein Aufsatz „Die Flucht aus dem Judentum", der sich eingehend mit der „Austrittsbeweg u n g befaßt, aus welchem Punkte dem Judentum wohl nach Ansicht des anonymen Verfassers „keinerlei Gefahr droht"; aber immerhin „ist doch jeder einzelne Austritt zu bedauern" und so schlägt der Artikelschreiber statt der bisherigen seiner Meinung nach schlechten Maßnahmen neue vor: ,,Wollen wir die Austrittsbewegung eindämmen, dann müssen wir soziales Leben im Judentum erwecken . . . Man beziehe die Jugend in das soziale jüdische Leben ein, baue es aus und die Zahl der Austritte wird weit zurückgehen." Man hat zwar nach den Erfahrungen, die wir bisher mit den „werktätigen Juden" machen mußten, die Empfindung, als ob mit dieser „Erweckung des sozialen Lebens" wieder nur politische, insbesondere parteipolitische Ziele verfolgt werden, aber wenn dies ausnahmsweise einmal nicht der Fall sein sollte, wenn wirklich nur beabsichtigt sein sollte, die Jugend auf den sozialen Sinn unserer jüdischen Gesetzgebung und dessen möglicher Nutzanwendune in unserer Zeit entsorechend aufmerksam zu machen, so wollen auch wir die Tunlichkeit solcher Maßnahmen zur Eindämmung der Abfallbeweeung anerkennen und uns freuen, daß. auch die Gegenseite sich gegen diese betrübliche Erscheinung mit Energie wenden will.

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