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Die Wahrheit · 1928-02-17 · Heft 7 (17.2.1928) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 7 (17.2.1928)
Date
1928-02-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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MBSAM Preis dieser Nummer 50 Groschen. Erscheint jeden Freitag .«iit den Veröffentlichungen der „Union deutschösterr. Juden** und den „Amttichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien" iiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiuiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiH Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße Nr. 13 — Telephon 42-2-16 XLIV. Jahrgangs Wien, 17. Februar 1928 Nummer 7 Einsicht und Verständnis! Die in der Vorwoche stattgehabte Budgetdebatte in der Wiener israelitischen K u 11 u s g e m e i n d e war die letzte vor den aller Voraussicht nach im Spätherbst dieses Jahres stattfindenden Kultuswahlen. Dieser Umstand drückte gewissermaßen allen Reden den Stempel auf, zumindest sind die Ausführungen der einzelnen Parteiführer ganz gut als programmatische Erklär u n g e n für ihre Partei zu werten. Jede Partei versucht natürlich bei solchen Gelegenheiten, ihren Standpunkt besonders hervorzukehren und gegen den des Gegners scharf abzugrenzen. Dennoch aber kann diesmal mit besonderer Genugtuung konstatiert werden, daß die ganze Debatte auf einem besonders hohen Niveau stand und bis auf einige Entgleisungen — so die Rede des misrachistischen Kultusvorstehers Viktor Bauminger*) und verschiedene Ungereimtheiten der sozialdemokratischen Redner — beinahe völlig die Schärfe vermissen ließ, die bei früheren Anlässen besonders vor Wahlen in der Kultusstube zu Ausbrüchen des Temperaments führte, die für dieses Forum gänzlich unwürdig waren. Sicherlich, es wurde auch diesmal manches „für die Gasse" gesprochen, aber die Debatte war im großen und ganzen gut, denn sie war sachlich. Daß diese Sachlichkeit beinahe von allen Rednern ohne Unterschied der Partei gewahrt wurde, ist sicherlich in erster Linie ein Verdienst des Budgetreferenten selbst. Die Budgetreden des Herrh Reg.-Rat Dr. H. Oppenheim waren nicht nur vom finanztechnischen Standpunkt Meisterleistungen, vor allem der Gründlichkeit wegen, mit der er die ungemein schwere Materie beherrscht. Auch ihrem geistigen Inhalte nach wraren sie ganz großartig, denn es war mit einer Ehrlichkeit, die selbst von den Gegnern wiederholt anerkannt wurde, die Grundeinstellung des Referenten, objektiv zu sein. So war es verständlich, daß er selbst bei einem 60 - M i 11 i a r d e n b u d g e t und trotz des zu erwartenden Defizits jedem berechtigten Wunsche im Rahmen des Zulässigen Rechnung trug. Am lebhaftesten entbrannte der Meinungsstreit bei dem Kapitel Unterricht. Gemeinsam ist in dieser Frage allen Parteien die Forderung nach einer Ausgestaltung des jüdischen Unterrichtes, des- *) Siehe „Glosse n" der vorliegenden Nummer. sen Mangelhaftigkeit an den östefrefcmschen Schulen schon wegen der Kürze der den Lehrern zur Verfügung stehenden Zeit allgemein lebhaft kritisiert wird. Eine Aenderung dieses Schulsystems an den österreichischen Simultanschulen ist aber selbst oder gerade im sozialdemokratischen Wien für die nächste Zeit kaum zu erwarten und deshalb ist es Aufgabe der verantwortlichen Faktoren, sich mit dieser Frage, die zugleich eine Lebensfrage des Wiener Judentums ist, intensiv zu befassen. Zwei grundsätzliche Anschauungen stehen sich nun hier diametral gegenüber. Die einen meinen, daß es notwendig sein wird, um einer guten jüdischen Erziehung der Jugend Rechnung zu tragen, ihr neben dem öffentlichen Schulunterrichte jüdisch-religiöse Schulen zu bieten, in denen sie die Möglichkeit haben, in echt jüdischem Geiste erzogen und herangebildet zu werden. Diesem Zwecke dienen die bereits seit Jahrzehnten bestehenden Bibelschulen, deren Ausbau unter den geänderten Verhältnissen geplant ist. Bei Vorhandensein eines geeigneten Lehrermaterials wird es durchführbar sein, in diesen Schulen Ersprießliches zu leisten, und das Schulwerk der Schiffschul, das selbst von Zionisten und Sozialdemokraten in der Budgetdebatte als mustergültig lobend hervorgehoben wurde, beweist, daß diese Möglichkeit gegeben ist. Sie ist aber auch eine dringende Notwendigkeit, soll unsere heutige Jugend dem Judentum erhalten und vor drohendem Abfall bewahrt werden. Die Jüdischnationalen versuchten aus der Angelegenheit, wie so oft, wieder ein Politikum zu machen. Nach ihrer Ansicht sollen die zu schaffenden jüdischen Schulen jüdischnationale Erziehungsanstalten werden. Ja, es gab sogar eine Zeit lang Führer unter ihnen, die den Standpunkt vertraten, daß diese Schulen obligat sein müßten. In der Budgetdebatte ist der Klubobmanri der zionistischen Fraktion Dr. Desider Friedmann wohl von diesem radikalen Standpunkt abgekommen und forderte die Einführung der Schulen nur für jene Eltern, die ihre Kinder jüdisch erziehen lassen wollen. Mit dieser Ansicht des jüdischnationalen Parteiführers kann sich auch die nichtnationale Wiener Judenschaft befreunden, es entsteht aber die Frage, was unter einer „jüdischen Erziehung der Jugend" zu verstehen ist. Soll sie jüdischnationalen

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