Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 1 (6.1.1928)
- Date
- 1928-01-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Referent schlägt deshalb die sofortige Erhöhung des Taxen- und Gebührentarifes vor. Es handelt sich hierbei hauptsächlich um die Gebühren bei Ankäufen von Grüften und speziell bei Begräbnissen der höheren Klassen. Diese Erhöhungen erscheinen ganz abgesehen von der Dringlichkeit der Mehreinnahmen deshalb gerechtfertigt, weil diese Posten zur Zeit kaum zur Hälfte gegenüber der. Friedemsjahren valorisiert erscheinen, wie dies Herr Regierungsrat Dr. H. Oppenheim an Hand der folgenden Vergleichsziffern anschaulich darlegte: Leichenbegängnis Grabstätte I 1914 K 2500 - II 1000.- III 300.- IV 100- 1 2500 — II 1000.- 111 - 30C— IV 20-- bis 100- 1927 S 750.- 500.- 200 — 60.- 1000. bis 2000.- 600- - 250 — 30 — bis 60.- von 1914 S3 625.- valoris. 1.450.— 435.- 145 — 3.625-- 1.450.- - 435 — 29.- bis 145.- Antrag pro SJ.200- 1928: 750- - 250.— 75— 1.500- bis 3 000 - 9C0.- 300-— 100.— Auch bei anderen Posten des Abgaben-, Taxen- und Gebührentarifes, so bei Ausfertigung von amtlichen Dokumenten, bei den Privatistenprüfungen. beim Rituellen Bad, bei den Sitzplätzen der Gemeindebethäuser, den jährlichen Beitragsleistungen zu den Kosten der Beaufsichtigung ritueller Funktionen, werden notgedrungen mehr oder minder wesentliche Erhöhungen in Vorschlag gebracht. Diese Veränderungen des Tarifes sind auf sechs Wochen probeweise gedacht, für welche Zeit Regierungsrat Dr. Oppenheim zugleich ein Budgetprovisorium vorschlägt, da infolge des plötzlichen Ab lebens des Oberrabbiners Schwierigkeiten bei der Abhaltung der notwendigen Budgetberatungen entstanden sind, welche die geplante rechtzeitige Fertigstellung des Budgets behindert haben. Bezüglich einer von der Gemeinde aufzunehmenden Anleihe wurden in der letzten Zeit intensive Beratungen gepflogen, der Referent selbst aber ist gegen eine solche Anleihe, da die Geldknappheit nur eine momentane ist und sieb hauptsächlich aus den durch den notwendigen Bau des Friedhofes verursachten Mehrausgaben herleitet, die durch den bestenenden Friedhofserhaltungsfonds in absehbarer Zeit refundiert werden. Weit wichtiger erscheint es, den Haushalt der Gemeinde durch erhöhte Einnahmen schon jetzt auszugleichen, da sonst das derzeitige Defizit von zwei Milliarden bis Ende 1928 das Vier- bis Fünffache erreichen würde. Regierungsrat Dr. Oppenheim ersucht deshalb um Annahme seiner Vorschläge. Nach den Ausführungen des Referenten Regierungsrat Dr. H. Oppenheim gab Dr. G1 a n z für die Gruppe für soziale Tätigkeit eine etwas merkwürdige Erklärung ab. Er konstatierte nämlich, daß seine Gruppe zu der derzeitigen Majorität kein Vertrauen habe und deshalb an den Budgetverhandlungen desinteressiert sei. Darauf verließen die fünf Herren den Sitzungssaal. Ein solches Verhalten stellt wohl ein Novum in der Geschichte des Parlamentarismus, sicher aber in der des Wiener Kultusvorstandes dar. Denn es ist doch kaum angängig, daß man, statt Kritik an dem Budget' zu üben, an dessen Beratung überhaupt nicht teilnimmt, noch dazu, wenn man vorgibt, soziale Vertreter der Angestellten zu sein, und, diese bekanntlich Leidtragende eines ex-lex-Zustandes sind. Der Grund für dieses auffallende Benehmen der Sozialisten dürfte aber weniger in dem fehlenden Vertrauen zur Majorität als in der fehlenden Zeit liegen, die den Herren zum Besuche eines am gleichen Abend stattgefundenen Bestandsiubiläums der Poale Zion notwendig war . . . Dr. Desider Friedmann erklärte als Obmann des zionistischen Klubs, daß seine Fraktion auf einem ganz anderen Standpunkte wie die Gruppe des Vorredners stehe, denn die rechtzeitige Erledigung des Budgets sei eine dringende Notwendigkeit für die Gemeinde. Er bemängelte wohl einzelne der beabsichtigten Erhöhungen, insbesondere die bei den Leichenbegängnissen III. und IV. Klasse. Dieses Kapitel bildete den Gegenstand einer sehr interessanten Wechselrede, an der sich die Vorsteher Kom.-Rat B. B u c h w a 1 d, Baurat W. K e m p 1 e r, Dr. I. K1 a be r, S. K a u d e r s und Kom.-Rat W. Reif lebhaft beteiligten. Regierungsrat Dr. Oppenheim (feuitteton. Der Paß. Von Josef Kaplan (Fulda). „Kommt, junger Mann, setzt euch hierher und hört mir, zu, denn das, was ich euch erzählen werde, wird euch gewiß interessieren, so wahr ich lebe. Geht, seid so gut und schreibt es dann in die Zeitungen, damit es alle erfahren, das große Golus. Vielleicht findet sich jemand, der mich rettet; und wenn nicht, dann wird es zumindesten manchem zum Trost werden — denn ein Buckliger freut sich, wenn er einen anderen sieht. Ihr versteht? Also hört zu: Ich bin, nicht für euch gesagt, ein Jidd mit einem Paß. Das heißt, einen Paß habe ich nicht, aber Zorn und Herzweh habe ich wegen eines Passes. Eine ganz neue Welt heute! Vor vierzig, fünfzig Jahren wußte kein Mensch, was ein Paß ist — was Paß — wer Paß —, wozu Paß! Aber heute — ist der Mensch ohne Paß gar kein Mensch! Der Mensch fängt erst an Mensch zu werden, wenn er einen Paß hat. So lange er keinen Paß hat, ist er nebbich ein halbfertiges Ding, ein vollkommen, überflüssiges Geschöpf, ein geplagtes Wesen mit einer unglücklichen Seele, für die der beste Weg ist, in den Himmel zu fahren. — Haaaa! Ein Mensch ohne Paß---! Könnt ihr euch vorstellen, was es heißt: ein Mensch, ein Jiddischer Mensch, ein polnisch-jiddischer Mensch — und kein Paß!? Seht mich an, junger Mann — ihr braucht gar nicht lange zu suchen: ich bin ein solcher Mensch! Erschreckt nicht! Von was, meint ihr, habe ich die Falten im Gesicht bekommen? Vom Paß — das heißt von keinem Paß! Und von was, meint ihr, habe ich die grauen Haare? Nun sollte man doch meinen, ein Paß ist ein Ding, welches zu haben ist. Denn wozu hat man Pässe, wenn nicht für die, die keine haben? Aber leicht gesagt. Diejenigen, die Pässe haben, hätten sie auch ohne große Mühe bekommen. Und diejenigen, die keine haben, bekommen sie nicht, und wenn ihr, junger Mann, euch auf den Kopf stellt. Ihr versteht diesen Dreh? Bei mir nun liegt die Sache noch tiefer, und zwar so tief, daß sie keiner mehr herausholen kann. Nicht nur zehn, sondern zwölf Gelehrte würden umsonst an der Sache arbeiten. Das heißt, ah meiner Sache. Hört weiter zu: Ich lebe schon mit Gottes Hilfe einige Jahre in Deutschland, ernähre mich ehrlich, tue keinem was zuleide, jage nicht einmal eine Katze vom Bürgersteig. Warum? Weil ich ein friedfertiger Mensch bin — ein Jidd ohne Galle. Nun — also ist es doch gut? Laßt mich so weiterleben — ich lebe doch nicht auf eurer Welt! Was schadet es euch schlechten Menschen, wenn ich hier herumlebe? Was schadet es euch Plagegeistern, wenn ich, Herschel. atme?! Aber, eh — gar nichts! Sie, Herr Herschel, müssen einen richtigen, gültigen Paß haben, der besagt, wann, wie, wo und warum Sie geboren sind! Hört Ihr, junger Mann, Sorgen? Wo nehme ich einen Paß her? Nun, Gesetz ist Gesetz und Paß bleibt Paß.; Also geh ich mir einen Paß besorgen. Das heißt, ich