Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 10 (9.3.1928)
- Date
- 1928-03-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3064248-3064258--16107-3088839- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Preis dieser Nummer 50 Gros dien. mit den Veröffentlichungen der „Union deutschösterr. Juden* und den »»Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien1 f|||!lillllllllllll!!IIIIIIIIIIIIUlllllllIlll!!!i:!tlllll!!llll!!tllllllllllllillil!l!lllllllllllll! Redaktion und Administration: Wien IL, Heinestraße Nr. 13 — Telephon 42-2-16 XLIV. Jahrgang Wien, 9. März 1928 Nummer 10 Faschismus und Judentum. Die italienischen Juden erwarteten in ihrer Mehrzahl mit einem Gefühl der Beklemmung die Einstellung, die der Faschismus nach seinem siegreichen Marsch auf Rom zum Judentum einnehmen würde. Die Kampfansage der Schwarzhemden und ihres Führers gegen das alte liberale Regime und die Methoden des Liberalismus und Parlamentarismus, die mit der Zeit in eine ausgesprochene Verurteilung dieser politischen und geistespolitischen Gesellschaftsformen überging, schien die Besorgnisse bei einer numerisch so schwachen und daher im Ernst kaum widerstandsfähigen Minderheit zu rechtfertigen. Die italienischen Juden waren sich selbst bewußt, ihre Emanzipation, ihre bürgerliche und gesellschaftliche Aufwärtsentwicklung, die ihnen im letzten halben Jahrhundert die Tore zum Staatsleben und zu Ministersitzen öffnete, der liberalen Bewegung zu verdanken. Die liberalen Kabinette zählten daher auch auf die Juden und fanden in ihren Reihen ihre überzeugtesten Anhänger und intelligentesten Stützen. Bereits an der Seite C a v o u r s stand als dessen vertrautester Mitarbeiter der piemontesische Jude Isaak A r t o m, und zwei Italiener jüdischer Herkunft, Luigi L u z a 11 i und Sidney Sonn in o, galten Jahrzehnte über als die eigentlichen Exponenten des italienischen politischen Liberalismus. Das unsichere Gefühl des italienischen Judentums beim Faschistenmarsch auf Rom entging natürlich nicht der Aufmerksamkeit Mussolinis. Es lag in seinem Interesse, sich nicht mit dem jüdischen Element zu verfeinden, sondern es zur Mitarbeit auf volkswirtschaftlichem und finanziellem Gebiete ^heranzuziehen. Eine Gruppe nicht einflußloser % Faschisten, die sich vor allem um den Herausgeber der „Vita Italiana" scharte, unternahm den vergeblichen Versuch, durch Verbreitung der bekannten „Protokolle der Weisen von Zion" eine offene judengegnerische Bewegung zu entfachen. Sie fand jedoch bei den höchsten Regierungsstellen keinen Anklang. Pläne zur Gründung einer antisemitischen Liga für Italien sollen durch Mussolinis persönliches Veto durchkreuzt worden sein. Führende Köpfe des Judentums erkannten bald in dem Duce des Faschismus ungewöhnliche Qualitäten und hielten es daher . für klug, mit ihm in enger Fühlung zu bleiben. So stellten sich ihm von Anfang an der Vorsitzende des /Z*WUF;- .; '~ V;^. S*«1* i^r W allgemeinen Industrieverbandes ltalTew&^n v e 11 i, und der Volkswirtschaftler Gino A r r i a s zur Verfügung. Weitbekannt ist auch der Einfluß, den die geistvolle Jüdin Margherita G. S a r f a 11 i als Mitarbeiterin am „Popolo ditalia" und Gründerin einer faschistischen Frauenzeitschrift auf den werdenden Diktator ausübte. Der greise Luigi Luzatti, der Senior der italienischen Finanziers, lehnte es schließlich selbst nicht ab, das neue Regime sachverständig zu beraten, wodurch ihm die Möglichkeit verschafft wurde, an entscheidender Stelle für seine Glaubensgenossen einzutreten. An diesem Gesamtbilde hat sich, wenn man lediglich an das Regierungshaupt denkt, auch heute kaum etwas verändert, so daß ein offizieller faschistischer Antisemitismus auch nach Ablauf des ersten Jahrfünfts faschistischer Herrschaft nicht besteht. Ganz rosig und zuversichtlich liegen die Dinge für die Juden Italiens indessen doch nicht. Jene Kreise, die angefangen von den ersten Regungen des Faschismus, danach trachteten, ihn für judenfeindliche Zwecke auszunützen, haben innerlich noch nicht abgedankt. Die starke Berufung dieser Kreise auf den national-römischen Charakter des jetzigen Systems schließt gefühlsmäßig eine Abwehr alles Fremdstämmigen im italienischen Volke in sich, und darin liegt die Verbindungsbrücke zum internationalen Antisemitismus. Es scheint fast zwangsläufig in allen Ländern, wo der Nationalismus mit starken Temperaturen arbeitet, die Gewohnheit bei der Presse sich einzunisten, daß für gewisse allgemeine Uebelstände das Judentum in die Wüste geschickt wird. Auch in Italien kann man vielfach beobachten, daß das Schimpfen der Zeitungen über die Juden eine billige Etikette zur Verdickung von mißliebigen Zuständen im Auslände ist. Geschah in der europäischen Politik etwas, was nicht nach dem Konvent Mussolinis zu verlaufen schien, so war eine eilfertige Presse in Italien bei der Hand, die Ursache oder gar die Schuld hierfür beim Judentum zu entdecken. Und plötzlich wurde man gewahr, daß die Juden ja eigentlich in der Schußlinie bei der Freimaurerei, deren Bekämpfung Modesache geworden ist, und mit einigen Köpfen auch bei der „sozialdemokratischen Internationale" ständen. Als seinerzeit der Gedanke eines europäischen Eisen-