Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 33 (12.8.1927)
- Date
- 1927-08-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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£wacneint iedfen 9*eifag £l^reis dieser Jlinnmer r SO ^voscfiera D/E WAHRHEIT Cesterreidkisifke Wocfienscfkrift für jiidisdie Jnf«essen 17erö/feiifHeßlingen der „Union dents&östen. Juden" Redaktion und Administration: Wien ##., Meine&tmnße JZr. 13 Fernruf 42-2-16 XLIII. Jahrgang Wien, 12. August 1927 Nummer 33 Gefl/ w/ztf Stockholm. Wo waren die jüdischen „Weltfinanziers"? Von Dr. Richard Lewinsohn. Ist Großkapital und Judentum ein und dasselbe? Beherrschen die Juden die Weit, weil sie die Träger des Großkapitals sind? Diese Fragen, die heute den Angelpunkt des internationalen Antisemitismus bilden, werden auch von denjenigen Antisemiten, die sich ihr Metier etwas schwerer machen, gewöhnlich daraufhin bejaht, daß man kurzerhand die Namen einiger prominenter jüdischer Bankiers in den verschiedenen Ländern aneinanderreiht und so die These von der „jüdischen Finanzherrschaft" zu „beweisen" sucht. Das Verfahren ist gewiß von äußerster Primitivität, aber man muß zugeben, daß es auch schwierig ist, gegen diese unbewiesene Behauptung den Gegenbeweis zu führen. Denn die antisemitische These ist so komplex und weitschweifig, daß man in exakter Weise eigentlich nie mehr als einen kleinen Ausschnitt aus dem gesamten Gebiet, eine Teilansicht des ganzen Weltwirtschaftsbildes erfassen kann. Deshalb war es für alle, die an der sachlichen Nachprüfung der antisemitischen These ein Interesse haben, ein glücklicher Zufall, daß sich in diesem Jahr auf zwei großen internationalen Wirtschaftskonferenzen kurz hintereinander einmal Gelegenheit bot, die führenden Vertreter des Großkapitals aus aller Herren Länder einmal in einem Saal versammelt zu sehen und sie unter dem Kennwort „jüdisch oder nichtjüdisch" Revue passieren zu lassen. Hier brauchte man nun nicht mehr „geheimen Fäden" nachzugehen, die nach der Auffassung der Antisemiten von den dreihundert Großen der jüdischen Weltfinanz gesponnen und fest in der Hand gehalten werden, hier hatte man die „Fadenspinner" und „Fadenhalter" öffentlich beisammen und konnte einwandfrei die Probe aufs Exempel machen. Wie ist sie ausgefallen? Zunächst die erste und weltpolitisch bedeutendere der beiden Veranstaltungen: die vom Völkerbund einberufene internationale Wirtschaftskonferenz, die im Mai dieses Jahres in den Räumen des Völkerbundes tagte. Annähernd zweihundert Delegierte aus rund fünfzig verschiedenen Staaten nahmen daran teil, dazu noch etwa sechshundert Sachverständige. Unter den Delegierten und Sachverständigen befanden sich etwa dreißig Gewerkschaftsvertreter und über hundert aktive Beamte aus den Wirtschaftsdepartements und Gesandtschaften der verschiedenen Staaten, die aber auch zum großen Teil ihrem früheren Wirkungskreis und ihren persönlichen Beziehungen nach dem Großkapital nahestehen. Ferner waren einige Dutzend Landwirtschaftsvertreter hinzugezogen worden und schließlich einige Delegierte der Genossenschaftsbewegung. Der Rest, also die große Mehrheit der Konferenzteilnehmer, waren ausgesprochene Vertreter des Großkapitals. Schon äußerlich konnte man in dem Bilde der Genfer Plenarversammlungen wahrnehmen, wie selten unter den Teilnehmern der Konferenz ein jüdischer Typus war. Aber dieser physiognomische Eindruck konnte natürlich täuschen, zumal in einer Versammlung, in der so verschiedene Völker und Rassen dicht nebeneinander saßen. Allein eine Durchsicht der amtlichen Teilnehmerliste ergab denselben Befund. In der deutschen Delegation befand sich unter den delegierten Sachverständigen kein einziger Jude. In der französischen Delegation, die ziffernmäßig die größte war, weil die Franzosen an die fünfzig Experten mitgebracht hatten, befand sich unter den Delegierten ebenfalls kein einziger, unter den Sachverständigen ein Jude. In der englischen Delegation war weder unter den Delegierten noch unter den Sachverständigen ein Jude. Unter den fünf Delegierten und zehn Sachverständigen aus den Vereinigten Staaten von Nordamerika war allein der Direktor der staatlichen Handelsabteilung, Julius Klein, jüdischer Abstammung, in der japanischen Delegation natürlich ebenfalls keiner, und auch innerhalb der großen belgischen Delegation gab es keinen Mann jüdischer Herkunft. Aehnlich verhielt es sich mit der „Verjudung" in den kleineren Delegationen der Genfer Weltwirtschaftskonferenz. Lediglich in der sowjetrussischen Delegation, die aber selbst Antisemiten vom Fach wohl nicht als Vertreter des Finanzkapitals betrachten, war, wenigstens unter dem Begleitpersonal, der jüdische Einschlag stärker, unter den fünf Hauptdelegierten befand sich aber auch bei den Russen nur ein Jude (Sokolnikoff). Demnach wird man, ohne völlige Verdrehung der Wahrheit, auch nicht gut behaupten können, wie es tat-