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Die Wahrheit · 1927-10-07 · Heft 41 (7.10.1927) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 41 (7.10.1927)
Date
1927-10-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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ävscfketat Jeden Sfeeitag SVreis <ti€S€f Jlummei: 50 ^rroscffew D/E WAHRHEIT Cesterreiräiscfke 4WodkewMS€fiTift für jädisdke JTnteresseii Ve*öffenttidkun£en der „tfnion deutsdfcösferr. Juden" Bmdmktloa und Administration: Wien II* JVemesfraJüe 3Tr. 19 Fmrarut 42-2-16 XLIII. Jahrgang Wien 7. Oktober 1927 Nummer 41 Laubhüttenfest Israel, das Volk der Hoffnung, feiert das Fest der Hoffnung. Nicht in steinernen Mietskasernen, nicht in mehrstöckigen Wohnbauten aus Eisen und Beton, wahrhaften Menschenkäfigen, wie sie jetzt allenthalben erbaut werden, sondern in laubgeschmückten Hütten aus Holz feiert Israel das Fest der Hoffnung; denn dort, wo die Trostlosigkeit des großstädtischen Massenelends sich in engen kahlen Räumen zusammendrängt, wo kalte Mauern aus Stein und Erz jede Regung zur Lebenslust und Lebensfreude ersticken, da kann die zarte Pflanze der Hoffnung nur schwer gedeihen; wo aber grünes Laub luftige Hütten bedeckt, wo Sonne, Mond und Sterne zwischen frischen Zweigen und Blättern hindurchleuchten, wo Pflanzen und Früchte, lebendige Symbole der ewig sich erneuernden Natur, den Menschen, über welchen sich bei Tag das blaue Himmelszelt wölbt und bei Nacht das sternenbesäte Firmament, seine Verbundenheit mit dem All, dem ewig Werdenden und Unvergänglichen, bekunden, da quillt aus freudvollen, naturverbundenen, ewigkeitsdurchtränkten Herzen jener köstliche Balsam für alle Bedrängten und Notleidenden: die Hoffnung. Und Israel ist in der Tat das Volk der Hoffnung! Wie hätte es auch ohne Hoffnung bei all dem Furchtbaren, das ihm im Laufe seiner jahrtausendalten Geschichte widerfahren ist, sich aufrechterhalten und mächtige Völker und Reiche überleben können? Nichts vermochte Israel zu entmutigen, keine noch so schweren Versuchungen und Schicksalsschläge waren imstande, es an seiner Zukunft irr zu machen, ihm den Glauben und die Hoffnung zu rauben, jene Hoffnung vor allem, welche, seit Jahrtausenden in der Seele Israels schlummernd, am Tage des Laubhüttenfestes lebendig wird und welche die Propheten in dem Wunsch zusammengefaßt haben: „Der Ewige möge ausspannen die Hütte des Friedens über Israel und Jerusalem." Aber auch nicht in prunkvollen Schlössern, glänzenden Palästen oder vornehm eingerichteten Gebäuden, wie es die Wohnungen der Reichen, Mächtigen, mit Glücksgütern Gesegneten sind, feiert Israel das Fest der Hoffnung, sondern einfache Hütten, aus Holz gezimmert, sind es, in welchen wir unser schönes Fest begehen. Und doch kann von ihnen das herrliche Wort des Psalmisten gesagt werden: „Wie schön sind deine Hütten, Jakob, deine Zelte Israel\u Freilich ist es kein äußerer Glanz, der diese unsere Hütten umgibt, aber die Gottesfurcht, die Freude und Zuversicht, von weichen sie erfüllt werden, verleihen ihnen einen höheren Glanz, eine erhabenere, unvergänglichere Schönheit, als die der prunkvollsten Paläste, und die Hütte aus Holz und Laub hat sich stärker erwiesen als die herrlichsten Paläste der Griechen und Römer, von deren längstvergangener Pracht uns die Ausgrabungen nur ein düsteres und unvollständiges Abbild schaffen können; die Laubhütte aber, das wundervolle Symbol der ewigen Jugend Israels, sie wird bestehen für alle Zeiten! Sie ist nämlich — und das ist der wahre Grund ihrer UnVergänglichkeit — nichts Festgefügtes, nichts Unabänderliches und Abgeschlossenes, das den Keim des Todes und der Vergänglichkeit in sich birgt, sondern sie stellt etwas dar, was weder endgültig, noch unabänderlich ist, sie ist das Judentum selbst, das seine Ausbau- und Entwicklungsfähigkeit bewahrt hat und nicht in Dogmen erstarrt ist, denn Erstarrung bedeutet langsames Absterben und unabwendbare Vernichtung. Unsere Laubhütte, die wir uns zu betreten anschicken, kann also weder als antik bezeichnet werden, trotzdem sie Jahrtausende alt ist, noch auch ist sie im üblichen Sinne des Wortes modern zu nennen, trotzdem sie einer Bewegung, welche glücklicherweise heute im Wachsen begriffen ist und Gartenstädte und Weekendhäuschen schaffen will, unermeßlich weite Zeiträume vorausgegangen ist. Die Laubhütte ist aber auch ebenso sehr das Gegenteil einer proletarischen Kultur, wie sie mit der kapitalistischen Kultur der Gegenwart nichts zu tun hat. In ihrem grünen Laub, durch das die ewigen Sterne blicken, sind vielmehr jene Ewigkeitswerte des Judentums symbolhaft angedeutet, welche diesseitig und jenseitig zugleich, naturhaft und doch gleichzeitig geistig sind. Und darum sind wir Juden, wenn wir die Laubhütte betreten, nicht allein von Hoffnung und Zuversicht für unser schwergeprüftes Volk erfüllt, sondern der Glaube an die Menschheit ist es, den wir gleichzeitig im Herzen tragen. Mag auch dichter Nebel die Zukunft umhüllen, wir bauen auf die Verheißung unserer Propheten und sind trotz alles Schrecklichen, das gerade unsere Generation zu erdulden hatte, der unerschütterlichen Hoffnung, daß sich einst die Hütten des Friedens ausbreiten werden über die ganze Menschheil „Und alle Völker

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