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Die Wahrheit · 1928-03-16 · Heft 11 (16.3.1928) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 11 (16.3.1928)
Date
1928-03-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen. mit den Veröffentlichungen der „Union deutschösterr. Juden" und den »»Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien" Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße Nr. 13 — Telephon 42-2-16 XLIV. Jahrgang Wien, 16. März 1928 Nummer 11 Die Bibel und Goethes Sprache. Von Dr. Franz Rosenzweig. Allbekannt ist, daß unsere Bibel durch die Luth ersehe Uebersetzung unsere deutsche Sprache aufs stärkste beeinflußt hat. Zwar ist neuerdings nachgewiesen, daß die Behauptung, Luther habe unsere Schriftsprache geschaffen, in diese? Form nicht aufrechterhalten werden kann. Aber was viel wichtiger ist: Luthers Bibel hat die Wiedergeburt unserer Sprache in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, ohne die unser Deutsch heute eine innerlich und äußerlich romanisierte Mischsprache wäre wie das Englische, erst ermöglicht. Wie tief etwa Goethes Gebrauch seiner Muttersprache, und hier wirklich im genauesten Sinn: seiner Mutter-Sprache, aus dieser Quelle schöpfte, das hat er ja selbst oft genug bekannt: man lese, um eine Vorstellung davon zu bekommen, des geistreichen Balten Victor Hehn schönen Aufsatz: „Goethe und die Sprache der Bibel". All diese Einflüsse gehen durch das Medium der Luther-Bibel. Zwar ist auch die in einem Maße reich an Hebraismen, das man heute, eben weil durch sie die hebräischen Wendungen deutsche geworden sind, nicht mehr ahnt; Luther hat ganz bewußt, gerade an Stellen, die ihm als die theologischen und religiösen Brennpunkte erschienen, „d e r hebräischen Sprache Raum gelassen, wo sie es besser macht, denn unser Deutsch tun kann". Aber unmittelbare, also nicht durch Luther vermittelte, Einwirkungen des hebräischen Textes auf unsere klassische Sprache sind, kaum bekannt. Um so mehr verdient der folgende Fall einer solchen Einwirkung die Teilnahme, die das Seltene für sich verlangen darf. In Rudolf Hildebrands unermeßlich reichem Artikel „Geist" bringt das Grimmsche Wörterbuch auf Spalte 2686 zwei Goethe-Stellen, wo der Geist, in deutlicher, von Hildebrand auch hervorgehobener, Anspielung auf den zweiten Vers der Bibel, „brütet". Hildebrand fügt hinzu: auch brüten müsse hier schwebend gedacht sein. 1784 schrieb Goethe in dem merkwürdigen Aufsatz „Ueber den Granit": „da dieser Gipfel noch als eine meerumflossene Insel in den alten Wassern da stand, um sie sauste der Geist, der über den Wogen brütete". Und wiederum in dem weltgeschichts - philosophischen Altersaufsatz „Geistes-Epochen nach Hermanns neuesten Mitteilungen" heißt es: „Wüste Leerheit umfängt erst alles, der Geist jedoch brütet schon über Beweglichem und Gebildetem." Diesen beiden Stellen sind etwa noch hinzuzufügen als mehr abgewandelte, aber ebenso deutlich erkennbare Anspielungen: Natürliche Tochter, III, 4: Wenn über werdend Wachsendem vorher Der Vatersinn mit Wonne brütend schwebte. Wilhelm Meisters Lehrjahre I 6 (und entsprechend schon im Urmeister): „Meine Einbildungskraft brütete über der kleinen Welt, die gar bald eine andere Gestalt gewann": Aufsatz über Justus Moser: „die Einbildungskraft brütet über einer wüsten Sinnlichkeit". Wir stehen also vor der überraschenden Tatsache, daß Goethe in den verschiedensten Epochen seines Lebens diesen geläufigen Satz der Luther- Bibel: „und der Geist Gottes schwebet auf dem Wasser" mit brüten statt schweben anzuführen gewohnt war, — wenn es in „An Schwager Kronos" heißt: Vom Gebirg zum Gebirg Schwebet der ewige Geist, so ist das bezeichnenderweise eben trotz der Worte „schweben" und „Geist" keine AnsDielung auf die Situation von Gen. 1, 2. Nun zeigt ja schon das „um sie sauste der Geist, der über den Wogen brütete" des erstangeführten, am engsten zitathaften Satzes, daß Goethe um das Wesen der ruach an dieser Stelle, wo sie ja noch nicht Geist im heutigen abstrakten Sinne ist, sondern in dem sinnlich-übersinnlichen Sinne den „Geist" zu Luthers Zeit noch hatte, also Gottessaus, Gottesbraus, Bescheid wußte. Und so geht auch „brüten" offenbar auf die hebräischen Studien zurück, die der Knabe getrieben hatte, und von denen das vierte Buch von „Dichtung und Wahrheit" erzählt. Die Bedeutung des seltenen und schwierigen Zeitworts gibt, älterer, auch an den Kirchenvater Hieronymus gelangte, Ueberlieferung folgend, schon der klassische jüdische Kommentator des Mittelalters Raschi — seiner Gewohnheit nach französisch — durch couver, also durch brüten wieder. Und die Mehrzahl der neueren Gelehrten, unter anderen Franz Delitzsch, Dillmann, Gunkel, Holzin-

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