Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 43 (21.10.1927)
- Date
- 1927-10-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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£rscfkeinf Jeden &*eif«ig Ards dieser Jl\ 0/E WAHRHEIT Cesteneidkistfke Wodkenscftrifi für jiidistfie Jniecessen Venöffentti€fkungen der „Union deufsdiösterr. Juden" ^J|V Redaktion und Administration: Wien II., MciWECSttaßc Jlr. 13 Fenrut 42-2.16 >^; ' XLIII. Jahrgang Wien, 21. Oktober 1927 iw.« e» 43 D/e Pogrome i Erinnerunsen an Motto: „Die Pogrome helfen die Disziplin im Heere aufrechtzuerhalten." Petljura. I. In diesen Tagen gelangt in Paris der Prozeß Schwarzbard zur Verhandlung. Man wird sich erinnern, daß der ukrainische Ataman Petljura, der militärische Führer der „Weißen Armee" im Kampfe gegen die Bolschewisten, von Schwarzbard am 25. Mai 1926 in Paris getötet wurde. Der aus der .Ukraine gebürtige Schwarzbard, der auf französischer Seite den Weltkrieg mitgemacht hatte und schwer verwundet wurde, hat vor wenigen Jahren seine Heimat besucht; dort mußte er erfahren, in welch schrecklicher Weise seine Angehörigen ermordet worden waren. Die furchtbaren Tatsachen, die ihm dort mitgeteilt wurden, brachten ihn zur Verzweiflung, so daß er das Unvernünftigste und Bedauerlichste tat, was er tun konnte: er tötete Petljura. Die Berichte über den Prozeß werden noch nachzutragen sein. Bedeutsam für das Verständnis der gesamten Zusammenhänge ist das soeben in Paris erschienene Quellenwerk*): „Les Pogromes en ukraine", dessen Wert als Kulturdokument ersten Ranges für die Weltgeschichte schon heute feststeht. Das Werk zeichnet sich dadurch aus. daß es in erheblichem Umfange Photographien über die in der Ukraine verübten Mordtaten und in einem Anhange Berichte von Augenzeugen, Protokolle, Veröffentlichungen aller Art bringt, die den beschreibenden Text urkundlich beweisen und beleuchten. Wir lesen, daß allein in der Stadt Proskurow am 15. Februar 1919 1500 Juden ermordet worden sind, ohne diejenigen, die später ihren Verwundungen erlagen, und daß in Schitomir bei den Pogromen vom 22. bis 26. März 1919 320 Juden in der gräßlichsten Weise umgebracht wurden. Die Zahl der in der Ukraine Ermordeten beträgt viele Zehntausende. Wir müssen feststellen, daß wohl kaum ein zweites Mal im Verlaufe der so tränenreichen jüdischen Geschichte in kurzer Zeit so viele Männer, Frauen und Kinder ermordet, geschändet, gequält worden sind, wie anläßlich der Pogrome in der *) Comite des delegationes Juives. „Les Pogromes en Ukraine" sous les gouvernements ukraines. (1917—1920.) Paris 1927. Zu beziehen von der Emigrations-Vereinigung Berlin, Berlin W 62. Kurfürstenstraße 81 at n der Ukraine. schwarze Tage. Ukraine. Auch wer durch die Ereignisse des letzten Jahrzehnts abgestumpft ist, wen das Unglück in dieser Welt nicht mehr im einzelnen aufregt, wird vondemEntsetzen schwer loskommen, dasihn bei dem Studium diesesWerkes beschleicht. Wie die spanischen Stierkämpfer die Stiere auf allen nur denkbaren Wegen reizen und quälen, um sie in Wut zu bringen, so sind die sicherlich an sich verhältnismäßig harmlosen ukrainischen Truppen direkt und indirekt zur Erhöhung ihres Kampfmutes und zur Erweckung ihres Zornes gegen ihre Widersacher im Bürgerkrieg in Siedehitze gegen die Juden gebracht worden. Wer von den ausgesuchten Opfern nur seinen Tod durch Erschießen fand, war begnadet. Die meisten sind in unendlicher Weise gequält worden, bevor sie den Tod fanden. Wenn man liest, wie die Opfer sich gegenseitig auspeitschen mußten, um dann gezwungen zu werden, den Boden, auf dem die gegenseitigen Mißhandlungen stattfanden, zu küssen, wenn man dann liest, wie Frauen aufgeschlitzt, wie Kindern auf Steinen der Schädel zermalmt wurde, kurz, wenn man das Viehische, das unter den Augen der zivilisierten Welt Wochen, Tage und Jahre hindurch sich ereignet hat, in urkundlicher Weise belegt, kennenlernen muß, dann wird man den Glauben an die Menschheit fast verlieren. II. Und wozu das alles? Petljura, einer der hauptverantwortlichen Männer für diese Untaten, ist nicht etwa eine besonders judenf eindliche Persönlichkeit gewesen. Man könnte fast das Gegenteil sagen: Aus den Urkunden geht hervor, daß er sogar gern mit einer Art demokratischer Gesinnung in den Vordergrund rückt und immer erklärte, die Juden seien in seinen Augen Bürger wie andere auch. Dabei war er aber doch sittlichso verkommen, daß er — lediglich um einen ihm genehmen politischen Erfolg zu erzielen — jedes Gebot des Rechtes, der Moral, der Sittlichkeit, des Anstandes mit Füßen trat. Nichts ist für seine Persönlichkeit so bezeichnend wie die diesen Ausführungen vorangestellten Worte: „Die Pogrome helfen die Disziplin im Heere aufrechtzuerhalten", die Petljura zu dem ehemaligen ukrainischen Kriegs-