Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 32 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Erscheint Jeden Sfreitag Sheets diesem Jti&mme*: 50 droscften D/E WAHRHEIT Cesterreidkisene Wocfienscikvift für jüdisdie Jntexessen Veröffentficnuni£en der „Union deutsrfköstevr. Juden" Redaktion und Administration: Wien /#.» Jtteime$AMl|Ie JT«. 13 Fernruf 42-2-1G XLIII. Jahrgang Wien, 5. August 1927 Nummer 32 T&tffo 671w. Will denn der Schmerz kein Ende nehmen? Will der Menschheit ganzer Jammer, der dem Hasse entspringt, sich immer wieder erneuern? Wie lange noch soll der Geist der Zerstörung und Vernichtung triumphierend über Leichen, Brandstätten und Schutthalden hinwegschreiten? Ist es Naturgesetz, ist es der Ausfluß des unerforschlichen Ratschlusses desjenigen, der die Geschicke der Völker und Menschen leitet, daß dem Aufbau die Zerstörung, der Erhöhung die Erniedrigung folge? Muß sich das Schicksal, das Jerusalem betroffen hat, das zweimal in Schutt und Asche gesunken ist und erst jüngst wieder in seinen Grundfesten erschüttert wurde, muß sich dieses furchtbare Geschick naturnotwendig an Israel und an der ganzen Menschheit immer wieder erneuern oder ist es der Mensch selbst, der in sinnloser Wut, in einer Aufwallung von Haß oder Rachsucht vernichtet, was er selbst, was Generationen vor ihm in unermüdlicher Arbeit erbaut haben? Wir haben den furchtbarsten aller Kriege erlebt und gehen vielleicht, wovor uns der Allmächtige behüten möge, noch furchtbareren Zeiten entgegen. Wir haben gesehen, wie mächtige Reiche, die Jahrhunderte hindurch unerschütterlich feststanden, an einem einzigen Tage zusammengebrochen sind. Mußten wir es nicht erst vor kurzem miterleben, wie rasender Ausbruch elementaren Hasses gegen alles Bestehende, sinnloser Vernichtungswille die Brandfackel in einen unserer herrlichsten Paläste schleuderte, wie Volkswut und Rachsucht sich an lodernden Flammen und einstürzenden Mauern ergötzte und unsere friedliche Stadt zu einer Stätte des Blutes, des Feuers und der Schande machte? Haß, Rachsucht und Unverträglichkeit haben die Grundfesten Jerusalems erschüttert, Haß, Rachsucht und Unverträglichkeit haben Kriege und blutiges Verderben über die Menschheit gebracht, Haß, Rachsucht und Unverträglichkeit haben neuerdings über eine friedliche Stadt ein furchtbares Unglück heraufbeschworen. Und nun, da wir, von Schmerz und Trauer erfüllt, am Zehnten des Monates Ab, dem Kulminationspunkt der Leidensgeschichte unseres unglücklichen Volkes, all des Grauenvollen, des Fürchterlichen gedenken, das uns widerfahren ist, schließen wir den Jammer der Menschheit in unsere Trauer ein. Denn, mag auch unsere staatliche, unsere nationale Existenz an jenem furchtbaren Tage vernichtet worden sein, es ist doch keine nationale Trauer, die uns bei dem Gedanken an die Zerstörung Jerusalems erfüllt, es ist vielmehr der „Weltangstschrei der Menschheit", wie ihn Popper-Lynk e u s, ein großer Weiser in Israel, genannt hat, der uns innerlich erheben macht. Diesen Weltangstschrei hat kein Volk so schreckensvoll erschallen gehört wie Israel, das geplagteste und gequälteste aller Völker, diesen Weltangstschrei hat kein Volk so oft und laut in finsterer Nacht zu den ewigen Sternen emporgesendet wie die Kinder Abrahams. Kriege und Revolutionen sind über die Menschheit hinweggezogen, furchtbare Elementar katastrophen, Erdbeben, Sintflut, Hungersnot und Pest, haben immer wieder tiefe Furchen in das schmerzverzerrte Antlitz des Menschen eingezeichnet, Hass und Wut haben dasselbe bis zur Unkenntlichkeit entstellt — und doch istuns der Glaube an die Menschheit nicht geschwunden. Sehen wir doch, wie sich, kaum daß das Vernichtung bringende Ereignis vorüber ist, tausend fleißige Arme regen, um aufzubauen, was zerstört wurde und von neuem zu schaffen, was nicht vollendet werden konnte, sehen wir doch, wie trotz aller Rückschläge Kultur und Zivilisation fortschreiten, wie gerade zu Zeiten, wo der Haß und der Vernichtungswille Orgien feiern, auch Menschenfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft, wenn auch nur schüchtern, ihr Haupt erheben, sehen wir doch, wie ein Volk, klein an Zahl und vollständig wehrlos, trotz aller Verfolgungen und trotz eines Meeres von Haß, das es leider noch immer umbrandet, das Banner der Menschlichkeit und Gerechtigkeit durch die Jahrhunderte hindurch getreu bewahrt und die Offenbarung, die es von Gott empfangen, einer unerlösten und durch eigenes Verschulden notleidenden Menschheit unaufhörlich verkündet. Darum vertrauen wir darauf, daß der, welcher uns errettet hat aus tausendfältiger Not, daß wir seinen Namen künden allen Völkern, uns Trost spenden wird in der Stunde der Trauer und, wie er unsere Väter nicht verlassen hat, so auch uns nicht verlassen wird. Diese eine Gewißheit wollen wir aus der Geschichte unseres Volkes schöpfen, mag sie auch noch so leidensvoll gewesen sein, diesen einen Trost wollen wir gerade am schmerzvollsten Tage