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Die Wahrheit · 1927-11-04 · Heft 45 (4.11.1927) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 45 (4.11.1927)
Date
1927-11-04
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 imiiiiiii»!^ DIE WAHRHEIT tionen. Wir gestatten uns allen, die uns diese schönen Stunden bereitet haben, unseren innigsten Dank auszusprechen und bitten, ihrer alten und kranken Brüder und Schwestern im Lainzer Versorgungshause auch fernerhin zu gedenken. Maimonides-Institut Die Eröffnung des vierten Studienjahres des als Zentrum der Pflege jüdischer Wissenschaft für weite Kreise der gebildeten Judenheit in Wien bereits eingebürgerten Institutes, fand Sonntag, den 23. Oktober, 5 Uhr nachmittags, Hetzgasse 40, statt. Die Räume erwiesen sich als zu eng, .um die zahlreichen Teilnehmer und Gäste zu fassen, unter denen sich auch der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Professor Dr. A. Pick befand. Der Leiter des Institutes Rabbiner Dr. A. K a m i n k a hielt den Eröffnungsvortrag über „Philo von Alexandrien und die religiöse Entwicklung des hellenischen Judentums". (Einleitend teilte er mit, daß der Vortrag als erster im Rahmen der diesjährigen Universitätsvorträge geplant war, daß aber vom Rektorat, bei ausdrücklicher Würdigung der hohen wissenschaftlichen Bedeutung unserer Vorlesungen, an das Institut die Bitte gerichtet wurde, mit Rücksicht auf die bekannten Agitationen auf die Abhaltung derselben im Universitätsgebäude während der nächsten Monate zu verzichtein; einen ähnlichen Verzicht mußte bekanntlich auch die Kulturwissenschaftüche Gesellschaft leisten, obwohl an deren Spitze ein ehemaliger österreichischer Ministerpräsident steht.) Der Vortragende entwarf ein Bild von der Lage der ganz hellenisierten Judenheit Alexandriens zur Zeit Philos auf Grund der neuesten Forschungen. Seit einigen Jahren weiß man, daß die Gleichberechtigung der Juden, von welcher Dokumente bei Josepfaus Flavius sprechen, tatsächlich nicht bestand. In dem kürzlich aus griechischen Papyri des British Museum veröffentlichten Erlaß des Kaisers Claudius vom Jahre 41/42, werden die Juden ausdrücklich davor gewarnt, sich zu den Spielen der vollberechtigten griechischen Bürgerschaft zu drängen, nach einer Erweiterung ihrer Rechte zu streben und Juden von auswärts zur Einwanderung in Alexandrien zu ermutigen. Der Ghetto-Geist erklärt auch am besten sowohl die häßlichen Blüten des alexandrischen Judentums, wie den Typus des begabten Strebers Tiberius Julius Alexander, des Neffen Philos, der das Judentum ganz verwarf und als Römer General, Statthalter von Aegypten wurde, oder des jüdischen Wucherers Ptollarion, der in einem Papyrus vorkommt, wie anderseits die in der Geistesgeschichte der Menschheit leuchtenden idealen Gestalten von unübertroffener sittlicher Hoheit, zu denen der Philosoph der mosaischen Lehre Philo gehört. Der größte Teil seiner Schriften gruppiert sich um den Pentateuch. Mit grenzenloser Verehrung schaut er, die Philosophie und Dichtung der Griechen beherrschend, in seiner Erziehung ganz Hellene, zu Moses und seinen Lehren hinauf und begeistert seine Leser für jede Einzelheit im Leben der Erzväter, im Dekalog und in den Bräuchen der Juden, die er als Priester im Dienste der Menschheit darstellt Der Vortragende erörtert dann die Frage, warum es fünfzehnhundert Jahre gedauert hat, bis Philo, der früher nur durch die Kirchenväter bekannt war, von den Juden entdeckt wurde, wie Asaria de Rossi auch den Aristeas-Brief zufällig nach dem Erdbeben von Ferrara 1570 durch einen christlichen Gelehrten näher kennen gelernt hat. Er erklärt diese Seltsamkeit durch die gänzliche Abkehr vom Hebräischen in der hellenistischen Judenheit, welche zur Folge hatte, daß ihre wertvollsten Werke für viele Jahrhunderte in Verschollenheit gerieten. Der inhaltsreiche Vortrag wurde mit großem Beifall aufgenommen. Die folgenden Vorträge finden während des Wintersemesters in einem Hörsaal, Zirkusgasse 33, ersten Stock, an vier Wochenabenden statt. Neu eingeführt wurde ein Zyklus: „Geschichte des Judentums in den westeuropäischen Ländern", von Rabbiner Dr. Kaminka, jeden Donnerstag 6—7 Uhr abends. Todesfälle. Sonntag, den 30. v. M., wurde unter außerordentlich großer Beteiligung Frau Josefine L ö w i t geb. Albachari, die Gattin des Präsidenten des österreichischen Kantorenvereines, Oberkantor L Löwit, zu Grabe getragen, die am 28. v. M. nach langem, schweren Leiden verstorben war. In Vertretung der israelitischen Kultusgemeinde Wien erschien Präsident Universitätsprofessor Dr. Alois Pick in Begleitung des Amtsdirektors Reg.-Rat Dr. Emil Adler, der Vortand der türkisch-sephardischen Gemeinde unter Führung des Vizepräsidenten Robert de Majo, die Vorstandsmitglieder und Mitglieder des Oesterreichischen Kantorenvereines mit dem Vizepräsidenten Oberkantor I. Müller an der Spitze sowie eine große Anzahl Freunde und Bekannte der Familien Löwit-Albachari. Nachdem Herr Kantor A s s e o der türkisch-sephardischen Gemeinde mit dem Chor des Stadttempels die Trauergebete zum Vortrage gebracht hatte, hielt Herr Rabbiner Dr. 0 v a d j a eine zu Herzen gehende Trauerrede, in welcher er die großen Tugenden der Verewigten würdigte. Bescheiden und wunschlos für ihre eigene Person lebte sie als ein Musterbild treuer Pflichterfüllung und widmete ihr ganzes Leben dem Wohle ihres Gatten und ihrer Kinder. Sie war deshalb die Sonne der Familie, von der strahlende Wärme ausging. Er sprach sodann von der Dankbarkeit des Gatten und der Kinder, die alles daransetzten, um den Lebensabend dieser edlen und vornehmen Frau zu verschönern. Der tiefgebeugten Familie möge zum Trost dienen, daß die Verstorbene eine Zierde jüdischer Frauen war und als Vorbild in stetem Andenken weiterleben wird. Den trauernden Hinterbliebenen, dem Gatten Herrn Oberkantor J. Löwit, dem Sohne Willy Löwit, den Töchtern Mitzi Löwit, Ella Hess und Rosl G e r s 11, geborene Löwit, den Brüdern Joe und Jacques Albachary, der Schwester Jeanette G iu t f e 1 d, der Schwiegertochter Luba Löwit, Berlin, den Schwiegersöhnen Rudolf Hess, Hamburg, und Dr. Fritz Gerstl, Breslau, wendet sich die allgemeine Teilnahme zu. — Am 25. Oktober verschied in Wr.-Neustadt nach kurzem Leiden im 88. Lebensjahre Herr Philipp Glaser. Der Verstorbene war wegen seines lauteren echt jüdischen Charakters allgemein geachtet. Dieser edle Mensch, der sich von keiner jüdischen Aktion ausschloß, war das Muster eines großzügigen jüdischen Wohltäters. Den großen Verlust seines Scheidens, sagte Rabbiner Weiß in seinem "Machrufe, beklagen nicht nur seine engere Familie, sondern alle, die jemals Gelegenheit hatten, die seltenen Herzenseigenschaften, die Gemütstiefe und Hilfsbereitschaft dieses seelenguten bescheidenen Menschen kennen zu lernen. Die sterblichen Ueberreste des Verblichenen wurden seinem Wunsche gemäß nach seiner Heimatsgemeinde Kobersdorf überführt und dort unter großer Beteiligung der Wr.-Neustädter und Kobersdorf er Judenschaft am 28. v. M. zu ewigen Ruhe bestattet. In Kobersdorf hielt dem Verstorbenen Herr Rabbiner Lifschitz einen tiefempfundenen Nachruf. Bielitz. Am 22. Oktober d. J. (Schabbes Bereschith) fand im Bielitzer Tempel eine seltene Feier statt. Der Entdecker der Selma Kurz-Halban, Herr Oherkantor Ignatz Goldmann, der mit jugendlicher hinreißender Stimme trotz seines hohen Alters als gottbegnadeter Meister synagogaler Gesangskunst die Tempelbesucher noch immer im Banne hält, feierte das 40. Dienstjubiläum. Die Synagoge war festlich beleuchtet, der Sitz des Jubilars mit Blumen geschmückt, Bekannte und Freunde aus Nah und Fern waren herbeigeeüt, um dieser seltenen Peier beizuwohnen. Der Gottesdienst begann um 10 Uhr vormittags. Der Jubüar wurde von seinem Amtskollegen Herrn Kantor Fischer zu Maftir aufgerufen, worauf ein Männerchor das große Hallelujah von Sulzer anstimmte. Hierauf brachte Herr Kantor Fischer einen für diesen Anlaß verfaßten Segensspruch wirkungsvoll zum Vortrage. Es folgte eine Ansprache Sr.Ehrw. Rabb.Dr.Steiner an den Jubüar, die auf alle Anwesenden einen tiefen Eindruck machte. Es war ein wahrlich ergreifendes Bild, als Se. Ehrwürden am Schlüsse seiner Rede den greisen Jubüar segnete. Nur mit tränenerstickter Stimme konnte Oberkantor Goldmann dem Rabbiner für die so zu Herzen gehenden Worte danken. Nach Beendigung des Gottesdienstes versammelten sich im großen Saale der israelitischen Kultusgemeinde der gesamte Vorstand und.-der Ausschuß sowie viele Mitglieder. Vom Präsidenten Herrn Berthold Simachowitz und dem Tempelvorsteher Herrn Hermann Reich begleitet, betrat nun der Jubilar den Saal Herr Kantor Fischer stimmte das „Boruch haboh" mit Harmoniumbegleitung und Gesang des Männerchores an. Herr Präsident Simachowitz, der Obmann der Chewrah Kadischah Herr Salo Wechsberg, der Präsident der B-B. Loge Eugen Kellner sowie Frau Dr. Steiner namens des israelitischen Frauenvereines beglückwünschten den Jubilar und überreichten ihm viele wertvolle Ehrengeschenke. Herr Kantor Fischer betrat als letzter die Tribüne, darnkte dem Kollegen in warmen Worten für seine aufrichtige Freundschaft und wünschte, daß es dem Jubilar gegönnt sein möge, noch viele Jahre in geistiger Frische und völler Rüstigkeit sein hehres Amt zu bekleiden.

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